Fehlender Sand im Getriebe

von Georg Kasch

München, 29. April 2007. Seit ihrer Erfindung ist die Drehbühne eine mindestens ebenso beliebte Bühnenkonvention wie die Zigarette. Ein bisschen Erregung gefällig, ein wenig Seelenstriptease, ein psychologischer Konflikt? Zack – schon brennt die Kippe. Ebenso schnell rotiert die Bühne, ganz gleich, ob sich das Seelenleben der Figuren gerade in Aufruhr befindet oder in Monotonie erstickt. Passt ja beides. Irgendwie.

In Tina Laniks Inszenierung von Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden" am Münchner Residenztheater dreht sich die Bühne gleich zweifach: Auf der großen Rotationsfläche steht ein kleineres Trommelpodest, das in entgegengesetzter Richtung läuft – schließlich kann es in einem Drama schon mal zu Reibungen kommen. Von dieser gegenläufigen Strebung macht Lanik im weiteren Verlauf oft Gebrauch, stehen doch bei den Lomans die Konflikte reihenweise ins Haus.

Dysfunktion des Realitätssinns 

Die Regisseurin erzählt die Geschichte um den Handlungsreisenden Willy, der den amerikanischen Traum zu seinem eigenen macht und daran scheitert, als persönliche Tragödie. Ihr Willy leidet an einer Dysfunktion des Realitätssinns. Wie sehr sie eine gesellschaftliche ist, wird lediglich angedeutet. Magdalena Guts Bühne ist voll gestopft mit Krempel aller Art: Kühlschränke, diverse Fernsehgeräte, ein Grill, Plastikstühle, Lampen, ein Bett mit Flokatiüberwurf. Hier zählt Linda ihrem Mann die fälligen Raten auf, für die Waschmaschine, den Staubsauger und das Haus. In diesem Moment überkommt Willy eine Erkenntnis, die er gleich wieder verdrängt: "Der Wettbewerb ist wahnsinnig! ... Wie kann es denn Käse aus der Tube geben?"

Tina Lanik folgt ihm in seiner Fluchtbewegung, inszeniert später den jungen Manager Howard Wagner als schmierigen Gigolo, der sich mit seiner Digicam erforscht und nebenbei seinen Mitarbeiter Willy abwickelt. Das war’s dann auch schon mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Dabei wäre es so lohnend, sich Willys Impuls entgegenzustellen, stattdessen zu fragen nach den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, unter denen diese Ideologie entstand und entsteht.

Ihr Traum, nicht unser Traum - schade  

Detailreich zitiert Lanik den amerikanischen Traum, mit Footbällen, Cowboyhüten und Erfolgsgeschichten: "Als ich siebzehn war, bin ich in den Dschungel, und als ich einundzwanzig war, kam ich wieder heraus. Und bei Gott, ich war reich", darf Willys Bruder Ben gleich dreimal zum Besten geben, gedoppelt durch die LED-Anzeige, auf der das englische Original läuft. Die Fernsehgeräte zeigen Lassie und Marilyn Monroe. Weniger wäre hier mehr gewesen. Denn der Traum vom Erfolg ist auch unser Traum, insbesondere der eines so gutsituierten Publikums wie dem im Münchner Residenztheater. Da sind Americana bloß hilfreich, um die Geschichte fernzuhalten von jedwedem persönlichen Bezug.

