Alles so schön krank hier

von Alexander Jürgs

Frankfurt, 14. Juni 2016. Sie tragen eine Mischung aus Robert-Wilson- und Vampir-Kostümen: Er marschiert die dunkle Bühne im Stechschritt ab. Sie tanzt und verbiegt sich, ihre Bewegungen wirken übertrieben. Sie war früher Schauspielerin, er ist der Hauptmann der Festungsartillerie. Dass ihr Leben die Hölle ist, dass sie Gefangene sind in der Routine der Ehe, im Groll gegeneinander, ist von Anfang an klar. Sie leben auf einer Festung, auf einer Insel, sie sind isoliert. Den Geschlechterkampf hat der Schwede August Strindberg in symbolhafte Bilder gefasst. Dass die Leute diese Insel, auf die sich das Ehepaar zurückgezogen hat, die Vorhölle nennen, heißt es später am Abend.

Bei Strindberg ist die Frau eine Bestie

Als Strindberg den "Totentanz" 1900 schrieb, da hatte er seine zweite Scheidung bereits hinter sich, da hatte er sich gerade wieder halbwegs berappelt nach einer von Wahnvorstellungen und Depressionen geprägten Lebensphase, in die ihn die Trennung geworfen hatte. Dass er also ein bestienhaftes Bild von Alice, der Frau im Rosenkrieg auf der Festungsinsel, zeichnete, überrascht nicht. Strindbergs Frauenbild wurde häufig als ambivalent beschrieben, oft auch als von Hass geprägt. Gegen die aufkommende Frauenrechtsbewegung hat der Schriftsteller heftig opponiert.

totentanz 0561a 560 Birgit Hupfeld uSplatter im Robert-Wilson-Look: mit Michael Benthin, Alexandra Lukas, Oliver Kraushaar und Constanze Becker © Birgit Hupfeld

Doch auch Alices männlicher Widerpart, der Festungskommandant Edgar, erscheint als ein unglaublicher Kotzbrocken. Wie die beiden sich angiften, das sucht seinesgleichen. Man streitet über das Abendessen, den nicht existenten Weißburgunder im nicht existenten Weinkeller, über alles eigentlich. Die Boshaftigkeit gegen den anderen scheint das einzige zu sein, was die beiden überhaupt noch antreibt. "Unser jahrelanges Elend", nennt Edgar die Ehe. Sie sind voller Frust und Aggressionen. Und nun steht auch noch die Silberhochzeit an.

Femme fatale meets Quälgeist

Constanze Becker und Oliver Kraushaar spielen diesen Rosenkrieg mit viel Verve, mit Zwischentönen halten sie sich nicht groß auf. Er brüllt mit tiefer Stimme, sie wirft ihm eiskalte Blicke zu und Beleidigungen an den Kopf. Sie wirken oft wie Marionetten, wie Getriebene, den Hass bekommt man aus ihnen nicht mehr heraus. Sie quälen einander, das ist der Kitt ihrer Ehe, dafür leben sie. Becker gibt die Alice mal als dominante Femme fatale, mal hysterisch und verängstigt. Kraushaars Edgar ist ein Ungetüm, ein einfältiger Quälgeist, dem der Schweiß durchs weißgeschminkte Gesicht läuft. Ihr Spiel anzusehen, das ist oft schmerzhaft und genauso oft komisch.

totentanz 7468a 560 birgit hupfeld uBloody hell, was für ein Massaker: mit Oliver Kraushaar und Constanze Becker © Birgit Hupfeld

Kurt, der Cousin von Alice, der die beiden damals verkuppelt hat (Michael Benthin mit grauer Leningrad-Cowboys-Frisur), taucht auf, er bringt Bewegung in die Auseinandersetzungen. Und wie ein Geist auf der Bühne ist da auch noch Judith, die Tochter der beiden. Sprachlos, wie eine Puppe, mit bleichem Gesicht und roten Korkenzieherlocken spielt Alexandra Lukas dieses nicht greifbare Wesen. Auf die schwarzen Wänden auf der Bühne zeichnet sie mit weißer Kreide die Wohnung in der Festung: Fenster, Tür, Lampenschirm und Steckdose.

