In Niemandsland

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 16. Juni 2016. Als die Europa-Hymne losdonnert, erstarren sie. Und sehen einen Moment lang aus wie ausgestopft, die vier libyschen Tiger, die das Zentrum für politische Schönheit in ein Gehege vor das Maxim Gorki Theater eingesperrt hat. Ein Schild warnt vor ihrer Gefährlichkeit, völlig überflüssig; schon wenn der Schmächtigste von ihnen bei der Fütterung müde eine dicke Tatze in Richtung Fleischhappen schüttelt, läuft es einem kalt den Rücken runter. Und fast gleichzeitig möchte man alles riskieren, um sie zu knuddeln, diese wunderschönen Riesenkatzen. Dieses gemischte Gefühl, das sich auf die Käfigmauer als feste Grenze verlässt, muss man sich in diesem Kontext wohl als späteuropäische Dekadenz diagnostizieren. Exotismus made by Zivilisation made in the EU.

Die äußere Sicherheit des Publikums vor dem Käfig steht in der neuen Aktion des Zentrums für politische Schönheit (ZPS) "Flüchtlinge fressen ­ – Not und Spiele" natürlich für die innere Sicherheit, um die es dem Europa geht, das vier Gaukler*innen zur Eröffnung der auf knapp zwei Wochen angelegten skandalösen Feierlichkeiten parallel zur Fütterung der Tiger gutgelaunt durch den Kakao ziehen; für die dieses Europa bereit ist seine humanistischen Grundwerte zu opfern. Das ZPS ist bekannt dafür dick aufzutragen und enttäuscht in dieser Hinsicht auch diesmal nicht: Europa ist Rom, deutsche Politiker werden als Imperatoren dargestellt, die willkürlich über Leben und Tod von Abermillionen Menschen entscheiden.

zps2 560 patryk witt xRaubkatzen vor der Kamera, im Käfig – wer ist hier der Tiger? © Patryk Witt / ZPS

Kaltes Europa

Während die Tiger tigern, läuft an der Außenwand ihres Käfigs ein dystopisches Video, in dem das deutsche Bundesinnenministerium exemplarische Flüchtlings-Hinrichtungen ankündigt, um die Menschen davon abzuhalten, sich auf den Weg zu machen. Einer der Gaukler (Taner Sahintürk) verliest einen (mehr schlecht als recht ausgedachten) offenen Brief der AfD an die Syrer, doch in ihrem u.a. für seine "warmherzige Mentalität" bekannten Land zu bleiben und sich und die seinen "wie ein Tiger" zu verteidigen, statt ins menschlich und klimatisch kalte Europa zu flüchten.

Auch schon bei der "Bundeserpresserkonferenz" am Vormittag waren die Zeichen überdeutlich, aber sie wurden vorsichtshalber auch noch erklärt. Fehlte eigentlich nur noch der Gebärdensprachdolmetscher im Saal des Maxim Gorki Theaters, wo André Leipold, Dramaturg des ZPS, zusammen mit zwei fürs ZPS untypisch politisch korrekt besetzten Performer*innen (Theresia Braun – Frau! – und Yasser Alaamoun – Migrationshintergrund?!?) vor reichstagsblue kolorierter Hinterwand Regierungssprecher Seibert mimte und versuchte die "Hintergründe dieser ziemlich komplexen Aktion" zu erklären.

Kunst für Dummies

Kein Blendspiel, keine Realitätsbehauptung, nein, wir sind hier ganz klar im Theater, so sagte Leipold klar und deutlich; und das Spezielle an diesem Theater sei – ein bisschen weniger klar und deutlich: "Wir besiedeln das Niemandsland zwischen Realität und Fiktion." Wem noch etwas Emotion zum ersten überzeugenden Deutungs-Ansatz fehlte, dem sprang Co-Performerin Theresia Braun hurtig an die Seite: "Natürlich ist das, was wir machen, geschmacklos." Kunst für Dummies, oder: Das Theater will auch den "Bild"-Reporter abholen, indem es ihm ein paar Floskeln vorkaut. Das ist zunächst mal durchaus ungewöhnlich. Und bedeutet aber, anders als man kurz mal hoffen konnte, alles andere als eine Öffnung in eine größere Öffentlichkeit – doch dazu später mehr.

