It's the identity, stupid!

von Steffen Becker

Karlsruhe, 5. Juni 2016. In diesem Leben werden Beatrix von Storch, Birgit Kelle, Hedwig von Beverfoerde und Falk Richter keine Freunde mehr. Nachdem Gerichte eine Klage gegen den Autor wegen der Darstellung seiner homophoben Gegnerinnen im Stück "Fear" abgeschmettert hatten, legt er mit einem Update seines vorangegangen Werks "Small Town Boy" nach. Am Staatstheater Karlsruhe erhalten (wenig vorteilhafte) Bilder der Pin-Up-Girls ultrakonservativer Gruppierungen nun ebenfalls einen Platz – in einem Gruseldiorama mit Wladimir Putin. Regisseur Atif Hussein projiziert sie groß auf die Leinwand. Ätsch Mädels, die Runde geht an die Homolobby.

Richter geht noch einen Schritt weiter. Einen zentralen Monolog hat er umgeschrieben. Die Klage über die Schwulenhatz in Russland ersetzt er durch eine Suada gegen AfD, Pegida und die christlich-fundamentalistische "Demo für Alle" in Stuttgart: Die Einschläge kommen näher. Regisseur Hussein macht das deutlich, indem er die Zuschauer mit Tondokumenten aus Interviews während der "Demo für Alle" empfängt. Im vertrauten Dialekt reden Menschen über Homosexualität als Krankheit. Sie empfehlen Heilung durch Jesus Christus und prophezeien das Jüngste Gericht, wenn das so weitergeht mit der Verführung der Kinder durch Dildospiele im Kindergarten.

small town boy2 560 Felix Gruenschloss uIhr Thema ist die Identität: Gunnar Schmidt, Meik van Severen © Felix Grünschloß

Warum tun sie das? Richters Antwort in Anlehnung an Bill Clinton: It's the identity, stupid. Was ist ein Mann, was ist eine Frau? – Ist die Antwort der "Gesellschaft" nicht mehr eindeutig, wird für einige der Rückgriff auf die autoritäre, biblisch definierte Variante wieder attraktiv. Aber auch Richters queere Small Town Boys and Girls verzweifeln an der Suche nach Identität. Für beide Gruppen scheint die Vielfalt an Optionen eine Qual zu sein.

Verkompliziert noch durch den Umstand, dass Small Town Boy als szenisches Rechercheprojekt mit Schauspieler*innen des Berliner Gorki-Theaters entstand. In Karlsruhe fehlen die biografischen Bezüge zu den Darsteller*innen. Dadurch geht Authentizität verloren. Dem (offen heterosexuell lebenden) Gunnar Schmidt nimmt man sie etwa nicht so ganz ab, die Rolle als Opfer schwuler Sex-Date-Apps, das sich inmitten der Fülle körperlicher Verfügbarkeit nach einer verwandten Seele sehnt. Andererseits wird so sichtbarer, dass die queeren Figuren oft nur gesellschaftliche Rollen spielen. Nix mit Ausbruch aus Konventionen, man ersetzt sie durch andere.

Abziehbild einer Frau von Macht

Regisseur Hussein verstärkt den Effekt, indem er auf Satire setzt. Schmidt und Meik van Severen karikieren auf herrlich überkandidelte Art die Darstellung schwuler Paare in Soaps. Diese geraten immer wieder in Identitäts-Turbulenzen, weil sich immer einer in Frauen verliebt (Riesenlacher bei den schwulen Männern im Publikum). Veronika Bachfischer brilliert als Abziehbild einer Frau mit Macht, die diese quasi unanständige Rolle innerlich ausgleichen muss – indem sie sich im beliebig zusammenschiebbaren trauten Bühnen-Heim in Anlehung an "Psycho" vom vermeintlichen Gipfel der Machokultur (Arabern) missbrauchen lässt. Ihre Kollegen lesen dazu schwachsinnige Stellen aus Fifty Shades of Grey (wissendes Kichern der Frauen im Publikum).

small town boy1 560 Felix Gruenschloss uEin ungleiches Paar: Sebastian Reiß, Luis Quintana © Felix Grünschloß

