Böse Bank

von Cornelia Fiedler

München, 30. Juni 2016. Als das große Feuer ausbricht in Alabama, rauscht ein Historienfilm auf Speed auf uns herab: Eine schnelle Kamerafahrt führt hinein in die in Games-Optik animierten, schwarzweißen Baumwollfelder, dann züngeln Flammen in Orange von hinten durch das Bild. Flackernde Filmfetzen schieben sich übereinander: Katrin Röver mit Zöpfchen und riesigen panischen Augen, Männer mit Hemd und Hosenträgern, die hektisch Wasserkübel weiterreichen – jede Menge Overacting in Stummfilm-Manier, mehrfach geschichtet von Videokünstler Sebastien Dupouey.

Vor der bühnenfüllenden Leinwand sind dieselben Darsteller mit kindischer Freude dabei, ein kleines detailverliebtes Szenenbild-Modell des Straßenzuges mit dem ersten Textil-Geschäft der jungen Lehman Brothers in Montgomery abzufackeln. Bei Marius von Mayenburg beginnt "Lehman Brothers. Aufstieg und Fall einer Dynastie" als eine Art Drehbuch- und Filmwerkstatt: Mit großer Fabulierlust probieren und entwickeln fünf Schauspieler und eine Schauspielerin Szenarien und Dialoge, überraschen sich gegenseitig mit kitschig-schönen Musik-Einspielern oder hämisch vorgetragenen Regieanweisungen.

Gen Gegenwart wird's immer schlimmer

Die offensive Arbeit am Text wird im Verlauf der dreistündigen Inszenierung zurückgefahren zugunsten der Spielszenen. Es bleibt die spontane Rollenzuweisung und das Springen zwischen Erzähl- und Dialogpassagen. Geschrieben ist "Lehman Brothers" ohne Rollen, in rhythmisierten, reimlosen Versen auf 250 Seiten. Der italienische Dramatiker Stefano Massini schildert darin die rasante Entwicklung des Familienbetriebs der drei aus Deutschland ausgewanderten Lehmann-Brüder: Thomas Gräßle als großspuriger Ältester Henry, Michele Cuciuffo als dessen aufbrausender Bruder Emanuel und Lukas Turtur als breites Bairisch sprechender, bauernschlauer Jüngster namens Meyer. Über die Generationen mausert sich das Business vom kleinen Laden über den Zwischenhandel mit Roh-Baumwolle, Kaffee und Eisen hin zur Bank und später zur Investmentbank, deren Crash 2008 zum Symbol der Wirtschaftskrise wurde.

Lehman 01 560 c Pohlmann uKapitalismus-Parade: unten v.l. Michele Cuciuffo, Thomas Gräßle, Philip Dechamps, Gunther Eckes,
oben v.l. Katrin Röver, Lukas Turtur © Andreas Pohlmann

Mayenburg inszeniert schnell und sprühend vor Ideen. Dem Ensemble gelingt es scheinbar mühelos, die unzähligen Charaktere aus 170 Jahren durch kleinste Gesten lebendig werden zu lassen. Neben wagemutigen Geschäftsideen, heiterem Pioniergeist und einigen sweeten Liebesgeschichten durchziehen immer auch Todesmotive, dunkle Ahnungen und drückende Albträume das Geschehen. Ein "kalter Hauch" kündigt Kriege an, auch die beiden Weltkriege. Diese werden vor allem als tolle Investitionsmöglichkeiten gesehen, metaphorisch dargestellt in Form fiebriger Sex-mit-dem-Krieg-Phantasien. Insgesamt sind die Bilder auf der Bühne umso drastischer, aber auch bemühter und platter, je weiter sich die chronologisch erzählte Saga der Jetztzeit nähert. Die Hochphase des Investmentbankings wird naheliegend inhaltsleer zur Dauerparty.

Die Geschichte des Kapitalismus als Geschichte einer Familie

Endgültig krude wird es in Text und Inszenierung, wenn Massini die Lehmans auch noch zu den Erfindern von Marketing und Konsumrausch erklärt: "Wenn wir der ganzen Welt in den Kopf setzen können, dass kaufen leben heißt", tönt Lukas Turtur, "dann, meine Herren, werden wir diese letzte alte Barriere durchbrechen." Massini versucht die Geschichte des Kapitalismus anhand einer einzigen Familie zu erzählen. Von den Umständen, der gesellschaftlichen Entwicklung um diese Familie herum erfährt man allerdings ziemlich wenig – auch aufgrund der (notwendigen) Kürzungen. So entsteht das problematische Bild einiger weniger, übertrieben einflussreicher Menschen, die die wirtschaftlichen und politische Entwicklungen massiv steuern. So funktioniert Kapitalismus allerdings nicht, so funktioniert höchstens stereotypes Denken.

Lehman 560 Foto AndreasPohlmann UTheater im Film im Film © Andreas Pohlmann

Mayenburg und Dramaturgin Laura Olivi machen in der Inszenierung das Geschichtenerzählen selbst zum Thema, den Umgang mit Figuren – beispielsweise, wenn sich Gräßle tierisch aufregt, dass seine Rolle, Henry, mit einem plötzlichen Tod aus der großen Saga herausgeschrieben wird. Sie nutzen diese Form allerdings nicht, um den Umgang mit Leitmotiven oder die Verquickung historischer und fiktionaler Momente zum Thema der Auseinandersetzungen unter den Drehbuchautor*innen zu machen. Aber wie oft kann man alttestamentarische Vergleiche bemühen, wie oft die jüdische Identität einer Banker-Dynastie betonen – ohne sich beim Produzieren eben dieser Erzählung auf der Bühne auch nur eine Sekunde mit antisemitischen Klischees, deren Entstehung und Wirkmacht zu befassen?

