Dürre im Dschungel

von Sascha Westphal

Recklinghausen, 2. Juni 2016. Eigentlich hätte es regnen müssen, nein, nicht nur einfach regnen, sondern so richtig schütten, aus allen Schleusen des Himmels. Einer dieser beinahe sintflutartigen Schauer, die in den Stunden und Tagen vor der Premiere des ersten Teils von Thomas Köcks "Klimatrilogie" über Teile des Landes hinweggezogen sind, hätte eine ideale Kulisse für diesen das Theater überflutenden Text abgegeben, der in seinen Bühnenanweisungen unter anderem ein "bühnenfüllendes schiffswrack" empfiehlt. Aber es fiel nur abendlich-milder Sonnenschein in die Halle König Ludwig 1/2.

Thomas Köcks Überforderungspoesie

Das Schiffswrack, das Thomas Köck als Bühnenbild-Möglichkeit in den Raum stellt, ist nur eine der zahllosen Überforderungen, die "paradies fluten" konsequent zum ästhetischen und politischen Prinzip erhebt. Der 1986 in Oberösterreich geborene Autor denkt groß. Ihm geht es um die gesamte Welt mit all ihren Problemen und Krisen, um die in Alternativlosigkeit erstarrte Gegenwart und um die Ereignisse der Vergangenheit, die uns zu dem gemacht haben, was wir heute sind. Also fügt er das zusammen, was natürlich zusammengehört und doch kaum einmal zusammen betrachtet wird: Die von 1993 bis 2017 reichende Geschichte einer durchschnittlichen Kleinfamilie aus Vater, Mutter, Tochter prallt auf eine Erzählung aus der Hochphase des europäischen Kolonialismus des späten 19. Jahrhundert.

paradies fluten2 560 Ensemble c Andreas EtterDas Mainzer Ensemble in der Regie von Sara Ostertag zeigt Thomas Köcks "parades fluten" bei den Ruhrfestspielen © Andreas Etter

1890 kommt der junge deutsche Architekt Felix Nachtigal nach Brasilien, um im Dschungel ein Opernhaus zu errichten. Kultur als Gegenpol zum Markt, der das Land und die Menschen ausbeutet, das ist sein Traum. Hier, wo der Kautschuk gewonnen wird, mit dem in Europa und in den Vereinigten Staaten das Zeitalter der unbegrenzten Mobilität eingeläutet wird, will er eine Gegenwelt erschaffen und scheitert kläglich an der unsichtbaren Hand des Marktes, die zur Durchsetzung ihrer Interessen sehr sichtbare "Schlägerbanden" bezahlt.

Die Erben des Kolonialismus

Um Kunst und Gummi, Kultur und Reifen kreist dann auch die Kleinfamilie unserer Tage. Der Vater hat sich 1993 im Alleingang selbstständig gemacht und damit den Zorn der Mutter auf sich gezogen. Und natürlich ist sie es, die recht behält. 21 Jahre später ist die Autowerkstatt des Vaters nur eine traurige Geschichte des Scheiterns kapitalistischer Träume. Die Tochter versucht sich indessen als Tänzerin durchzuschlagen. An ein Festengagement ist nicht zu denken, also hangelt sie sich von Gastauftritt zu Gastauftritt. Das ist die Freiheit, von der im Neoliberalismus stets die Rede ist.

Zwischen die Szenen in Brasilien und in Deutschland schiebt Köck dann gelegentlich noch poetische Textströme: "aber / es entsteigen der materialflut aufgescheuchte erinnerungen / ohne eigentümer". Im Rhythmus der Worte schwingen Möglichkeiten mit, die das Stück noch weiter öffnen. Vieles ist denkbar, auch eine große Choreographie, ein Tanz-Theater, das die Worte verdrängt und sich seine eigenen Bilder von unserer späten, dem Verderben entgegen fließenden Moderne macht. Oder wie Köck selbst vorschlägt: "die erinnerungen, die die bühne überfluten dürfen und sollen auch sehr gerne solche der schauspielerinnen tänzerinnen intendantinnen musikerinnen regisseurinnen etc sein".

paradies fluten1 560 c Andreas EtterWelt am Draht: Gesa Geue, hinten: Klaus Köhler, Catherine Janke © Andreas Etter

In Recklinghausen überflutet nichts die leere Bühne, weder Erinnerungen noch Ideen, weder Bilder noch Klänge. Alle üben sich in einem uninspirierten Minimalismus, dessen einförmigen Ton Regisseurin Sara Ostertag selbst vorgibt. Sie steht hinter dem Bühnenpodest und liest Köcks Regieanweisungen in einem leiernden, österreichisch eingefärbten Tonfall vor, während auf der Bühne Gesa Geue, Catherine Jahnke und Klaus Köhler nicht nur Tochter, Mutter und Vater, sondern gleich auch alle anderen Figuren geben. Doch selbst das ist eigentlich schon eine Übertreibung.

