Die Sehnsucht nach dem Nutella-Brot

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 3. Juni 2016. Keiner protestiert, wenn Beamte Citybags durchkramen und aus Handtaschen Dinge für alle Umstehenden sichtbar herausziehen. Wie ist das doch mit den Menschenrechten? Unsere Toleranzgrenze liegt eh erstaunlich hoch. Ist das schon die erste Szene von Clemens Bechtels theatralem Feldversuch?

Der Gegenwart entnommen, vor Ort recherchiert

Ist es nicht, bloß burleskes Vorspiel mit Beamten-Ernst. Mit der letzten Spielzeitpremiere "Jeder ... niemand. Graz und die Menschenrechte" geht das Grazer Schauspielhaus nämlich ins dortige Landesgericht. In solche Gebäude darf schon längst kein Undurchleuchteter mehr, deshalb die Perlustrierung der mit etwas über zwanzig Leuten gezielt kleinen Zuschauerschar.

JederNiemand2 560 Lupi Spuma uAkten szenisch beleben: das Grazer Ensemble im Landesgericht © Lupi Spuma

Clemens Bechtel hat sich ein knappes, unprätentiöses, aber gerade deshalb eindringliches Stationen-Kammerspiel ausgedacht, dessen Stoffe der Gegenwart entnommen, zum Teil vor Ort recherchiert sind. Im Stiegenhaus: Die Geschichte vom Saudi-Araber Mohammed, der zufällig in Pakistan in US-Fänge kommt. Von Monaten und Jahren der entwürdigendsten Folter und quälenden Ungewissheit wird er berichten, nachdem ein US-Untersuchungsrichter mit knappen Worten einen Irrtum festgestellt haben wird. Die Anschuldigungen seien aus dubioser Quelle gekommen. Ein Drittel seines Lebens wird der junge Mann in Guantanamo verbracht und dann nicht mal ein leises "Sorry" gehört haben ...

Tagebücher, Mails und Facebookbotschaften

Eine Schauspielerin und zwei Schauspieler erzählen sachlich, lapidar das Echte mit surrelaer Anmutung. Solches haben wir auch im nächsten Spielraum, einem Verhandlungssaal, vor uns: Um "IS-Bräute" geht es hier, um ein Grazer Mädchen, dem im Vorjahr hier der Prozess gemacht wurde. Anhand von Faceboock-Botschaften und Tagebuch-Eintragungen lernen wir die 17jährige kennen, die manch krudes Zeug schreibt, aber auch Klarsichtiges. Ist die junge Dame von jemandem hoffnungslos "verhetzt" oder ist ihr Denken pubertär entgleist? "Manchmal möchte ich nur hierbleiben und ein Nutella-Brot essen", schreibt sie knapp vor dem Aufbruch nach Syrien. Und wie man sie nachher "analysieren" wird, beschreibt sie in einem Mail an ihren ehemaligen Freund hellsichtig und gedankenklar. Einer der ersten Sätze in dieser Story war: "Man muss den Fall von der subjektiven Seite sehen." Wie sonst?

Die Gruppe weiß gekleideter junger Menschen, die zu Beginn wie eine Horde Lemuren schreiend durchs Haus getobt ist, steht auf dem Weg zum dritten Spielort im Gang. In ihrer jeweiligen Sprache lesen und erzählen die jungen Leute, unter ihnen einige "echte" minderjährige Flüchtlinge, ihre Geschichten. Im Saal drinnen werden wir ihre Akten mit Spagat umschnürt mit aufgestempelter Aktenzahl liegen sehen. Die drei Schauspieler werden "Fallbeispiele" lesen, aus Protokollen Jugendlicher, die hier gestrandet sind.

JederNiemand1 560 Lupi Spuma uCharismatischer Ort: das Oberlandesgericht Graz. © Lupi Spuma

All das passiert in einer guten Stunde. Kein Thema wird zu Tode geritten und vor allem wird inhaltlich kein ideologisches Todesurteil gesprochen. Das Schauspielerische hinter der nüchternen Dokumentation sind eher knappe Interventionen (etwa wenn junge Bräute gehetzt hereinplatzen und die Türen hinter sich zuschlagen). Charismatisch, aber nicht zwingend der Ort. Das historistische Gebäude spiegelt k.&k-Uralt-Beamtentum. Der Untertitel der Aufführung, "Graz und die Menschenrechte", ist jedenfalls zu klein ausgefallen: All das könnte überall sein, überall wahrgenommen, überall beschrieben werden könnte. Man geht mit viel Nachdenklichkeit.

