Was Sarrazins Propheten künden

von Jens Fischer

Bremerhaven, 17. Juni 2016. Am Anfang sind zwei Männer auf der Bühne. Ein Clowns-Duo: Harald und Andreas im Business-Design. Sie beschreiben ihre Welt als eine saubere. Aber es muss eine kranke sein, darauf verweisen die karrieregeil glühenden Augen der beiden Managertypen. Getriebene sind sie, wollen immer das Letzte an Arbeitsleistung aus ihren wohl mit Energydrinks betankten, bestens ausgebildeten, sinnentleerten Körpern holen – immer schneller, immer mehr vom Kuchen der Macht.

Und dann das. Die nächste Beförderung steht an. Harald ist bereit, klettert schon einmal siegessicher auf sein Lieblingsrequisit, eine (Karriere-)Leiter, aber den Job bekommt ein Rollstuhlfahrer. In einem kammermusikalisch mäandernden Gedankenstrom lässt Thomas Köck seinen Harald sich "benachteiligt" fühlen. Weil ihm der Makel fehle, der förderungswürdig mache und heutzutage sozialen Mehrwert bringe. Da habe er doch niemanden diskriminiert bisher in seinem Leben – und jetzt rolle als Dank ein Behinderter an ihm vorbei. Der empörte Harald suhlt sich "im Bodensatz vom Nachdenken". Dehnt seinen Aufsteigerfrust aus auf weitere Bedrohungsszenarien: sieht plötzlich Flüchtlinge in seiner "Pensionsvorsorge schwimmen". Und betont selbstsicher: Das wird man ja noch sagen dürfen!

Bremerhaven: Ex-Hafenmetropole mit Nörgelklischee-Problem

Diese Phrase hat in der einen oder anderen Variante jeder des dramatischen Trios des Bremerhavener Uraufführungsabends "Offshore - Identitäten am Rande der Gesellschaft" in seinen Beitrag eingebaut. Seit die Bild-Zeitung mit dieser Schlagzeile für Thilo Sarrazin Partei ergriff, ist sie über die Rechtspopulisten bis ins Zentrum der deutschen Wohlfühlzonen vorgedrungen. Als Ausdruck von Ängsten, sich ausgegrenzt oder marginalisiert empfindender Menschen. Die Rhetorik ist natürlich verlogen, denn deutschlandweit wird nirgends verboten, beispielsweise Vorurteile zu äußeren.

Offshore 05 560 c Thomas koeck uSzenenbild aus "Off Shore 1" von Thomas Köck © Heiko Sandelmann

Etwa über Bremerhaven. Ins Abseits gestellt worden sei es, ist vor Ort zu lesen, weil nicht an eine ICE-Rennstrecke angeschlossen und überregional als Ostdeutschland Bremens verunglimpft – oder als deutscher Meister der Arbeitslosigkeitsliga. Aber nach dem Niedergang als Fischereihafen, dem Werften-Sterben und Abzug der US-Soldaten hat sich die Stadt eine neue Identität erfunden – als Hightech-Ort für Seegüterumschlag, Standort für Technologie, Forschung, zeitgenössisches Theater und Städtetourismus. Trotzdem greift Kevin Rittberger nochmal das nörgelige Klischee vom Niedergang der Hafenmetropole auf und parallelisiert es mit dem Scheitern eines ihrer Bewohner. Dieser erzählt von der Wirtschaftskrise, dem Wunsch Kapitän zu werden – und der Realität, nur Festmacher von Schiffen geworden zu sein. Diese vermeintliche Ungerechtigkeit wird für ihn durch den Mythos erträglich, dass ja in allen Betrieben zum Herunterfahren der Personalkosten die Deutschen gegen Ausländer ausgetauscht würden. Und er sei nun mal Deutscher … Sascha Maria Icks macht aus dem dokumentarisch wirkenden, essayistisch flirrenden, assoziativ collagierten Monolog eine furiose Show der Persönlichkeitsaspekte dieses vom Schicksal zerzausten Außenseiters. Während Statisten wortlos das Handwerk des Protagonisten vorführen: Taue werfen, entnässen, auslegen und aufrollen.

Deutsch denken, Wahrheit sagen

Regie führen fünf Studierende der Hamburger Theaterakademie – unter der Oberaufsicht Alexander Riemenschneiders – außergewöhnlich texttreu und stückdienlich. Sie pumpen die Auftragswerke mit Energie zum Bersten auf. Schleifen und polieren den Witz der Vorlagen zu funkelnden Komik-Diamanten. Entwickeln allesamt bestechend konkret aus der Verletzung der Figuren ihre Sündenbocksucherei. Kontrastieren die Poesie der vielstimmig instrumentierten Sprachgewalt mit symbolischen Spielereien. Und animieren die Schauspieler, den Zuschauern im Vis-à-vis-Spiel auch mit Blickkontakten ihre Wertschätzung als "stummer" Dialogpartner deutlich zu machen.