Was sie machen, befindet sich erstens – wie eigentlich immer beim ZPS – im Bereich der Ankündigung, von der ganz bestimmt stark abgewichen werden wird. Zweitens ist selbst diese Ankündigung, also die Pressemitteilung, die Donnerstag morgen in alle Kanäle geschickt wurde, schwierig zu verstehen. Wenn man sie drei- bis viermal konzentriert studiert hat, ergibt sich in etwa diese Aussicht auf die nächsten zwei Wochen: Ein Charterflugzeug (Kostenpunkt: 80.000 Euro) wird von der Crowd gefunded. Aus einem Angebot an in der Türkei gestrandeten Flüchtlingen, die auf eine Familienzusammenführung in Deutschland warten, können die edlen Spender 100 Stück in die "Joachim 1" reinvoten (Kontrollierte Einwanderung nach Volksentscheid: voll AfD!).

Der, nach dem das Flugzeug benannt ist, soll am 24. Juni als einzig möglicher "Retter des europäischen Reiches" in seiner Funktion als Noch-Bundespräsident im Bundestag intervenieren, auf dass der nach der EU-Richtlinie 2001/15/EG geschaffene Absatz 3 des Paragraphen 63 im Ausländerrecht ausgesetzt wird, der besagt, dass Fluggesellschaften, die Menschen ohne Visum in den europäischen Raum befördern, mit hohen Geldstrafen belegt werden – so dass wiederum die in die Reisegesellschaft gevoteten Flüchtenden legal bzw. ohne Mehrkosten nach Deutschland einreisen können.

Naivität und Größenwahn

Wenn das mit Gauck nicht klappt, soll noch der Vatikan um Asyl angerufen werden. Sollte auch Papst Franziskus sich weigern, die 100 Menschen aufzunehmen, will das ZPS den vier "libyschen Tigern", die bereits vorm Gorki in einem Käfig auf und ablaufen, am 28. Juni einen Flüchtling zum Fraß vorwerfen. Ein*e Freiwillige*r für den Fall der Fälle wird gesucht und soll bereits am kommenden Montag in einer weiteren Bundeserpresserkonferenz den Medienvertreter*innen präsentiert werden. So weit, so krass.

"Mama, warum fliegen die Flüchtlinge nicht mit dem Flugzeug hierher?" Diese Kinderfrage bezeichnet Leipold als Ausgangsfrage der Aktion, während hinter ihm groß das berühmte Bild des ertrunkenen Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi flimmert. In Leipolds Gesicht selbstverständlich Rußspuren (Markenzeichen des ZPS) – das extra-unbeholfene Blackfacing des schuldbewussten Postkolonialisten. "Wir dürfen uns nicht von Kinderaugen rühren lassen", hat Alexander Gauland (AfD) gesagt, und das ZPS steigert sich in die Übertreibung des "Doch!" hinein, in ein "Wir müssen uns von kindlicher Arglosigkeit leiten lassen!" Doch was dann folgt, ist eine krude Mischung aus Naivität und Größenwahn – in der sich die Frage, was hier eigentlich ernst gemeint ist, auflöst wie in einer ätzenden Säure.

zps3 sophie diesselhorst uDraußen läuft der Countdown, drinnen tigern Tiger. Doch das alles bewegt sich im Bereich der Ankündigung, von der ganz bestimmt stark abgewichen wird. © Sophie Diesselhorst

Trotzdem sei sie hier noch einmal hingestottert: Will das ZPS mit seiner Aktion tatsächlich bewirken, dass der Flugfreiheitsbeschränkungs-Paragraph für ungültig erklärt wird? Denkt das ZPS allen Ernstes, dass es damit die Festung Europa austrickst? Oder handelt es sich hier um eine rein symbolische Aktion, geht es eigentlich gar nicht um diesen Paragraphen und die 100 Leute, die nach Deutschland gebracht werden sollen, sondern dient dieser Lösungsvorschlag samt Tiger-Deko nur dazu, die Ausweglosigkeit der aktuellen Situation mit Kunst zu umspielen? Oder vielmehr: ein neues für diese ausweglose Situation maßgeschneidertes künstlerisches Selbstverständnis über den Laufsteg zu paradieren? "Warum werft Ihr Euch eigentlich nicht selber den Tigern zum Fraß vor, warum muss dafür ein Flüchtling herhalten?" fragt Sasha Marianna Salzmann André Leipold im Nachgespräch zum Aktions-Auftakt, und der sagt erstmal: "Da muss ich erstmal ganz lange nachdenken", um später zu einem günstigeren Moment das Bekenntnis nachzuschieben, dass er nicht in den Käfig will, sondern "Bier trinken, rauchen, hier sitzen und reden". Völlig verständlich, total sympathisch.

