Außerirdischer Marsch aufs Belvedere

von Martin Thomas Pesl

Wien, 21. Juni 2016. 6. Wiener Gemeindebezirk, Mollardgasse 14. Einst war hier ein Haus, jetzt Schutt. Am Nebenhaus lehnen große, gelbe Lettern einzeln auf lange Stangen gespießt: "IDEAL PARADISE". Sechs Wesen ergehen sich in aller Ruhe das Areal. Ihre silbergrauen Ganzkörperanzüge erinnern an Raumfahrt, ihre Ganzgesichtsmasken an Schönheits-OPs. "Die Verrückten, denen schau ich schon die ganze Woche beim Proben zu", sagt eine Anrainerin. Das Publikum sitzt auf dem Bürgersteig aufgereiht, Claudia Bosse steht dahinter und hechelt einen Live-Soundtrack in ihr Headset, mitten auf der Mollardgasse, fast wird sie überfahren.

Fragen, dazu verdammt, unbeantwortet zu bleiben

Das PARADIES wird geschnappt und auf eine Wien-Wanderung mitgenommen. Dank mobiler Lautsprecher hört man unterwegs eingespielten Demo-Lärm oder Claudia Bosses improvisierten Live-Kommentar. Ihre Fragen: "Wie können wir hier zusammen leben?" und "Lässt der Kühlschrank des Mannes da drüben wohl Schlüsse auf sein Leben zu?" sind dazu verdammt, unbeantwortet zu bleiben, auch Aufforderungen wie "Achten Sie aufeinander und auf die Stadt!" gehen eher ins Leere.

IdealParadies 560 MartinPesl uRadikal unterwegs in Wien © Martin Pesl

Seit Claudia Bosse und ihre Gruppe theatercombinat den Nestroy-Preis 2009 für die beste Off-Produktion erhielten, sind ihre Arbeiten abstrakter, die theoretischen Erklärungen dazu länger geworden. Mit "IDEAL PARADISE. eine nomadische stadtkomposition" schließt Bosse ein mehrjähriges "theater-, recherche-, installations-, interventions- und choreografieprojekt" zum Themenkomplex Katastrophe ab. Unter Choreografie darf man sich dabei aber kein straffes Durchorganisieren von Körpern vorstellen. Bosses Performer bleiben meist ganz bei sich und durchmessen den Raum in selbstgewählten Bewegungen irgendwo zwischen Tanz und Tai-Chi.

Die Performer machen: etwas

Der letzten Vorstufe im März ("IDEAL PARADISE clash") gaben Filmmaterial und wuchtige Textfetzen noch einen politischen Anstrich. Jetzt geht es nur noch um Körper und Räume: Da das theatercombinat letzten Herbst eines bereits zugesagten Spielorts in Wien verlustig ging, weil der als Flüchtlingsunterkunft benötigt wurde, erspielt es sich nun öffentliche Räume. Das ist nicht neu, schon gar nicht in der Geschichte dieser Gruppe, dennoch betont Bosse diesen Umstand so eindringlich, dass der Eindruck entsteht, bei dieser performativen Tour gehe es einzig um ihr Dasein als performative Tour. Im Programmheft freilich stehen Themen aufgelistet, da greift man hurtig nach der Diskursbrille: "ordnungen des wissens, sammlungen und kulturelle projektionen – territorium und aneignung – ideologie und terror, anthrolopologie und erotische rassismen ...". Das muss im Arbeitsprozess alles bis zur Unkenntlichkeit verarbeitet worden sein.

IdealParadies 560a MartinPesl uPerformer zwischen allen Sesseln © Martin Pesl

Nächste Station: Caritaslager Mittersteig, wo schon der über 20-köpfige Chor wartet. In dieser weitläufigen Halle kann man gespendete Second-Hand-Gegenstände aller Art zugunsten der Caritas spottbillig erwerben (für 1 Euro zum Beispiel 5 VHS-Kassetten oder 3 Stofftiere) – gleich auf den ersten Blick ein toller Ort, um etwas zu machen. Und genau das machen die Performer: etwas. Die Bücher anschauen und ausräumen. In die Schränke hineinklettern. Einen Teppich schnappen und sich in diesem einrollen. Gemeinsam summen und sich über die alten Sofas, die Zuschauer und einander wälzen.

Die beste Frage von allen

Weiter geht es Richtung Belvedere. Eine recht weite Strecke, und ein seltsames Gefühl, von dem kollektiven Vogel mitgemeint zu sein, den das unbedarfte Wien dieser Außerirdischen-Demo zeigt. "He, wofür marschierts ihr?", ruft einer begeistert vom Balkon. "Ich geh grad an ein paar Deppen vorbei", raunt ein anderer in sein Handy. Selbst die Polizei wird skeptisch, lässt sich vom Produktionsteam das Konzept erklären und einen Flyer aushändigen. Eine Frau jault auf, weil sie auch so crazy sein will wie wir. Die ungeplanten, ungewollten Reaktionen der Stadt sind die amüsantesten Momente. Recht sympathisch wird es, als die Mitglieder des Chors auf den letzten Metern Richtung Endstation zu Individuen werden und in der Sprache ihrer Wahl ihre Biografien erzählen dürfen, im Stehen oder Gehen, teils nur einem einzelnen Zuschauer oder ins Leere hinein.

