Das Schicksal der Anderen

von Leopold Lippert

Wien, 9. Juni 2016. Noch vor dem Einlass wendet sich die litauische Regisseurin Yana Ross ans Publikum: Sitzplätze gebe es keine; man solle sich während der Aufführung ruhig frei im Raum bewegen. "Take the space", insistiert sie, und entschuldigt sich auch gleich dafür, dass es im kleinen Saal des brut Wien ziemlich heiß ist. Falls es unerträglich werde, erklärt sie verschmitzt, werde sie einfach die Türen aufmachen. Ross' rührende Sorge um das Wohlbefinden ihrer Zuschauer*innen hat etwas seltsam Profanes, weiß man doch, dass es gleich um viel Existenzielleres gehen wird: Schließlich endet Franz Xaver Kroetz’ wortloses Sezieren einer Wirtschaftswunderentfremdung "Wunschkonzert / Koncert życzeń" mit dem Selbstmord seiner Solistin Frau Rasch ("Fräulein" Rasch bei Kroetz), hier gespielt von Danuta Stenka, durch eine Überdosis Schlaftabletten.

Kampf um die beste Sichtachse

Gleichzeitig ist die Aufmerksamkeit, die die Regisseurin ihrem Publikum schenkt, nur konsequent: Denn ihr "Wunschkonzert" ist zuallererst eine spannende und komplexe Schauanordnung, die uns Zuschauer*innen und unsere Blicke permanent in den Fokus rückt. Wir schauen nämlich auf mehreren Ebenen zugleich an diesem Abend: Zuerst schauen wir auf ein hyperrealistisches häusliches Bühnenbild, das in der Mitte des Raumes platziert ist und von allen Seiten einsehbar ist. Frau Raschs Wohnung hat keine Wände, dafür jede Menge geschmackloses IKEA-Mobiliar und voll funktionsfähige Haushaltsgeräte. Wir schauen nun Frau Rasch dabei zu, wie sie in diese Wohnung kommt, von der Arbeit nach Hause, wie sie gelangweilt Werbeprospekte liest, zu Abend isst, die Wäsche macht, sich einen Pickel ausdrückt, aufs Klo geht, Radio hört, am Laptop spielt, ihr Sofa zum Bett umfunktioniert, ihre Zähne putzt, und schließlich schlafen geht. Und noch einmal aufsteht, um mit Sekt und Schlaftabletten ihrem Leben ein Ende zu setzen.

Koncert 560a Klaudyna Schubert uFrau Rasch alias Danuta Stenka  © Klaudyna Schubert

Gleichzeitig schauen wir aber auch immer auf die anderen Zuschauer*innen im Raum, denn: Sie sind uns im Weg. Bei all der Transparenz, bei all der Intimität ist das Zuschauen in Ross' Inszenierung auch immer ein Kampf um die beste Sichtachse. Denn wir sind Voyeur*innen, die kein Detail verpassen wollen, weil in Kroetz’ lautlosem Regieanweisungs-Drama jedes Detail wichtig sein könnte. Wir wollen sehen, welche Prospekte Frau Rasch in der Post hat ("Interspar"), welche Marmeladenmarke sie aufs Knäckebrot schmiert ("d'arbo"), was sie in ihren IKEA-Schubladen versteckt hat (einen Katalog zur aktuellen Albertina-Ausstellung). Wir wollen sehen, wie Frau Rasch erst den Beipackzettel liest, und dann ihre Schlaftabletten fein säuberlich auf dem Teller sortiert. Wir sehen jede einzelne davon, denn wir sind sehr nahe dran.

Pickel und Pixel

Und weil wir einander auch dabei zuschauen, wie wir immer distanzloser das traurige Schicksal von Frau Rasch verfolgen, wird es unangenehm. Nicht umsonst lässt Ross im Fernsehen "Keeping up with the Kardashians" laufen, die Reality-Soap um die amerikanische Promi-Familie, in der sich die Protagonist*innen lautstark und direkt in die Fernsehkamera über aufdringliche Paparazzi beschweren. Nicht umsonst spielt Frau Rasch auf ihrem Laptop "Die Sims", ein Lebenssimulationsspiel, das dem realistischen Theater nicht unähnlich ist, und das unseren gierigen Zuschauer*innenblick gleich virtuell verdoppelt: Wir schauen Frau Rasch in ihrer Bühnenwohnung dabei zu, wie sie den "Sims" dabei zuschaut, wie sie in ihren Pixelwohnungen leben.