Eingesperrt im Echoraum

Trotzdem wären wir, im Nachgespräch angelangt, bei dem, was die ganze Aktion noch viel irritierender macht als ihre Inkongruenz. Viel krasser als die Tatsache, dass sie sich bereits zum Auftakt in ihren eigenen Eventualitäten verliert, ist ihre wohlorganisierte Hermetik. Das ZPS hat sich seinen eigenen Echoraum geschaffen. Das fängt an mit den T-Shirts mit der Aufschrift "Menschheit", die alle Beteiligten branden, geht über das Verlesen von Facebook-Hate-Kommentaren durch die Gaukler*innen, die die Tigerfütterung begleiten, und eine Live-Kolumne von Mely Kiyak, die mit ihrer Funktion als "embedded journalist" kokettiert, bis hin zu den allabendlich angesetzten Nachgesprächen, deren Auftakt Sasha Marianna Salzmann und Carl Hegemann machten – mit durchaus kritischen Perspektiven auf die Aktion, aber eben gleichzeitig als Teil von ihr.

zps1 560 patryk wittExtra drastisch und schön durchgebrandet: Das Aktions-Logo "Flüchtlinge Fressen" an der Arena vorm Gorki Theater in Berlins Mitte © Patryk Witt / ZPS

Und wenn also Hegemann die klare Grenze zwischen Kunst ("prinzipiell verantwortungslos") und Politik ("prinzipiell verantwortungsvoll") zieht und sagt: "Um die Eigenständigkeit der Kunst müssen wir genauso kämpfen wie um die Flüchtlinge"; wenn Salzmann sagt, sie habe das Gefühl, hier vermieden die Kunstschaffenden (des ZPS) ein Selbstverständnis als Menschen, die etwas tun könnten – dann verpufft das alles in diesem selbstgemachten Echoraum. Ist das Feinbild "Gutmensch" für die nunmal auch wahlberechtigten mehr werdenden Anhänger*innen des Rechtspopulismus nicht schon überdeutlich gezeichnet?  Egal. Die Fugen werden dicht gemacht, alle: Im Gaukel-Spiel hält Cynthia Micas gar eine Rede als Tiger-besorgte Tierschutz-Aktivistin, die gipfelt in dem Fake-Hate-Ausruf: "Diese Möchtegern-Schlingensief-Aktion hier nutzt niemandem!"

Schlingensief, bitte übernehmen Sie!

Womit wir bei Schlingensief wären, und seiner Aktion Ausländer raus!, wozu wir zum frommen, trotz allem kunstgläubigen Schluss am besten Schlingensief selbst sprechen lassen (aus dem Dokumentarfilm "Ausländer raus! – Schlingensiefs Container" von Paul Poet): "Was ist das fürn Kunstverständnis zu glauben, die Kunst kommt raus, verändert die Welt, und dann ist alles gut oder schlecht. Wenn das möglich wäre, dann frage ich mich, warum nicht die Politik schon lange in die Kunst gegangen ist. Warum ist die Politik eigentlich nicht schon lange ersetzt worden durch Kunst? Wenn das möglich wäre. Dann malen die Abgeordneten eben ihre Bilder, hängen die irgendwo an die Litfaßsäule, und danach fahre ich mit dem Fahrrad vorbei, und danach ist das alles gelöst. Es gibt keine Armut mehr, die Umweltverschmutzung ist weg und so weiter. Weil da ein Bild hängt. Ja, was ist das fürn Irrwitz. Ist doch Kappes. Das interessiert mich überhaupt nicht. Mich interessiert an diesem Ding wirklich, verschiedene Systeme aufzufordern gemeinsam zu tanzen. Und das ist dann das Bild. Und das Bild steht da, und es steht auch noch in zehn Jahren und in hundert Jahren da. Aber ob das die Welt verändert hat oder einzelne Menschen, das ist überhaupt nicht relevant, weil nämlich die, die das vorwerfen, letzten Endes garantiert nicht die Welt verändern."