Offshore.Rittberger 560 HeikoSandelmann uKevin Rittberger: "Peak white 3/16. Das Entrümpeln weißer Männer" © Heiko Sandelmann

Nis-Momme Stockmanns "Kleines Chorspiel" jongliert mit Personifikationen abstrakter Begriffe. Die "Stimme des Volkes" erklärt im Teddykostüm, sie stehe für "Angst vor Veränderung, legitimierten Hass auf Fremde, hinter vorgeschützter Vernunft, und Geiz". Die "Wahrheitssager" erklären im Intellektuellen-Outfit die "Kernsanierung der Postmoderne". Kein Verständnis, nirgends. Der trefflich pointierte Kabaretttext führt nicht in den Diskurs, sondern ironieputzig in allgemeines Umarmen und Kuscheln. Aber wenigstens die alten weißen Männer müssen doch entrümpelt werden, legt Rittbergers 2. Beitrag nahe. "Nicht nur deutsch sprechen, auch deutsch denken" ist das Motto im trostlosen Seniorenheimalltag. Zwei Rentner erzählen Flüchtlingstragödien im Kalauertonfall – für sie ist das zum Totlachen, im Wortsinne. Während der japanische Pflegeroboter anhand der deutschen Geschichte die Irrtümer des zwischen deutschnationalem Konservativismus und völkischem Rechtsradikalismus pendelnden Denkens analysiert. Sehr amüsant.

"Ich träume jede Nacht von Moskau"

Partyfidel drübergeblendet wird dann das Finale der Köck'schen Worte-Patitur. Am Ende sind zwei Schwestern auf der Bühne. Vom Rand ihres Lebens blicken sie durchs "Zukunftsnischenfenster" auf die fast perfekt automatisierte Verladung der Container, die in schier endloser Zahl auf minimal bemannten Schiffen über die Weltmeere reisen. "Ach Gott", sagt ein der beiden Schwestern, betrauert die sterbende Epoche der gesellschaftlichen Teilhabe durch Arbeit und beginnt tschechowesk loszusehnen: "Ich träume jede Nacht von Moskau. Im Juni sollen wir hinziehen, und bis dahin ist noch – die Scheißzeit, die dich nicht mehr braucht. Der Containerhorizont mit allem was dazu gehört, mit Brandung, Romantik, Möwen, Nass und Umsatz. Kentern."

Verzweifelndes Räsonieren in fünf Akten. Dargeboten von einem leidenschaftlich präzis agierenden, mit komödiantischem Sinn die Texte beseelenden Ensemble. So spielt Bremerhaven wahrlich nicht am Rand der Theaterbundesliga. Sondern mittendrin. Das muss jetzt mal gesagt werden dürfen.

Offshore – Identitäten am Rande der Gesellschaft
Fünf Inszenierungen mit Texten von Thomas Köck, Kevin Rittberger und Nis-Momme Stockmann

Bühne und Kostüm: Kathrine Altaparmakov, Dramaturgie: Karin Nissen-Rizvani.

Off Shore 2
von Thomas Köck
Regie: Moritz Beichl.
Mit: Harald Horváth, Andreas Hammer.

Peak white 3/16. Der Festmacher
von Kevin Rittberger
Regie: Emilie Girardin Dobosiewicz.
Mit: Sascha Maria Icks, Oktay Bagci/Emilie Girardin Dobosiewicz, Rüdiger Ringe.

Peak white 2/16. Das Entrümpeln weißer Männer
von Kevin Rittberger
Regie: Saskia Kaufmann.
Mit: Andreas Möckel, Kay Krause, Marc Vinzing

Kernsanierung der Postmoderne
von Nis-Momme Stockmann
Regie: Sophia Barthelmes.
Mit: Isabel Zeumer, Christian Neuhof, Jan Hallmann, Eva Paulina Loska.

Off Shore 1
von Thomas Köck
Regie: Greg Liakopoulos.
Mit: Jennifer Sabel, Julia Friede.

Dauer: 2 Stunden, eine Pause

www.stadttheaterbremerhaven.de

 

Kritikenrundschau

"Ein erfrischendes Theatererlebnis" sah Ulrich Müller in der Nordsee-Zeitung (20.6.2016). Die nahtlos ineinander fließenden Stücke überzeugen auf ganzer Linie. Lang anhaltender Applaus für die Regie und das Ensemble, ein Extralob für Kathrine Altaparmakovs Bühne und Kostüme. "Zwischen Komik und Tiefgang erlebte das Publikum die gekonnte Umsetzung geschliffener Texte, der Blick vom Rand des Lebens ist zuletzt durch seine unterschiedlichen perspektiven unbedingt sehenswert." Bleibe zu hoffen, dass sich die Qualität dieses Theaterabends schnell herumspreche.

 

 

 
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