Zwischen K2 und Küchenzeile

von Leopold Lippert

Wien, 13. Juni 2016. Eine sterile, anthrazitfarbene Küche, drei Arbeitsplatten für drei Frauen (Sétâreh Eskandari, Elhâm Kordâ, Bârân Kosari), Kochutensilien, Lebensmittel, Kerzen. Davor hat Bühnenbildner Manouchehr Shojâ drei längliche schwarze Teppiche platziert, die den Figuren als Laufstege dienen, auf denen sie ihre Geschichten in Richtung Publikum erzählen können. Und das werden sie auch den ganzen Abend lang tun: ihre Geschichten in Richtung Publikum erzählen. "Die Anpassung" von Mahin Sadri ist dokumentarisches Theater, das drei iranische Frauenschicksale von der Revolution 1979 bis zur Gegenwart in drei ausführliche, dabei inhaltlich allerdings kaum verwobene Narrative verpackt.

Gemeinsames Erzählen am Kochtopf

Die Inszenierung von Regisseurin Afsâneh Mâhian, die Anfang 2015 in Teheran herausgebracht wurde und nun im Rahmen der Festwochen in Wien gezeigt wird, setzt diese Lebensgeschichten tableauhaft nebeneinander: Ganz in schwarz gekleidet, berichten die Frauen abwechselnd über Hoffnungen und Enttäuschungen, Freude und Trauer, ohne dabei jemals miteinander zu interagieren. Neben der recht breiten dramaturgischen Klammer "drei iranische Frauen" und einem vage referenzierten historischen Hintergrund, der ihnen gemein ist, ist es daher bloß das gemeinsame Arbeiten in der Küche, das sie verbindet: unentwegt schnippeln sie Obst und Gemüse, kneten Teige, kochen und backen, und werfen am Ende dann doch alles in den Mülleimer.

Anpassung1 560 Reza Ghaziani uDer iranische Dokumentartheater-Abend "Die Anpassung" bei den Wiener Festwochen
© Rézâ Ghâziâni

Auch wenn es drei Frauenschicksale sind, die hier ausschließlich durch weibliche Erzählstimmen und Schauspielerinnen vermittelt werden: Man tut sich schwer, diese dokumentarisch recherchierten Lebensgeschichten als emanzipatorisch zu begreifen. Da ist Mahnaz, die Älteste und Sentimentalste der drei, die sich zuallererst als Witwe definiert – ihr Ehemann Said, ein Kampfpilot, kam im Ersten Golfkrieg ums Leben. Sie spricht viel über diesen Mann und ihren gemeinsamen Sohn; wenn sie über sich selbst spricht, sagt sie Sätze wie "Ich erledigte meine Arbeiten und kochte einen Eintopf". Am Ende wird sie am Grab ihres Mannes zusammenbrechen, vierunddreißig Jahre nach seinem Tod, und wir werden noch immer nicht wirklich etwas über ihr eigenes Leben erfahren haben.

Tragische Wendungen

Da ist Leyla, die gegen Widerstände in der Familie studiert, als ledige Frau eine eigene Wohnung bezieht, und schließlich professionelle Bergsteigerin wird. Sie bricht energisch mit Geschlechterstereotypen und engagiert sich in der Grünen Bewegung. Trotzdem ist ihr Schicksal tragisch: Bei der ehrgeizigen Besteigung des K2 stürzt sie ab und kommt ums Leben. In einer klischeehafteren Frauenrolle findet sich schließlich Shahla, die als geheime Affäre eines verheirateten Fußballers erst ihr Kind abtreibt, und dann als Mörderin der Ehefrau verurteilt wird. Ihre Hinrichtung am Strang beschreibt sie drastisch und poetisch zugleich: "Mein Hals macht ein Geräusch. Meine Augen sind geöffnet zwischen Himmel und Erde".

Man mag das zu dick aufgetragen finden. Man mag auch die Frauen-Küchenshow als altbacken abtun. Man mag schließlich verwundert sein über die unfreiwillige Komik, die dadurch entsteht, dass Regisseurin Mâhian besonders dramatische Stellen immer mit einem blechernen Hall-Effekt unterlegt. Vor allem aber ist "Die Anpassung" zu sehr mit reiner Nacherzählung beschäftigt, und zu wenig mit dramaturgischen oder theatralen Fragen. Und so wird man nach etwa hundert Minuten Küchentheater die Lebensgeschichten dreier iranischer Frauen kennengelernt haben und das Ganze, je nach Bereitschaft zur Einfühlung, aufwühlend oder langweilig gefunden haben. Was das größere ästhetische oder politische Projekt dieses doch etwas unhinterfragten Theater-Dokumentarismus ist, bleibt dabei aber unklar.

 

Die Anpassung 
von Mahin Sadri
Inszenierung: Afsâneh Mâhian, Bühne, Licht und Kostüme: Manouchehr Shojâ, Musik: Mohammad Rézâ Jadidi, Bühnenmanagement: Négâr Nobakht, Produktionsmanagement: Mohammad Rézâ Hosseinzâdeh.
Mit: Sétâreh Eskandari, Elhâm Kordâ, Bârân Kosari.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.festwochen.at

 

Kritikenrundschau

"Wie Regisseurin Afsâneh Mâhian den kaum je unterbrochenen Textstrom inszeniert, besticht durch Reduziertheit und Präzision", schreibt Michael Wurmitzer im standard (14.6.2016). "Manchmal werden Kochgeräusche zu dramatischen Akzenten. Meist aber geschehen die szenischen Verrichtungen im Hintergrund." Eindrücklicherweise passe der selbstverständliche Umgang mit den häuslichen Aufgaben ebenso zur Sozialisierung der Frauen in den schwarzen Kleidern und Kopftüchern, wie er in Konflikt mit der Leidenschaft und dem Schmerz in ihren Stimmen steht. Fazit: "Es ist eine Leistung der auf Farsi monologisierenden Darstellerinnen, zu strahlen, obwohl sie dazu zwingen, eindreiviertel Stunden Übertitel mitzulesen. Sie haben Witz, sind anmutig. Großer Beifall dafür."

"Der statische Spielstil ist vermutlich beabsichtigt, diese Frauen leben in einer Welt, in der sie weder sich noch etwas bewegen können", so Barbara Petsch in der Presse (16.6.2016). Vom Konzept her erläutern die drei Schauspielerinnen Schicksale von Frauen im Iran. "Was stört: der monotone Frontalvortrag, der aus dem Iranischen ins Deutsche übersetzt wird, sodass man praktisch ein Hörspiel mit Laufband vorgesetzt bekommt."

 
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