Klatschen für Dummies

von @regenbericht

4. Juli 2016. Geht es Ihnen manchmal auch so: Das Stück ist aus, Ihre Arme sind plötzlich sehr schwer und Ihre Hände ganz kalt. Sie fragen sich: "Was nun? Wie reagiere ich angemessen auf die vergangenen zwei Stunden?" Der Fall ist klar: Sie haben Hemmungen beim Applaus. Aber damit ist nun endlich Schluss. Mit unserem Survival-Guide machen wir Sie schon jetzt fit für die nächste Saison. Lernen Sie jetzt stilsicher klatschen in nur zwei Lektionen!

Lektion I: Typische Fehler

Bevor wir zu den Grundarten des Klatschens kommen, sollten Sie vor drei typischen Fehlern beim Klatschen gewarnt sein.

 

1. Schlechtes Timing

Der Schluss der Aufführung hat sich im Laufe der Theatergeschichte als bester Zeitpunkt für das Klatschen herausgestellt. Szenenapplaus wird zwar weiterhin geduldet, sollte aber, wenn der Rest des Publikums Ihrem Beispiel nicht folgt, unverzüglich unterbunden werden. Wenn Sie auf Nummer sicher gehen wollen, warten Sie bis beide (!) Sitznachbarn klatschen.

 

2. Kostümierung

 

Zum Applaus Kostümierung anzulegen ist – und sei sie noch so werktreu – im Theater unerwünscht. Ihr Engagement in allen Ehren, Sie machen sich damit zum Esel.

 

3. Verweigerung

Fauxpas! Wer aus Ärger oder Missgunst nicht klatscht, verrät, dass er die gesellschaftlichen Spielregeln nicht kennt. Klatschen ist im Theater nicht optional, sondern obligatorisch. Das bedeutet natürlich nicht, dass Sie zur Affirmation verpflichtet sind. Im Gegenteil: In den folgenden Klatschstilen finden Sie viel vernichtendere Antworten als phantasielose Verweigerung.

 

Lektion II: Auf die Plätze, fertig, los!

Mithilfe der folgenden Kategorien werden Sie selbst herausfinden, welcher Applaus-Typ Sie sind. Wenn Sie sich nicht festlegen wollen, wählen Sie je nach Abend einen passenden Stil.

 

1. Staatstragend

Sie sind kein Experte, aber aufgrund beruflicher oder familiärer Verpflichtungen gezwungen, hin und wieder zu klatschen? Mit dem staatstragenden Applaus liegen Sie stets richtig. Ohne der Heuchelei verdächtigt zu werden, drücken Sie Anerkennung und Würde aus.

2. Fanatisch

 

Ihre Begeisterung kennt keine Grenzen und geht einher mit einer Schwärmerei für den Star des Abends? Dann ist das fanatische Klatschen Ihre erste Wahl. Für Einsteiger empfiehlt sich der Besuch eines Stücks mit Lars Eidinger.

 

3. Das Kaffeefahrt-Klatschen

Dieser Stil wird oft und gern von Stadttouristen geklatscht. Er drückt ein wohlwollendes Desinteresse aus. Kombinieren Sie ihn mit einem fluchtartigen Verlassen des Saals, um rechtzeitig am Parkplatz zu sein.

 

4. Der Insider

Es sind die kleinen Gesten, die zählen. Mit einer leichten Vorwärtsbewegung des Oberkörpers verdeutlichen Sie, dass Ihr Interesse am Bühnengeschehen das Ihrer Nachbarn weit übertrifft. Ideal für Partner oder Verwandte der Schauspieler.

 

5. Sarkasmus

Mit diesem Stil drücken Sie Ihre Geringschätzung aus und betonten gleichzeitig Ihre Kennerschaft. Ideal für Kritiker oder Theaterbetriebsangehörige, die es sich leisten können. Achten Sie unbedingt auf eine merkliche Verschleppung des Tempos.

 

6. Das eisige Klatschen

 

Hier sehen Sie ein Bravour-Beispiel der geklatschten Niedertracht. Nutzen Sie diesen Stil mit Bedacht und nur zu besonderen Anlässen. Zuvor sollten Sie unbedingt vor dem Spiegel üben. Trainieren Sie gezielt Körperhaltung und die Kontrolle Ihrer Gesichtsmuskeln.

 

7. Stand your Ground

Die stehende Ovation ist eine hohe Kunst, die nur wenigen gelingt. Viele Zuschauer setzen sich bald wieder, wenn die Sitznachbarn ihrem Beispiel nicht folgen. Nicht wenige überdenken sogar ihre Begeisterung für den Abend und gehen mit einem schlechten Gefühl nach Hause. Wie schade! Wahre Größe beweist erst der Klatscher, der sich zum Ausdruck seines schöngeistigen Enthusiasmus erhebt und als leuchtendes Beispiel aus einer Menge ästhetischer Kleinkrämer hervorsticht. Beweisen Sie Mut, bleiben Sie standhaft!

 

8. Drama-Baby!

Emotion ist eine Frage der Technik: Neigen Sie Ihren Kopf kaum merklich. Funkeln Sie mit den Augen. Formen Sie ihre Lippen zu einem Oval, stoßen Sie ein "Hach" aus. Am wichtigsten aber: Klatschen Sie synchron mit Ihrem Herzschlag.

 

9. Die Choreographie

Hier sehen Sie, wie Sie mit Ihrem Applaus alles in den Schatten stellen können, was Ihnen zuvor auf der Bühne geboten wurde. Eine raffinierte Choreographie unter Einbezug des ganzes Körpers. Mimik und Gestik folgen der Dramaturgie des Gefühls. Das ist gelebte Katharsis!

 

10. Die Kür

Sollten Sie wahre Meisterschaft erreicht haben, werden Sie selbst bald für Ihren Applaus gefeiert werden. Wenn Sie sich sicher genug fühlen, versuchen Sie die Begeisterung des Auditoriums auf sich sich selbst zu beziehen. Haben Sie keine Hemmungen. Im Theater geht es immer um Behauptung.

Sollten ihre ersten Versuche scheitern, geben Sie nicht auf. Es ist noch kein Claquer vom Himmel gefallen. Cheers!

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