Am Ende schaut Frau Rasch zurück. Verstohlen hat sie uns schon die ganze Zeit angeblickt: Durch den transparenten Badezimmerspiegel etwa, während sie an ihrem Pickel herumdrückt oder die Zähne putzt. Oder durch ihren melancholischen Blick ins Leere hindurch, als sie zu Leonard Cohens "I'm Your Man" im Radio stumm den Text mitsingt. Doch als sie alle Tabletten geschluckt hat, da sieht sie uns direkt in die Augen, langsam, reihum, insistierend. Dann verlässt sie die Bühne, und lässt uns mit unseren Blicken zurück.

Muss ich denn sterben um zu leben?

Es ist Ross' großes Verdienst, dass ihr "Wunschkonzert" das theatrale Schauen, das parasitäre und zugleich identifikatorische Sich-Ergötzen am Schicksal des Anderen ausstellt, das Ganze aber mittels perfekt inszeniertem Einfühlrealismus auf die Bühne bringt – eine Ambivalenz, in der man sich erst zurechtfinden muss. Die polnische Schauspielerin Danuta Stenka spielt das wunschlose Unglück der Frau Rasch präzise, rätselhaft, und berührend. Den stillen Seelenschmerz überspielt sie mit routinierten Alltagsabläufen, ihre Gegenwart ist immer schon die gewissenhafte Vorbereitung auf den nächsten Tag.

Dazu kommt der Einsatz vertrauter Details, die "Ja! Natürlich"-Bioprodukte im Kühlschrank, der Opernball im Fernsehen, und allen voran die Wohlfühl-Radiostimme, die für die Wiener Festwochen (die Produktion wurde schon 2014 in Krakau uraufgeführt) ins heimelig Österreichische übersetzt wurde: Radiolegende Ernst Grissemann erzählt mit großväterlicher Stimme von den süßen Romanzen der Annas und Hildes und Benjamins und Konstantins, und lässt dazwischen noch süßere Melodien von Bob Marley, den Beach Boys, und Elton John ertönen. Nur als er Falcos posthum veröffentlichtes "Out of the Dark" – mit seiner platten Licht-Schatten-Symbolik und der Zeile "Muss ich denn sterben, um zu leben?“ – anspielt, wird es selbst Frau Rasch zu realistisch: Bei so viel Heischen nach Identifikation bleibt ihr nur, das Radio auszumachen.

 

Koncert życzeń / Wunschkonzert
von Franz Xaver Kroetz
Inszenierung: Yana Ross, Dramaturgie: Aśka Grochulska, Bühne: Simona Biekšaitė, Musik: Aśka Grochulska, Tomasz Wyszomirski, Licht: Mats Öhlin, Projektkurator: Marcin Zawada, Radiostimme: Ernst Grissemann.
Mit: Danuta Stenka.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.festwochen.at

 

Kritikenrundschau

"Kein Abend für Theatraliker, mehr eine Mußestunde für Nachdenkliche", schreibt Barbara Petsch vor der Wiener Tageszeitung Die Presse (10.6.2016). "In Kroetz' Miniatur offenbart sich die Hölle des Singledaseins: Äußerlich abgesichert, innerlich verdorrt. Manche Besucher langweilten sich, andere gingen."

Von einem "einzigartigen Theatererlebnis" spricht Hilde Haider-Pregler in der Wiener Zeitung (10.6.2016). "Die schlichtweg großartige Danuta Stenka zeigt eine Frau, die sich vom ersten bis zum letzten Moment hinter der Maske einer sich selbst auferlegten Selbstdisziplin verschanzt. Dabei gelingt es ihr, dass man mit ihren zum Teil Routine verratenden, zum Teil fahrigen Aktionen gewissermaßen mitfiebert. Was gar nicht so einfach ist: Denn für das Publikum gibt es keine bequemen Sitzplätze. Man beobachtet das Geschehen gewissermaßen hautnah, gleichgültig, ob man sich für einen Fix-Stehplatz entscheidet oder beim achtzigminütigen Geschehen herumgehend die Perspektiven auf den Schauplatz wechselt".

Aus Sicht von Margarete Affenzeller vom Wiener Standard (10. 6.2016) fehlt der Regisseurin der entschiedene Zugriff, dessen es aus ihrer Sicht bedarf um das in die Jahre gekommene Stück und sein pathetisches Leidensbild "nicht in der totalen Plattitüde enden zu lassen. Yana Ross' Arbeit tappt aber genau in diese Plattitütden-Falle und fahre alle Geschütze auf, um mögliche Motive wie Einsamkeit oder Sinnlosigkeitsempfinden anzudeuten. Es winkt die Tristesse mit dem Zaunpfahl aus der blitzsauberen Ikea-Wohnung".

 

 

 
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