Der Eindruck des Abends: das Ensemble

Das Stärkste an diesem Abend sind die Schauspieler. Oliver Nägele ist ein gealterter, voluminöser Biff fern jeder im Stück behaupteter Sportlichkeit, dessen Bauch jeden Moment unter dem viel zu engen Anzug hervorzuquellen droht. Mit seinen halblangen fettigen Haaren, einer ansetzenden Halbglatze und Geheimratsecken ist er eine Mischung aus Guildo Horn und Hermes Phettberg. Seine Verstörung, seinen Frust, seine Wut hat er wortwörtlich in sich hineingefressen. Ein solcher Outlaw lässt sich auch mit viel Phantasie nicht als Erfolg verkaufen.
Marcus Calvin entspricht da schon eher dem Klischee des hündischen, ewig Optimismus hechelnden Happys. Auch er, der sich aufführt wie ein Zwanzigjähriger, ist eigentümlich gealtert. Wie die gesamte Familie. Wenn Lambert Hamels Willy Loman resigniert, wenn er sich mit der Wahrheit konfrontiert, sieht er aus wie ein gestürzter greiser Diktator, der vor den Trümmern seines Lebens steht und nicht begreift, was schiefgelaufen ist. Dann starrt er ins Leere, als ob dort irgendwo eine Antwort verborgen läge, die alles ins rechte Lot setzen könnte. Wenn er aber aufdreht, aktionistisch und dauergrinsend, benimmt er sich genau so kindisch wie seine Söhne. Die einzige Erwachsene ist Elisabeth Schwarz, die als Linda durch Haltung besticht. Selbst wenn sie sich auf dem Tisch liegend verzweifelt in sich krümmt, bleibt sie doch Dame. Aus jeder ihrer Bewegungen spricht eine Beherrschung, die notwendig ist, um ihre Familie zusammenzuhalten.

Wie die Familie Loman dennoch zerbricht, ist eine etwas sentimentale Geschichte mit opernhaften Vorwürfen, Geblaffe, Tränen und einem kräftigen Schuss 50er-Jahre-Moral. Sie wird von Tina Lanik konsequent zu Ende erzählt. Das berührt Dank des überzeugenden Ensembles. Aber es erschüttert nicht. Im Getriebe der Drehbühne fehlt der Sand.

 

Tod eines Handlungsreisenden
von Arthur Miller
Inszenierung: Tina Lanik, Bühne: Magdalena Gut, Kostüme: Su Sigmund.
Mit: Elisabeth Schwarz, Gerd Anthoff, Marcus Calvin, Lambert Hamel, Guido Lambrecht, Oliver Nägele.

www.residenztheater.de

Kritikenrundschau

In der FAZ (2.5.) schreibt Teresa Grenzmann: "In Laniks elegisch langsam sich drehendem Stationentheaterspiel schlägt die Depression sich selbst in der Unterdrückung durch das Mobiliar nieder. Dazu schleudert es alles, was in den eher zaghaft psychologisch komponierten Szenen an Intimität und Absurdität sich sammeln könnte, sogleich ins Backstein-All vor der nackten Brandmauer des Residenztheaters." Lambert Hamel als Willy Loman findet Frau Grenzmann recht überzeugend, daneben aber besteht eigentlich nur Elisabeth Schwarz als seine Frau auf die Dauer der Aufführung. Frau Grenzmann schreibt da noch einen rätselhaften Satz: "Sie allein darf die letzten bitteren Freiheitsmonolithen vor der Bühne sprechen, die Tina Laniks Inszenierung von Millers Requiem übrig gelassen hat. Linda ist auch die einzige, die den neuen amerikanischebn Käse aus der Tube statt in Scheiben kauft ..."

In der Süddeutschen Zeitung (2.5.) meldete sich Altstar Joachim Kaiser zu Wort. Der ist heilfroh, dass Lanik nicht ironisiert hat und keine Figur lächerlich gemacht oder diffamiert wird. Trotzdem bemängelt er die offensive Absichtslosigkeit des Unternehmens. Weder würde die "amerikanische Ideologie" kritisiert, noch "Millers einstige Befunde den gewärtigen Riesen-Nöten" entgegen gestellt. Immerhin, der "Schauspieler Lambert Hamel, der in jüngeren Jahren oft als öliger Intrigant imponierte, führte ein delikates Gleichgewicht vor. Sein Willy Loman war derart geprägt von gläubigem Optimismus, dass er unfähig wirkte, Erfahrungen zu machen und aus ihnen zu lernen ... Gleichwohl merkte man Hamels Haltung, seinem sich allmählich verdüsternden Gesicht an, wie er litt und verzagte."

 
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