Nathans Erben

von Sascha Westphal

Münster, 3. Juni 2016. Das Paradies ist das nicht, und doch kommt dieses Rasenviereck im Zentrum der Bühne ihm recht nahe. Zwei Frauen und zwei Männer liegen schlafend, träumend auf dieser kleinen Wiese. Zwei Kinder flüstern ihnen etwas ins Ohr, vielleicht sogar die Geschichte von Gott und Abraham, der seinen Glauben unter Beweis stellen und seinen Sohn opfern soll. Zumindest spielen der Junge und das Mädchen gleich darauf ein Quiz: "Wer bin ich?". Zunächst soll sie raten, dann er. Die Fragen sind dieselben, die Antworten im Prinzip auch. Nur ist er Abraham, der Stammvater Israels, und sie Ibrahim, der erste Prophet des einen und einzigen Gottes.

Schon sind wir bei der Quelle der jüdischen, muslimischen und christlichen Religion. Es ist wie in Lessings Ringparabel, im Ursprung sind sie eins. Dieser Gedanke schwebt unausgesprochen über der Uraufführung von Tuğsal Moğuls neuestem Rechercheprojekt "Deutsche Konvertiten", das zusammen mit "Die deutsche Ayşe" und "Auch Deutsche unter den Opfern", seinen beiden früheren Arbeiten am Theater Münster, eine lose Trilogie bildet. Wie einst Lessing geht es Moğul nicht darum, die einzelnen Religionen gegeneinander auszuspielen. Sie stehen vollkommen gleichberechtigt nebeneinander, auch wenn sich drei seiner vier Protagonisten dafür entschieden haben, ihre Wurzeln im evangelischen Glauben hinter sich zu lassen.

DeutscheKonvertiten3 560 Oliver Berg uDie Bühne von Ariane Salzbrunn als Hintergarten Eden © Oliver Berg

Kein Hass, nur Schmerz

Aaron, Ida, Marc und Sarah haben nach langem und intensivem Suchen und Ringen mit sich selbst ihre Glaubensrichtung gewechselt. Sie sind konvertiert. Für Aaron waren seine Erfahrungen als Kind und Jugendlicher in Afghanistan ausschlaggebend. Wenn er voller Trauer und Schmerz von den von den Taliban inszenierten Hinrichtungen erzählt, versteht man sofort, warum er für die christliche Botschaft der Vergebung so empfänglich war und sich schließlich in Deutschland evangelisch taufen ließ. Jonas Riemer spielt diesen Mann ruhig und zurückhaltend. Da sind keine Wut und auch kein Hass in seinen Erzählungen, nur Trauer und Schmerz.

Für Aaron ist der Islam für immer mit der Gewalt verknüpft, deren Zeuge er wurde. Für die von Andrea Spicher gespielte promovierte Soziologin Sarah ist er der Quell einer tieferen Freiheit. Wenn sie ihm Zuge ihrer Konversion das Kopftuch anlegt, kann es keinen Zweifel daran geben, dass sie damit einen Akt der Befreiung vollzieht. Die Klischees, die in den westlichen Gesellschaften vorherrschen, fallen in diesem Moment einfach in sich zusammen.

Klassisches Erweckungserlebnis

In Andrea Spichers Spiel, in ihren Bewegungen, liegt eine Selbstverständlichkeit, die noch mehr als alle Worte erzählt. Sarah, die nun Zehra heißt, hat im muslimischen Glauben, die Heimat gefunden, nach der letzten Endes alle vier Konvertiten in Moğuls Rechercheprojekt gesucht haben. Nur war es für sie viel einfacher als für Ida, die selbst nach ihrem Übertritt zum jüdischen Glauben immer noch mit der Ablehnung durch die orthodoxen Jüdinnen in ihrer Gemeinde zu kämpfen hat.

Es liegt fast etwas Trotziges in der Art, in der Carola von Seckendorff als Ida ihren Tallit, den traditionellen Gebetsmantel, ausbreitet und wieder zusammenlegt. Sie muss sich behaupten, und gerade daraus zieht sie ihre Kraft. Damit ist sie das genaue Gegenteil von Marc, der durch die Krebserkrankung seiner Frau zurück zur Religion gefunden hat. Sein Übertritt zum Katholizismus hat etwas von einem klassischen Erweckungserlebnis. Mit entwaffnender Naivität schwärmt Maximilian Scheidts Erfinder von seinem neuen Glauben.

DeutscheKonvertiten1 560 Oliver Berg uJuden, Muslime und Christen gleichberechtigt nebeneinander: Carola von Seckendorff, Jonas Riemer, Andrea Spicher, Maximilian Scheidt © Oliver Berg

Wie schon "Die deutsche Ayşe" bricht auch "Deutsche Konvertiten" mit erstarrten Diskursen. Wenn in den Medien von Konvertiten die Rede ist, dann geht es meist um bärtige junge Männer in weißen Gewändern, die sich als Salafisten radikalisiert haben. Diesem Schreckensbild stellt Tuğsal Moğul vier, auf realen Biographien basierenden Lebensgeschichten entgegen. Aaron, Ida, Marc und Sarah wollen niemanden missionieren. Sie legen einfach auf ihre Weise Zeugnis von einem Leben ab, das erst durch den neuen Glauben vollständig geworden ist.

In dem gegenwärtig derart aufgeheizten gesellschaftlichen Klima geht von Moğuls Projekt eine ungeheuere politische Kraft aus. Wie Lessings „Nathan“ ist „Deutsche Konvertiten“ ein rückhaltloses Plädoyer für gegenseitige Toleranz, für die Moğul ein wundervolles Theaterbild findet. Gemeinsam erbauen Jonas Riemer, Maximilian Scheidt, Carola von Seckendorff und Andrea Spicher aus Fertigteilen, die an übergroße Spielzeugsteine erinnern, ihr Gotteshaus. Christliche, jüdische und muslimische Zeichen vermischen sich zu einer Einheit, in der alle ihren Platz finden.

 

 

Deutsche Konvertiten (UA)
Ein Rechercheprojekt von Tuğsal Moğul
Regie: Tuğsal Moğul; Bühne & Kostüme: Ariane Salzbrunn; Musik & Einstudierung: Jonas Nondorf; Dramaturgie: Michael Letmathe
Mit: Johanna Harjes, Leonard Marx, Anna Große Onnebrink, Jonas Riemer, Maximilian Scheidt, Carola von Seckendorff, Andrea Spicher, Kasimir von Seckendorf,
Dauer: 1 Stunde 25 Minuten, keine Pause

www.pumpenhaus.dewww.theater-muenster.com



Zum Stand des zeitgenössischen Recherchetheaters schrieben Autor und Regisseur Tobias Rausch und Dramaturgin Ruth Feindel im Januar 2016 den Essay Von jetzt an ist alles Material.

 

Kritikenrundschau

Tuğsal Moğul thematisiere etwas grundlegend Menschliches, das in unserer säkularisierten, multikulturellen Gesellschaft mehr und mehr in den Blickpunkt rücke: "die Suche nach Halt und Struktur in einer Religion", schreibt Isabell Steinböck in den Westfälischen Nachrichten (5.6.2016). Dass sich die "teils beklemmend-dramatischen, teils humorvollen Szenen" mitunter an der Grenze des Kitsches befänden, relativere sich durch ironische Momente. "Ein wichtiges Stück."

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