Bei Sonnenuntergang sitzen schließlich alle vor dem prachtvollen Schloss Belvedere mit Blick auf Garten und Schlossteich. Nach einer weiteren Runde Schattenboxen tischen die Performenden eifrig ein Picknick auf, und Claudia Bosse beendet ihr installatives Rechercheprojekt mit der feierlichen Frage: "Möchten Sie vielleicht mit uns etwas essen?" Es ist die konkreteste Frage, die sie an diesem Abend gestellt hat. Und die beste.

 

Ideal Paradise
Eine nomadische Stadtkomposition durch verschiedene Stationen in Wien
von Claudia Bosse/theatercombinat
Konzept/künstlerische Leitung: Claudia Bosse; Sound: Günther Auer.
Mit: Günther Auer, Léonard Bertholet, Rotraud Kern, Alexandra Sommerfeld, Florian Tröbinger, Ilse Urbanek; Chor: Jad Al-Mubaraki, Cosima Baum, Sarah Binder, Marlene Grois, Monika Has, Ahmed Hashim, Anna Hirschmann, Iva Ivanova, Vicky Klug, Melanie Konrad, Bozena Kunstek, Anne Megier, Christina Maria Murer, Qasemi Neamathulla, Luzia Rux, Ahmed Saeed, Johanna Urban, Xandi Vogler, Isabella Voicu, Monika Volk, Hayder Wahab, Michaela Wolf, Christa Zuna-Kratky.
Dauer: ca. 3,5 Stunden, ohne Pause, dann Picknick

www.theatercombinat.com

 

Kritikenrundschau

"Maskierte Aliens steigen aus. Farblich passend zu ihrem Raumschiff tragen sie dünne Overalls", schreibt Helmut Ploebst im standard (25.6.2016). Man wisse natürlich nicht, was Außerirdische wirklich denken, "aber diese waren schlau. Sie haben sich Claudia Bosse untertan gemacht – oder sich ihr unterworfen, so ganz klar wird das nicht – und als Fremdenführerin engagiert." Der Abend spekuliere darauf, dass die Erdlinge auch dort Fremdlinge sind, wo sie wohnen. Also bricht man zu einer Führung auf mit dem Fazit: "Das Katastrophische reicht bis tief in die Entfremdung des Erdlings von seiner Umgebung und von seinesgleichen. Das Paradies ist nirgendwo und bleibt daher ein Ideal, was das Unglück zur Farce werden lässt."it: Das Katastrophische reicht bis tief in die Entfremdung des Erdlings von seiner Umgebung und von seinesgleichen. Das Paradies ist nirgendwo und bleibt daher ein Ideal, was das Unglück zur Farce werden lässt. - derstandard.at/2000039765248/Claudia-Bosse-Randwandern-im-Herzen-der-Katastrophe

Dieses spekulierte darauf, dass die Erdlinge auch dort Fremdlinge sind, wo sie wohnen. Also wurde das Publikum mit sanftem Druck dazu gebracht, die auf Stangen montierten, leuchtenden Buchstaben zu tragen und zu einer Führung aufzubrechen. - derstandard.at/2000039765248/Claudia-Bosse-Randwandern-im-Herzen-der-KatastropheDieses spekulierte darauf, dass die Erdlinge auch dort Fremdlinge sind, wo sie wohnen. Also wurde das Publikum mit sanftem Druck dazu gebracht, die auf Stangen montierten, leuchtenden Buchstaben zu tragen und zu einer Führung aufzubrechen. - derstandard.at/2000039765248/Claudia-Bosse-Randwandern-im-Herzen-der-Katastrophe

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Dieses spekulierte darauf, dass die Erdlinge auch dort Fremdlinge sind, wo sie wohnen. Also wurde das Publikum mit sanftem Druck dazu gebracht, die auf Stangen montierten, leuchtenden Buchstaben zu tragen und zu einer Führung aufzubrechen. - derstandard.at/2000039765248/Claudia-Bosse-Randwandern-im-Herzen-der-Katastropheieses spekulierte darauf, dass die Erdlinge auch dort Fremdlinge sind, wo sie wohnen. Also wurde das Publikum mit sanftem Druck dazu gebracht, die auf Stangen montierten, leuchtenden Buchstaben zu tragen und zu einer Führung aufzubrechen. - derstandard.at/2000039765248/Claudia-Bosse-Randwandern-im-Herzen-der-Katastropheieses spekulierte darauf, dass die Erdlinge auch dort Fremdlinge sind, wo sie wohnen. Also wurde das Publikum mit sanftem Druck dazu gebracht, die auf Stangen montierten, leuchtenden Buchstaben zu tragen und zu einer Führung aufzubrechen. - derstandard.at/2000039765248/Claudia-Bosse-Randwandern-im-Herzen-der-KatastropheWir wissen natürlich nicht, was Außerirdische wirklich denken, aber diese waren schlau. Sie haben sich Claudia Bosse untertan gemacht – oder sich ihr unterworfen, so ganz klar wird das nicht – und als Fremdenführerin engagiert. - derstandard.at/2000039765248/Claudia-Bosse-Randwandern-im-Herzen-der-KatastropheWir wissen natürlich nicht, was Außerirdische wirklich denken, aber diese waren schlau. Sie haben sich Claudia Bosse untertan gemacht – oder sich ihr unterworfen, so ganz klar wird das nicht – und als Fremdenführerin engagiert. - derstandard.at/2000039765248/Claudia-Bosse-Randwandern-im-Herzen-der-Katastrophe

Maskierte Aliens steigen aus. Farblich passend zu ihrem Raumschiff tragen sie dünne Overalls, - derstandard.at/2000039765248/Claudia-Bosse-Randwandern-im-Herzen-der-Katastrophe

 
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