Was sonst noch beim Dramatiker*innenfestival lief:

Mit dem viertägigen "Dramatiker*innenfestival Graz", schließt Iris Laufenberg ihre erste Grazer Spielzeit ab: Die Intendantin, die das Festival gemeinsam mit Edit Draxl vom Drama Forum initiierte,  hat ausgeprägte Neugier für junge Dramatik und sie lugt dabei über den deutschsprachigen Raum hinaus: Die Spielzeit eröffnete sie bereits mit dreizehn in Auftrag gegebenen Kurzstücken vorwiegend junger Autorinnen und Autoren. Die neue Spielzeit soll mit der Uraufführung des Auftragswerks von Thomas Arzt "Die Neigung des Peter Rosegger" beginnen.

Für das Leseprojekt "Our Stories" jetzt beim Dramatiker*innenfestival hat sie eine Schreibwerkstatt von Jugendlichen aus Graz, Syrien und Afghanistan, in Zusammenarbeit mit dem syrischen Schriftsteller Mudar Alhaggi und dem Schweizer Dramaturgen und Regisseur Erik Altorfer veranstaltet. Und Iris Laufenberg hat den Blick nach Rumänien, Moldawien, Argentinien und in den Kongo ausgeweitet, etwa mit Jan-Christoph Gockels multinationalem Gastspiel "Coltan-Fieber" oder "The Spectator Sentenced to Death" aus dem Nationaltheater Cluj.

Aus dem rumänischen Cluj kommt auch die rührende straßentheatertaugliche Miniatur "Killed by friendly fire", eine Independent Production der Cluj-Napoca Fakultät für Film und Theater: Ein rumänischer Handwerker kehrt aus der Fremde zurück ins Dorf, in der Hoffnung auf wirtschaftlichen Aufwnd. Ausgerechnet dort erliegt er den Verführungen einer gierigen Wirtschaft, die ihn um die Selbständigkeit bringt. Das Zweipersonenstück von Ştefana und Ioan Pop-Curşeu lässt sich mit minimalen Mitteln umsetzen, Volkstheater vom Liebenswürdigsten.

Zwischen Textinstallationen, Hackschnitzelkönig und Wandeltheater

Das Schauspielhaus Graz hat das Dramatiker*innenfestival zsammen mit dem Drama Forum Graz und dem Deutschen Literaturfonds erfunden und ausgerichtet. Das Drama Forum tritt immer mehr in die Fußstapfen des früher in Schauspieldingen bedeutenden Forum am Stadtpark. Jedenfalls hat das aus einem universitären Kultur- und Sozialverein herausgewachsene Drama Forum unter seiner künstlerischen Leiterin Edith Draxl einen bemerkenswerten Output: Als Lehrende und Mentoren hat man sich  Leute wie Marius von Mayenburg, René Pollesch, Roland Schimmelpfennig, Oliver Bukowski, Thomas Ostermeier geangelt, man vergibt im Zweijahrestakt unter Kursteilnehmern den "Retzhofer Dramapreis": Da firmieren seit 2003 Namen wie Gerhild Steinbuch, Ewald Palmetshofer, Ferdinand Schmalz, zuletzt Özlem Özgül Dündar und Miroslava Svolikova.

Unter dem Motto "Grenzüberschreitungen“ bot das Drama Forum am Donnerstag und Freitag eine Art "Wandeltheater" in einem Abbruchhaus in einem der Grazer Gründerzeit-Viertel: Da gab's Text-Installtaionen und Live-Spiel, man war eingeladen zu promenieren, zu goutieren. Und die Autoren waren natürlich selbst da. En passant mitgenommen den "Hackschnitzelkönig" von Ferdinand Schmalz... das hatte schon was.

 

Jeder ... niemand. Graz und die Menschenrechte
Szenischer Parcours im Oberlandesgericht und Landesgericht für Zivilrechtssachen Graz
Ein Rechercheprojekt von Clemens Bechtel
Konzeption, Gestaltung, Realisierung: Clemens Bechtel, Frank Holldack, Dramaturgie: Jennifer Weiss.
Mit: Vera Bommer, Jan Brunhoeber, Gideon Maoz.
Dauer: 1 Stunde, 5 Minuten (bzw. 1 Stunde 40 Minuten inklusive Weg vom Schauspielhaus ins Landesgericht und Personenkontrolle)

www.schauspielhaus-graz.com

 

Mehr lesen? Zum Stand des zeitgenössischen Recherchetheaters schrieben Autor und Regisseur Tobias Rausch und Dramaturgin Ruth Feindel im Januar 2016 den Essay Von jetzt an ist alles Material.

 

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