Heiße Hexen im Stiftskino

von Alexander Kohlmann

Bad Hersfeld, 24. Juni 2016. Flimmernde schwarz-weiß-Bilder, eine dunkle Lichtung im Wald. Junge Frauen tanzen um eine Feuerstelle, jauchzen, reißen sich schließlich die Kleider vom Leib. Jetzt zeigt die Kamera einen aufgeregten Beobachter. Ein Spanner verfolgt das Geschehen, öffnet seine Hose und onaniert, während die Kamera nackte Pos im ekstatischen Tanz zeigt. Nachdem er gekommen ist, wischt er von sich selbst angewidert das Geschmadder an seiner Priester-Kluft ab. Bis ihn die jungen Frauen entdecken und kreischend auseinander laufen.

Dieter Wedel wählt in seiner "Hexenjagd"-Inszenierung immer wieder drastische Bilder. Bilder, die immer dann den Zuschauer in ihren Bann ziehen können, wenn er sie auf der großen Leinwand zeigt, die am rechten Rand der Bühne in der Stiftsruine steht. Wenn die Bilder dort zu flimmern beginnen, sieht man, dass Wedel ein instinktsicherer Filmregisseur ist – leider sieht man es auch dem Live-Spiel auf der Bühne an.

Düsteres Kammerspiel im Schatten der Stiftsruine

Auf eine Übertragung in die Gegenwart verzichtet die Inszenierung ganz. Dafür steht eine hölzerne Kirchenfassade im linken Seiten-Schiff – bespielt wird diese durchaus aufwendige Kulisse leider nicht. Dafür konzentriert sich das Geschehen auf eine ziemliche enge und ziemlich naturalistische hölzerne Stube, die frontal vor den Zuschauern aufgebaut ist und die beeindruckende Stiftsruine den größten Teil des Abends ihrer Tiefe beraubt. Hier zeigt Dieter Wedel die Hexenverfolgung in Salem als ein düsteres Kammerspiel, das so gar nichts mit den stimmungsvollen, leichten Sommerabenden zu tun hat, die Open-Air-Theater landauf und landab gerne versprechen.

hexenjagd 1 560 Klaus Lefebvre uIn Salem regiert der Verdacht: Dorfszene mit Richy Müller, Christian Nickel, Horst Janson und André Hennicke © Klaus Lefebvre

Im Gegenteil: In historisierenden Kostümen, die sich der Entstehungszeit des Dramas (1953) verpflichten, bemüht sich Wedel die Figuren wie in einem Spielfilm zu entwickeln, der in seinen besten Momenten an Quentin Tarantino erinnert. Etwa wenn Richy Müller als Reverend John Hale mit einem altmodischen Motorrad vorfährt und ganz in schwarz mit einer lauernden, unterschwelligen Brutalität auf Hexenjagd geht – und im smarten Bauern John Proctor (Christian Nickel) von der ersten Begegnung an einen aufrechten Menschen zu entdecken glaubt, der doch wie alle Bürger Salems seine Geheimnisse mit sich rumträgt.

Bald wird sich die Untersuchung der vermeintliche Teufelsbesessenheit der tanzenden Mädchen gegen die Dorfgemeinschaft selbst kehren und Proctor rückt ins Visier des Gerichts. Seine ehemalige Geliebte Abigail Williams treibt ihn mit Falschaussagen vor sich her.  Corinna Pohlmann spielt Abigail als ein junges Ding, das sich nicht nur an seiner sexuellen Macht über Proctor weidet, sondern in den Videos auf der Leinwand auch die Hinrichtungen zu genießen scheint, die sie und ihre Freundinnen im Denunziations-Rausch auslösen. Zunächst um sich selbst zu schützen, dann aus purer Lust an der Macht, bringen sie fast die ganze Gemeinde an den Galgen.

Erregtes Lächeln auf Zelluloid

Die Videoleinwand trägt auch andere wesentliche Momente, etwa wenn der hemdärmelige Corey (Horst Janson) auf flimmernden Sepia-Bildern solange mit Steinen beschwert wird, bis die Rippen brechen und seine Organe zerdrückt werden, da geht in einer andere Kameraeinstellung ein erregtes Lächeln über das Gesicht der Abigail. Zurück kann zu diesem Augenblick längst keiner mehr. "Wir würden nicht nur einen Einzelnen, sondern unsere ganze Majestät in Frage stellen", ahnt der altehrwürdige Hans Diehl als Richter Sewall. Dabei sitzt er am Schreibtisch im Salon eines großbürgerlichen Hauses – auch er hat seinen stärksten Auftritt auf Video. Ebenso wie Jasmin Tabatabai, die gleich gar nicht in persona auf der Bühne erscheint, sondern ausschließlich als mysteriöse Vagabundin das Geschehen von der Leinwand kommentiert.

hexenjagd 3 560 Klaus Lefebvre uKein Zusammenkommen in Salem: Christian Nickel und Janina Stopper © Klaus Lefebvre

Und genau das ist das große Problem dieses Abends. So lustvoll wie Wedel mit den audiovisuellen Filmbildern umgeht, so einfallslos vom Blatt inszeniert er das Bühnenspiel. Da gibt es keine Brüche, keine modellierten Emotionen, keine Persönlichkeiten, die über ihre Körper ihr Inneres sichtbar machen, sondern alle spielen so klein und handwerklich perfekt wie an einem Filmset – nur dass man aus den hinteren Reihen von diesen kleinen Gesten nur noch wenig erkennen kann.