Zerstochene Augäpfel

Der Regisseur Daniel Foerster, Jahrgang 1986, der in Frankfurt auch schon Strindbergs "Fräulein Julie" inszeniert hat, geht schnell in die Vollen. In Spielfilmlänge inszeniert er das Drama. Sein "Totentanz" wird bald zum Splatter-Movie mit reichlich Vampir- und Gothic-Motiven, irgendwo zwischen "Buffy" und "Texas Chainsaw Massacre". Constanze Becker schwingt dann grimmig den Baseballschläger. Zu treibenden Elektro-Beats entfaltet sich auf der Bühne eine Gewaltorgie – mit viel Kunstblut, mit Schlachtermessern, mit zerstochenen Augäpfeln und einer Prise Kannibalismus.

Foerster stürzt sich in seiner Inszenierung auf alles Surreale aus Strindbergs "Totentanz", er kitzelt das Alptraumhafte, das Wirre und Psychotische hervor. Die vormals aufgeräumte Bühne wird mehr und mehr zum Schlachtfeld. Wände werden eingerissen, Edgar bekommt eine Torte ins Gesicht, weiße Grabkerzen werden verteilt. Alles so schön krank hier, alles so verwirrend. Am Ende aber sitzen die Hassliebenden doch wieder vereint da, auf dem Rollstuhl, in ihrer Mitte der leblose Kurt. Sie können nicht ohne einander, sie haben nur sich und ihre Wut. Warum sollten sie also nicht doch den Hochzeitstag feiern? "Komm, sag Ja, Schnecke", fordert Edgar seine Alice auf.

 

Totentanz
von August Strindberg
Übersetzung von Heiner Gimmler
Regie: Daniel Foerster, Bühne: Julia Scheurer, Kostüme: Ellen Hofmann, Dramaturgie: Henrieke Beuthner.
Mit: Constanze Becker, Alexandra Lukas, Michael Benthin, Oliver Kraushaar.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau

Judith von Sternburg von der Frankfurter Rundschau sah "ein Theater, das um Präzision und Konzentration verlegen ist, das sich die Suche nach dem Speziellen genau für dieses Stück jedenfalls nicht anmerken lässt, das das Toben vor die Intensität setzt". Bestechend sei zunächst die Idee, die Tochter Judith als kleines Gespenst in die Handlung zu schicken. "Aber in der Umsetzung ist das arg possierlich und unverbindlich."

"(S)ymbolischer, ekliger, konkreter und doch vieldeutiger kann man einen Blow-Job nicht darstellen. Fantastisch!", bejubelt Natascha Pflaumbaum von Deutschlandradio Kultur (16.6.2016) eine Szene. Selten habe man im Theater ein so konkret körperliches Erlebnis. Hier gehe es ums Extreme, um den Exzess, um die Eskalation. Das sei "Theater als große Komposition, das trotz allem auch den Text nicht vernichtet, sondern von Anfang bis Ende Spannung hat".

"Intelligente Regie mit Könnern", resümiert Marcus Hladek von der Frankfurter Neuen Presse (16.6.2016) den Abend und spart nicht an Lob für die Kostüme von Ellen Hofmann: Constanze Becker gebe "eine erotische Vampirella mit Flügel-Frisur, Netzstrümpfen, Nietenstiefeletten und lila-schwarzem Abendkleid mit Schleppe, deren üppige Formen in Schulterflügeln auslaufen, derweil sie die chansonartige Musik in ihrer Bewegung fließen lässt: sinnlich-verrucht, weich tanzend, sich fläzend". Michael Benthin spiele "umwerfend, stets im Vertrauen auf Foersters Vision aus Bewegung, Klang, Licht und Sprache".

"Die Art, wie Daniel Foerster diese beiden Ehemonster in heillosem Sadomasochismus aufeinander loshetzt, unterläuft komplett das psychologische Kammerspiel, das Strindberg verfasst hat, verzerrt und entstellt es zur bitterbösen Groteske – die durchaus darin zu finden ist, wie diese grelle, körpertänzerisch rabiate, nicht aber oberflächliche Inszenierung zeigt", schreibt Christine Dössel in der SZ (17.6.2016). Hier habe jemand formal wie inhaltlich einen starken eigenen Zugriff, ohne das Stück dabei zu erwürgen.

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