Möglich, dass die Inszenierung einen gerade auf solche Fragen stoßen will. In Zeiten, in denen im Netz, und nicht nur dort, Verschwörungstheorien boomen, die hinter jedem Übel der Welt angebliche jüdische Strippenzieher behaupten, wäre eine deutlichere Reflexion, eine sichtbare Haltung aber wohl die bessere Entscheidung gewesen.

Lehman Brothers. Aufstieg und Fall einer Dynastie
von Stefano Massini, Übersetzung Gerda Poschmann-Reichenau
Regie: Marius von Mayenburg, Bühne und Kostüme: Nina Wetzel, Musik: Malte Beckenbach und Nils Ostendorf, Licht: Gerrit Jurda, Video: Sebastien Dupouey, Dramaturgie: Laura Olivi.
Mit: Michele Cuciuffo, Philip Dechamps, Gunther Eckes, Thomas Gräßle, Katrin Röver, Lukas Turtur.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.residenztheater.de

 

Kritikenrundschau

Massinis Stück sei "ein Historiengemälde, akribisch recherchiert, aber als Analyse der Finanzwelt nur bedingt tauglich. Doch ziemlich gute Unterhaltung", meint Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (1.7.2016). Noch bessere Unterhaltung sei dann "die Inszenierung von Marius von Mayenburg." Der Regisseur nehme "den Stoff als Anleitung zu einer über weite Strecken wundervollen Theaterbastelei." Wie Mayenburg "mit einem fabelhaften Instinkt für Timing und Rhythmus amerikanische Gründerzeit beschwören lässt, das macht großen Spaß".

"Unterhaltsam war’s ohne Frage", denkt sich auch Robert Braunmüller von der Münchner Abendzeitung (1.7.2016). Massinis Text sei "ein episches Lang-Gedicht ohne feste Rollen. Kursiv gedruckte Passagen gelten nur als Empfehlung für Dialoge." Mayenburg verwandle "die Textfläche immerhin nicht in Jelinek-Geblödel. Er erzählt straff und chronologisch. Das hat Tempo." Der Abend fördere aber "vor allem zutage, was schon x-mal prägnanter gesagt, gedacht und verfilmt wurde (...). Für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Raubtier-Kapitalismus und den Banken springt diese Kapitalismus-Revue eindeutig zu kurz."

Massini wolle "eine prototypische Familienbiografie nach dem Muster des amerikanischen Traums" erzählen, die Geschichte der Lehman Brothers sei "vor allem ein Fallbeispiel: dafür wie Geschäftssinn zu Gier verkommt und wie sich innovatives Denken allmählich zu Hochmut auswächst, auf den früher oder später unweigerlich der Fall folgt", meint Christoph Leibold auf swr.de (Zugriff 1.7.2016). Die Inszenierung hingegen wolle großes Kino sein und lande "doch beim Geschichtsunterricht mit Mulitmedia-Einsatz." Zwar seien" Tempo und Timing perfekt, tadelloses Handwerk. Und es ist als hätte Marius von Mayenburg eine Wundertüte aufgemacht, mit vielen Regie-Ideen. Doch seine szenische Fantasie kommt über die gefällige Bebilderung nicht hinaus. Was auf Dauer nicht reicht, um dem Stück beizukommen."

Marius von Mayenburg habe "das ziemlich umfangreich daherkommende Stück auf eine erträgliche Spieldauer zusammengekürzt und lässt sehr geschickt seine Erzählstruktur aus der Tatsache entstehen, dass auch die Schauspieler sich erst an die Geschichte herantasten müssen", sagt Sven Ricklefs auf Bayern 2 (Zugriff 1.7.2016). Zugleich ironisiere von Mayenburg "das zur Putzigkeit und zum Pathos neigende Stück", wobei er dessen Klischees in der zweiten Hälfte wiederum selbst bediene und so doch letztlich "die Schwächen des Stückes" zeige, "das seinem Anspruch, den Ursachen kapitalistischer Wucherungen und Katastrophen auf den Grund zu gehen, nicht wirklich einlöst."

Als "Wundertüte von Regieanfällen" bezeichnet Petra Hallmayer diesen Abend in der Neuen Zürcher Zeitung (2.7.2016). " Lust- und schwungvoll" schlüpfe das Ensemble an diesem Abend in eine Vielzahl von Rollen. Erst "beim Versuch, die Mechanismen eines entfesselten Kapitalismus vorzuführen", gerät Mayenburg laut Hallmayer ins Strudeln. "Er greift zu vordergründigen Illustrationen, lässt Geld regnen und eine Disco-Party mit Go-go-Girls feiern. In rasantem Wirbel stürzen nach der Pause Szenen und Bilder ineinander, ohne dass sich die Aufführung auf irgendetwas ernsthaft konzentriert." "Sicherlich liegt es Mayenburg – ebenso wie dem Autor – fern, antisemitische Verschwörungstheorien zu bedienen. Zunehmend aber beschleicht einen Unbehagen angesichts der hier geschilderten Machtfülle reicher jüdischer Familien. Statt sie unreflektiert auszumalen, hätte der Regisseur seine Rahmenkonstruktion dafür nutzen können, das Legendenhafte solcher Erzählmuster zu demonstrieren. Trotz solchen Einwänden aber ist dies über weite Passagen ein sehr unterhaltsamer Theaterabend dank den phantastischen Videos von Sébastien Dupouey, der übermütigen Spielfreude des Ensembles und vielen feinen und lustigen szenischen Details. "

 

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