Zu Ambient-Sounds durch abgezirkelte Choreographien

Die drei sprechen oder lesen Köcks Texte, verfallen gelegentlich sogar mal auf etwas, das entfernt an Spiel erinnert, und schlurfen ansonsten in abgezirkelten, aber aussagelosen Choreographien über die weitgehend leere Spielfläche. Statt der von Köck imaginierten Untergangsmusik steuert Timm Roller einen enervierenden Ambient-Soundtrack bei, eine Klang gewordene Travestie von Atmosphäre. Mehr als Karikaturen hat Sara Ostertag sowieso nicht im Sinn. Die Mutter wird bei Catherine Janke zur schrillen Xanthippe, der Vertreter des Marktes bei Klaus Köhler zum selbstgefälligen Aufschneider. Nur Gesa Geue bewahrt der Tochter und dem Architekten noch einen Rest von Würde. Diese Künstler entkommen dem System zwar nicht, aber ihre Sehnsüchte zeugen zumindest von Alternativen.

Am Ende von Köcks einleitenden Empfehlungen heißt es: "da das alles sicherlich sehr viel ist für einen abend empfehle ich den text häufig nachzuspielen". Dem kann man sich nach dieser Uraufführung, in der alles viel zu wenig für einen abend ist, nur anschließen. Der Reichtum dieses Textes wartet auf jeden Fall noch darauf, erkannt und genutzt zu werden.

 

paradies fluten (verirrte sinfonie)
von Thomas Köck
Uraufführung 
Regie: Sara Ostertag, Bühne: Wolf Gutjahr, Kostüme: Jenny Mosen, Musik: Timm Roller, Licht: Jürgen Sippert, Dramaturgie: Jörg Vorhaben.
Mit: Gesa Geue, Catherine Janke, Klaus Köhler, Timm Roller, Lea Lupescu, Sara Ostertag.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
Koproduktion der Ruhrfestspiele Recklinghausen mit dem Staatstheater Mainz

www.ruhrfestspiele.de
www.staatstheater-mainz.com

 

Anmerkung der Redaktion (vom 23.9.2016):  Für die Mainz-Premiere wurde die Inszenierung von Sara Ostertag überarbeitet. Der Rezensent sah den Abend in seiner Uraufführung für die Ruhrfestspiele und nicht am Staatstheater Mainz. 

 

Kritikenrundschau

Es sei "ein gewaltiger Brocken, den der junge österreichische Dramatiker und Kleist-Förderpreisträger Thomas Köck Regisseurin Sara Ostertag da hinwirft", meint Michael Jacobs für die Allgemeine Zeitung (23.9.2016). "Doch dass sich das Staatstheater Mainz an 'Paradies Fluten', einer titanischen Sprachpartitur (...) 'verhoben' habe, ja bei der Uraufführung im Rahmen der Ruhrfestspiele Recklinghausen 'grandios gescheitert' sei, wie der Kritiker des Deutschlandradios in den Äther donnerte, lässt sich bei der Premiere der überarbeiteten Fassung im Mainzer Glashaus nun nicht unbedingt behaupten." Das Ensemble schaffe es durchaus, "den im Sprachstrom aufschäumenden 'zerstörten tableaus vivants der Postmoderne' (...) Kontur zu verleihen." "Auch wenn die Welt am Ende des Abends untergegangen sein wird – diese Inszenierung ist es jedenfalls nicht."

 Als "ein eher konfuses Textkonvolut" empfindet Shirin Sojitrawalla den Text von Thomas Köck in der Frankfurter Rundschau (22.9.2016). "In (...) spärlichem Ambiente verhandelt der Abend große und letzte Fragen rund um die Wirtschaftlichkeit unseres Tuns. Dabei stellt der Text die Systemfrage so ausdauernd, dass sie einem zu den Ohren herausflutet." Die Regisseurin Sara Ostertag versuche laut Sojitrawalla "ernsthaft und ehrenhaft, Köcks ausufernden Text zu bändigen", schafft es aber dennoch nicht, "die 90 Minuten vorm Untergang zu retten (...). Woran es Stück und Inszenierung mangelt, ist Wahnsinn."

"Diese Aufführung ist ein perfektes Beispiel dafür, wie Theater keinesfalls mit neuen Stücken umgehen sollten", poltert Stefan Keim von Deutschlandradio Kultur (3.6.2016). "Die Theatermacher halten es sich vom Hals, plappern die Texte meist mit billiger Ironie herunter und verstehen rein gar nichts. Sie probieren ein paar formale Spielchen aus, verdoppeln mal einen Text, indem zwei ihn leicht zeitversetzt sprechen, aber das alles bleibt hohl und oberflächlich." Es bleibe zu hoffen, dass andere Theater die Herausforderung dieses  faszienierenden Stückes annehmen. "Denn das war nicht die Uraufführung, das hieß nur so."

 
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