Panic kills the economy

von Shirin Sojitrawalla

Mainz, 30. Juni 2016. Bei der tödlichen familiären Schlaflosigkeit (FFI), auch letale familiäre Insomnie genannt, folgen auf schlaflose Nächte Schweißausbrüche, Schüttellähmungen und Verrücktheiten aller Art. Bald schon ist an Schlaf gar nicht mehr zu denken. Irgendwann kapituliert der Körper. Die Patienten fallen erst ins Koma, dann sterben sie.

Die seltene Erbkrankheit ist Auslöser und Zentrum des Stückes "Sleepless", einer Koproduktion des Staatstheaters Mainz mit der britischen Theater-Company "Analogue". Die hat sich mit Abenden, die wissenschaftlicher Forschung und ethischen Fragen performativen Raum geben, einen Namen gemacht. "Sleepless" basiert auf dem Buch "The Family That Couldn't Sleep" von D.T. Max, dessen Untertitel als Genre-Bezeichnung für den Abend taugt: "Medical Mystery". Nach Art eines Krimis werden hier Fakten zusammengetragen, wobei das wissenschaftliche Interesse mit dem familiären Forscherdrang in eins fällt.Sleepless1 560 Leoni Schulz Balvinder Sopal Jake Ferretti Michael Cusick Andreas Etter uNiveaweiße, schlaflose Welt: Leoni Schulz, Balvinder Sopal, Jake Ferretti, Michael Cusick
© Andreas Etter

Dabei geschieht vieles gleichzeitig: Als Hauptfigur fungiert Cosima (Balvinder Sopal), eine junge Frau, deren Mutter Francesca Selbstmord begeht, weil sie von eben jener tödlichen Krankheit befallen ist. Der Tod ihrer Mutter konfrontiert Cosima mit ihrer Familien- und Krankengeschichte. Zudem forscht ein Wissenschaftler an dem Fall, und als Rahmen dient eine Kunstausstellung, die den Schlaf massenwirksam ausstellt, wie das MoMA vor ein paar Jahren die schlafende Tilda Swinton.

Wimpernschlagschnelle Wechsel

Auf der Bühne entsteht dabei ein großes Nebeneinander aus kurzen Szenen, die oft in der Vergangenheit spielen und auch schon mal im Traum. Erinnerungen der Figuren werden nachgespielt wie kleine Melodien, die man nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Dabei schlüpfen die Schauspieler in unterschiedliche Rollen. Die Mainzer Schauspielerin Andrea Quirbach etwa verkörpert Francesca als kleines süßes Mädchen und als quirlige junge Frau sowie in unterschiedlichen Stadien des Mutterseins.

Viele der rasch wechselnden Szenen werden nur angespielt, Telefongespräche ausgespielt, anderes in der Schwebe gelassen. Die gekonnte Montage der einzelnen Bauteile bildet das stabile Gerüst des Stücks. Die Wechsel der einzelnen Szenen geschehen mitunter wimpernschlagschnell, Fotos und Projektionen bestücken drei Leinwände, niveaweiße Rollmöbel dienen als dies und das und Bettgestell. Mit Bedacht eingespielte Musikstücke grundieren Gefühlswelten. Hinzu kommen hübsche Ideen die wie etwa jene, die inneren Organe von blutroten Schwämmen mimen zu lassen.

Ethik versus Wirtschaft

Das Herzstück dieses kleinen intensiven Theaterabends aber liegt in seiner Dimension. Die tödliche Schlaflosigkeit gehört zu den Prionenkrankheiten, wie auch das Creutzfeld-Jakob-Syndrom und die Bovine spongiforme Enzephalopathie (BSE). "Panic kills the economy" lautet hierzu der Schlüsselsatz. Eine traurige Gewissheit mit unverschämtem Einfluss auf die Politik. Im Stück wird das anhand der BSE-Krise in den 80er Jahren verhandelt, heute mag man an die kurzzeitige Aufregung um das Zika-Virus als Gefahr für die Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro denken. Ethik versus Wirtschaft. Die großen moralischen Fragen treffen an diesem Abend zudem auf gängige Konflikte rund um nässende Familiengeheimnisse. Was in den Familien verschwiegen wird, findet auch in der Gesellschaft nur schwer Gehör.

Das Stück vermag es, zahllose private und politische Fragen anzutriggern, ohne seinen wunden Punkt aus den Augen zu verlieren. In seiner strikten Ernsthaftigkeit und cleanen Konzeption ringt einem der Abend, wenn schon keine Begeisterung, so doch Bewunderung ab.

 

Sleepless
von Hannah Barker und Liam Jarvis
Uraufführung
in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Regie: Hannah Barker, Ausstattung: Anike Sedello, Video: Helen Mugridge, Sounddesign: Elena Pena, Licht: Jürgen Sippert, Dramaturgie: Jörg Vorhaben.
Mit: Andrea Quirbach, Leoni Schulz, Balvinder Sopal, Michael Cusick, Jake Ferretti.
Dauer: 1 Stunde, 30 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-mainz.de
analoguetheatre.co.uk

 

Kritikenrundschau

"In einer komplexen, mit schnellen Szenenwechseln arbeitenden Inszenierung gestalten Hannah Barker und Liam Jarvis (...) ein Labor der Moderne, in dem die Grenzen zwischen Fiktion und Realität, Beruf und Privatem, Gesundem und Krankem verwischen", schreibt Andrea Pollmeier in der Frankfurter Rundschau (2.7.2016). Die beständigen Szenenwechsel forderten "von den Schauspielern eine herausragende Präsenz". Dies gelinge "dem gesamten Ensemble außergewöhnlich überzeugend", es mache spürbar, "welche Folgen es für den Einzelnen hat, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse vor der Öffentlichkeit geheim gehalten werden, Politiker Forschungsgelder verweigern und Whistleblower für ihr aufrichtiges Handeln bestraft oder beruflich ins Abseits gedrängt werden."

Es sei schwer zu verstehen, dass es in Mainz eine Uraufführung gebe, die "vollständig in englischer Sprache" sei, meint Jens Frederiksen im Wiesbadener Tagblatt (1.7.2016). Zwar seien "zwei Mainzer Schauspieler beteiligt. Was aber nicht verhindert, dass die Dialoge in einem sorglos herausdeklamierten Hochgeschwindigkeits-Englisch gehalten sind – unglücklich auch deshalb, weil die deutschen Übertitel mit der Sprechgeschwindigkeit auf der Bühne kaum mitkommen". Das Stück selbst taste sich "viel zu lange durch Andeutungen. Irgendetwas, so ahnt der Betrachter, ist im Busche. Die kargen Vorzeichen sorgen jedoch nicht für Spannung, sondern nur für Verwirrung."

"Sleepless" sei faszinierend, "weil das Stück so viel zusammenbringt", sagt hingegen Marcus Hladek in der Frankfurter Neuen Presse (2.7.2016). Ein Vorwurf müsse zwar lauten, "dass Barker und Jarvis eine Hauptquelle, das Buch 'The Family That Couldn’t Sleep', unbenannt lassen, obwohl ihr Held Dr. Graham dessen Autor D. T. Max nacheifert." Dem Zuschauer könne das indes "egal sein, da Barker/Jarvis alles bestechend in Fluss bringen."

 

 
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