Ein besonderes Pärchen - in unterschiedlichen Konstellationen - geben Luis Quintana und Sebastian Reiß ab. Anpassung vs. Out&Proud, der scheinbar ewige Zwist innerhalb der Community: Auf der einen Seite der schüchterne Frat Boy (will nicht über Sex reden, outet sich am Ende als Hetero), auf der anderen Seite der Mann, der nicht einsieht, warum man in einem Stück über Schwule nicht auch über Analsex sprechen sollte. Richter und Hussein erheben Reiß zur Stimme des queeren "Volkes". Der zentrale und neu geschriebene Monolog ist allerdings die größte Schwachstelle der Karlsruher Inszenierung. Das liegt nicht an Reiß. Er redet sich hinreißend in Rage, z.B. über Erika Steinbach und ihre bigotten Konsorten, über die Menschenverachtung, mit der sie ihr kaltes Welt- und Familienbild der Gesellschaft aufzwingen wollen. Die Wutrede wird von Szenenapplaus unterbrochen. Je länger sie aber dauert (und sie dauert sehr/zu lange), umso mehr fallen die Parallelen in der Argumentation von Richter und den Soundschnipseln der Demo für alle vom Beginn auf. Die Gegner werden abqualifiziert als Gefahr für die Gesellschaft, beide Argumentationen sind absolut - Wir gegen die.

Alles hoffnungslos

Klar, man sieht sich die Bilder der Demo für alle-Hexen im Diorama an und freut sich, dass den Eiferinnen kräftig eingeschenkt wird. Doch auch wenn der nachtkritik-Autor begeistertes Mitglied der Homolobby ist, fragt er sich danach: Ist die beste Antwort auf den Hass, den von Beverfoerde, Kelle und von Storch schüren, der Hass auf diese und ihre Anhänger? Zum Schluss hat eine Puppe mit Anleihen an den alten Homo-Aktivisten Rosa von Praunheim einen großen Auftritt – sie lässt ihren letzten Atemzug und wird zu Grabe getragen. Mitsamt wohl den intellektuellen 68er-Diskursen, die in Zeiten harter Konfrontation nichts mehr taugen. Das macht einen wehmütig. So einen Diskurs-Schub wie ihn die alte Garde früher entfachte, bräuchte man vielleicht auch heute, um eine selbstbewusste Haltung in Zeiten der Polarisierung zu erreichen. Falk Richters Karlsruher Small Town Boy bietet da allenfalls sehr unterhaltsame Hoffnungslosigkeit.

 

Small Town Boy
von Falk Richter
Regie & Puppen: Atif Mohammed Nour Hussein, Bühne & Kostüme: Petra Korink, Musik: David Rynkowski, Dramaturgie: Michael Gmaj.
Mit: Veronika Bachfischer, Luis Quintana, Sebastian Reiß, Gunnar Schmidt, Meik van Severen.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.staatstheater.karlsruhe.de

 

Kritikenrundschau

Der Regisseur setze auf mehrfache Brechungen des Stoffs, schreibt Sibylle Orgeldinger in den Badischen Neuesten Nachrichten (8.6.2016). Die Figuren sieht sie durch "live gesungene Popsongs, Prijekte, Episoden und Affären stolpern. Homosexuelle wie Heterosexuelle verheddern sich in der Vielfalt der Optionen". Dabei gehe es mal sentimental, mal sexuell explizit und oft satirisch zu. Am Ende protokolliert die Kritikerin "rhythmischen Beifall und Ovationen im Stehen."

Hussein habe "den Text ideenreich inszeniert und dabei eindringliche Bilder geschaffen", schreibt Rüdiger Krohn im Pfälzer Tageblatt (9.6.2016). Dabei entfaltet sich das Werk aus seiner Sicht "als eine Abfolge von Monologen mit teils tragischen, teils auch amüsanten Zeugnissen gleichgeschlechtlicher Selbst- und Fremderfahrung." Ergänzt würden diese Soli "durch Spielszenen, in denen neben den Betroffenen auch Außenstehende zu Wort kommen, und vermeintlich provokante Dialoge, in denen der Autor nicht nur einen "bekenntnishaftem (Über-)Eifer" sondern auch  "eine manische Besessenheit von der Ausbreitung sexueller Unappetitlichkeiten" offenbare. Das ist für Krohn "bisweilen Geschmackssache", empört aus seiner Sicht "allemal niemanden mehr und taugt jedenfalls nicht, dem Stück und seiner Botschaft neue, womöglich gar 'aufklärende' Aspekte hinzuzufügen."

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