Die Leinen los!

Was wäre wenn Wedel seine Leidenschaft für die Filmbilder in ein theatrales Setting verwandelt hätte? Wenn überall auf der Stiftsruine und darum, im kulturellen und politischen Hexenkessel Bad Hersfeld sich Schauspieler Räume erspielt hätten? Was wäre geschehen, wenn Wedel statt Einspielfilmchen auf live-gefilmte Gesichter in Großaufnahme gesetzt hätte – und so die filmischen Mittel mit dem Theater zu einer Symbiose gefunden hätten? Sicher, alle hätten gerufen Castorf, aber mit diesem Stoff an diesem Ort wäre das dennoch alle Mal eine Offenbarung gewesen. Denn einen passenderen Ort als eine jahrhundertealte Klosterruine, in der die Schickeria der Moderne zu einer der großen amerikanischen Erzählungen zusammenkommt, hätte sich auch ein Bühnenbildner vom Schlage Bert Neumann nur schwer einfallen lassen können. Der Stoff funktioniert, jetzt müsste sich Wedel nur noch trauen, seine Schauspieler von der Leine zu lassen.

 

Hexenjagd
von Arthur Miller
Neu gelesen von Dieter Wedel
Regie: Dieter Wedel, Bühne: Jens Kilian, Kostüme: Clarissa Freiberg, Musikalische Leitung und Komposition: Jörg Gollasch, Chorleitung: Helgo Hahn, Dramaturgie: Hans Joachim Ruckhäberle.
Mit: Kim Janina Bormann, Brigitte Grothum, Bettina Hauenschild, Sybille Kreß, Elisabeth Lanz, Motsi Mabuse, Corinna Pohlmann, Janina Stopper, Milena Tscharntke, Helen Woigk; Hans Diehl, André Eisermann, André M. Hennicke, Horst Janson, Rudolf Krause, Richy Müller, Christian Nickel, Christian Schmidt. Im Film: Jasmin Tabatabai.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.bad-hersfelder-festspiele.de

 

Kritikenrundschau

"Wedels Rezept für das altehrwürdige Theaterfestival, das vom Land Hessen stark gefördert wird, lautet: große Namen aus Film und Fernsehen", konstatiert Hans Riebsamen von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (27.6.2016). "Wer befürchtete, Fernsehgrößen könnten kein Theater spielen, wird in dieser Inszenierung angenehm enttäuscht." Elisabeth Lanz etwa gebe der Elisabeth Proctor tragische Größe. Wedels Inszenierung sei ansprechend und an vielen Stellen packend.

Dass Wedel das Stück in die amerikanischen 1930er Jahre verlegt, sei nicht irrsinnig einleuchtend, aber auch nicht weiter störend, schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (27.6.2016). "Die Mechanismen, die durch eine fatale Mixtur aus Zufall, Privatproblemen, Gier und Kalkül in Gang gesetzt werden und auf eine allgemeine Verblödung und Schlechtigkeit hinauslaufen, wirken allemal. Womöglich sogar gerade in einer Inszenierung, die so gar nicht tiefer hineindeuten möchte, die die Handlung so blank an das Publikum herantreten lässt." Als einflussreicher Vertreter der Filmbranche habe Wedel wieder "ein ziemlich konsequent prominentes Personal“ mitgebracht. "Als Regisseur lässt Wedel es laufen, und das geht gut."

Warum Wedel das Stück allerdings ausgerechnet in den 1930er Jahren spielen lässt werde angesichts dessen zeitloser Botschaft nicht deutlich, merkt auch Kai A. Struthoff von der Hersfelder Zeitung (26.6.2016) an. Dennoch lobt er, Wedels Inszenierung sei "ein gedankenschweres Stück mit Tiefgang und einer klaren Botschaft, das der Regie-Routinier mit geradezu quälender Präzision auf die Bühne bringt." Dabei steigere er gekonnt die Spannung, bis das hysterische Treiben in Salem in jener verstörenden Hinrichtungsszene kulminiert. Das Ensemble sei durchweg großartig.

Mit einer trostlosen Interpretation vergeige Dieter Wedel die Eröffnung der Bad Hersfelder Festspiele, so Adrienne Braun in der Süddeutschen Zeitung (30.6.2016). Statt im weitläufigen, historischen Freilichttheater wird in einer simplen Guckkastenbühne gespielt, als wolle man dem Stadttheater Konkurrenz machen. "Wedel wollte den Stoff aktualisieren und hat seine Textfassung in die 1930er Jahre verlegt. Zwischen Schaukelstuhl auf der Veranda und Kochtopf auf dem Herd inszeniert er ein Drama, das schaurig altbacken daherkommt." Er habe "neue Erzählformen ausprobieren" wollen, erklärte Wedel im Vorfeld immer wieder besänftigend, als habe er mit einem Aufschrei gerechnet, dass er in diesen heiligen Hallen nun auch Videotechnik nutze. Auf der Großleinwand gelinge Tabatabai, was das übrige Ensemble in seinen Live-Aktionen kaum vermag: Präsenz zu entwickeln "Wedel mag die Abläufe arrangiert, die Szenen illustriert haben, aber seine prominente Schauspielerschar überlässt er weitgehend sich selbst." Fazit: "Sommerfestspiele müssen massenkompatibel sein - diese 'Hexenjagd' aber ist einfach nur uninspiriert."

 

 
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