 

Flüchtlinge Fressen – Not und Spiele. Die Show
vom Zentrum für politische Schönheit
Mit: Zentrum für polische Schönheit, Aylin Esener, Cynthia Micas, Taner Sahintürk, Falilou Seck, wechselnden Gesprächspartnern im "Zentrums-Salon zur letzten Schönheit", Mely Kiyak et al.
Dauer: 16. Juni 2016 bis 28. Juni 2016

www.gorki.de
www.politicalbeauty.de

 

Kritikenrundschau

"Ein Touch von Weltuntergang liegt über allem. Am Tigerkäfig läuft der Countdown", schreibt Mounia Meiborg für die Süddeutsche Zeitung (17.6.2016). "So entsteht ein Szenario der Dringlichkeit, das kein Argument, kein Zögern, keinen Widerspruch zulässt. (...) Eine rhetorische Taktik, die übrigens auch der 'Islamische Staat' gerne benutzt", so Meiborg. "Der aggressive Humanismus der Aktionskünstler zeigt hier seine totalitäre Seite." Darüber hinaus sah Meiborg "keine historische Anknüpfung, die funktioniert", und eine allgemein "unentschiedene" Inszenierung.

"Eine unter dem entsprechenden Realitätsdruck verschärfte Fortsetzung von Christoph Schlingensiefs Projekt 'Ausländer raus – Bitte liebt Österreich'", sah Christine Wahl für den Tagesspiegel (17.6.2016). "Man kann das natürlich platt finden. Aber Fakt ist, dass die Plattheit der Reaktionen diejenige der künstlerischen Konzepte bis dato leider noch immer um ein paar sehr erhellende Grade überstiegen hat. Auch angesichts des Tigerkäfigs dauerte es keinen Tag, bis besorgte Bürger, Institutionen und Medien sich – quasi hundertprozentig nach impliziter ZPS-Storyline – eher nach dem Tierschutz erkundigten als nach dem Schutz derer, die sich von den Tieren fressen lassen sollen." In Sachen Schlingensief kommt Wahl schließlich zur Feststellung eines entscheidenden Unterschieds: Während Schlingensief "die Ambivalenzen, mit denen er spielte, bewusst forcierte, neigt das 'Zentrum' zur Selbsterklärung: Man habe keine Lust, zynisch zu sein, klärte ZPS-Mitglied Theresia Braus bei der 'Bundeserpressungskonferenz' ausdrücklich die Inszenierungsintention. Aber man habe keine andere Wahl, wenn man den Zynismus der Politik mit seinen eigenen Waffen schlagen und so gewissermaßen gegen sich selbst wenden wolle."

 "Es erhellt die Lage, in der wir uns befinden" urteilt Arno Widmann für die Frankfurter Rundschau (16.6.2016) im Angesicht der ZPS-Aktion. "Und wenn wir erst ein paar tausend Gesichter und Kurzbiografien vorliegen haben und dann bei den einen Daumen hoch sagen und bei den anderen Daumen runter, dann werden wir begreifen, dass wir das Spiel der römischen Imperatoren spielen. Dann begreifen wir auch, dass die europäischen Regierungen dieses Spiel schon seit Jahren stündlich aufführen", so Widmann. Die Tiger erinnern ihn daran, dass, "was uns heute im Fernsehen gezeigt wird als ein Geschehen zum Beispiel vor der libyschen Küste, der verzweifelte Kampf um ein nahezu aussichtsloses Überleben, eine große europäische Wohlfahrtsstaats-Tradition hat: Brot und Spiele. Das war schon immer ein Spiel mit der Not der anderen." Die neueste ZPS-Aktion sei wieder, so Widmann, eine, "die uns einen Spiegel vorhält. Einen, in dem wir uns nicht wiedererkennen mögen."

"Es stellt sich die Frage, was die Gruppe konkret bezwecken will. Geht es um eine Kritik an den Kriterien, die im Rahmen des Abkommens zwischen der EU und der Türkei für eine Einreise nach Europa gelten? Oder wird daran Anstoß genommen, dass überhaupt eine Auswahl getroffen wird und nicht alle Menschen nach Europa gelassen werden? Geantwortet hat das 'Zentrum für politische Schönheit' bisher nicht auf unsere Fragen", berichtet Ursula Kissel im Deutschlandfunk (18.6.2016).

 

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