Revolutionäre Pommes

von Alexander Jürgs

Frankfurt, 8. Juli 2016. An der Bar erhält man den Anteilsschein am Unternehmen. Wer sich an "SAPONifikation“ beteiligt, der soll am Ende auch belohnt werden: mit "FOAM", einer Seife, die schon bald in Produktion gehen wird. Die Anteilsscheine werden kostenlos ausgegeben. Wer sie unterzeichnet, bekommt obendrauf sogar noch einen Wodka spendiert – mit Lavendelaroma. "SAPONifikation" will den Kapitalismus umdrehen, ist herzensgut zu seinen Anteilseignern. Alles, wozu man sich verpflichten muss, ist, dass man Ende September mithilft, eine Schaumparty steigen zu lassen.

Das Frankfurter Performancekollektiv red park steckt hinter "SAPONifikation“, produziert wird das Projekt vom Künstlerhaus Mousonturm. Das Gebäude, in dem das auf Tanz und Performance spezialisierte Theater zuhause ist, war tatsächlich einmal eine Seifenfabrik. 1798 hatte der aus Berlin stammende August Friedrich Mouson in der Frankfurter Breiten Gasse einen kleinen Betrieb, in dem Lichter und Seifen fabriziert wurden, übernommen. Sein Sohn Johann Georg machte daraus einen Weltkonzern, das erfolgreichste Produkt der Firma wurde das Mouson-Lavendelwasser, eine Million Fläschchen produzierte man davon in den besten Zeiten.

Der Revolutionär wurde Seifenfabrikant

Als Johann Georg Mouson die Firma von seinem Vater übernommen hatte, war das allerdings alles andere als einfach gewesen: Denn der Sohn saß zu diesem Zeitpunkt im Gefängnis. Er hatte sich an Aufständen des sogenannten Männerbundes beteiligt, hatte für eine demokratische und republikanische Verfassung gestritten. Auf diesen revolutionären Geist in der Familie Mouson wollen sich red park beziehen, wenn sie nun selbst in die Seifenproduktion einsteigen. Bei einer großen Gala im Mousonturm soll die Seife schließlich in Schaum aufgehen.

Fünf "SAPONifikation"-Abende will man zur Vorbereitung der Seifenverschäumung abhalten, an "legendären Frankfurter Stätten von Protest und Aufruhr der letzten 100 Jahre". Angekündigt werden sie als "Happenings" und "Übungen in Aufruhr und Ökonomie". Die GPS-Daten der Orte werden am Tag vorher auf der Website mitgeteilt, so viel Konspiration muss sein. Für den Auftakt haben red park den Campus der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität gewählt, "Agitieren und propagieren" ist das Motto des Abends. Ein antiker Wohnwagen parkt auf dem Platz, Lautsprecher mit darüber gestülpten Plastiktonnen wurden aufgebaut, ein paar Picknickdecken liegen auf dem Pflaster. In den Fritteusen werden Pommes gemacht. Auch aus dem Fett, das dabei abfällt, soll später Seife entstehen.

Saponifikation2 560 alexander juergs u.JPGRevolutionäre bei der Arbeit © Alexander Jürgs

Zeichen der Protestkultur

Aus den Lautsprechern erklingen bald Blubbergeräusche, die die Musiker Martin Bott und Dirk Krecker alias Mõnõraïn bei der Seifenproduktion aufgenommen haben. Eine Nebelmaschine steht im Eingang zum Wohnwagen. Im Inneren stößt man auf allerlei Protestkultur-Memorabilien. Bilder von versifften Räumen, von schwarzroten Fahnen, von Wänden voller "Spuckies" und Graffitis. Eine Fotografie zeigt das "TuCa", das selbstverwaltete Café, in dem sich die linken und linksradikalen Geisteswissenschaftler früher versammelt haben. Der dazugehörige Turm wurde bereits vor etwas mehr als zwei Jahren gesprengt.

Andere Bilder erzählen in Schwarzweiß von der Besetzung der Universität im Mai 1968. Den Schriftzug am Eingangsportal zum Hörsaalgebäude hatte man damals überklebt, aus der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität die Karl-Marx-Universität gemacht. Heute ist das Gebäude mit Baugerüsten umzäunt. Die Universität verschwindet schon bald vom Campus im Stadtteil Bockenheim, soll Wohnungen und Geschäften weichen, in das Hörsaalgebäude wird das Senckenberg-Museum ziehen. Die Wohnwagen-Installation bekommt so etwas Sehnsüchtiges, erscheint wie eine Wandzeitung zum Veteranentreffen. Ist das jetzt Revolutionskitsch? Oder übersieht man womöglich die Ironie? Welche Position red park zu der konservierten Protestkultur beziehen, wird nicht wirklich deutlich.

Saponifikation3 560 alexander juergs u.JPGIn der Theorie kritisch © Alexander Jürgs

Schnickschnackschnuck statt Adorno

Auf den Picknickdecken ausgebreitet liegen Klassiker der poststrukturalistischen und dekonstruktivistischen Theorie, auch Adornos "Minima Moralia" wurde mitgebracht. In einem Exemplar von Michel de Certeaus "Kunst des Handelns" sind unzählige Sätze unterstrichen, auf Seite 198 entdeckt man den mit Bleistift verfassten Hinweis: "vgl. Pollesch, Stadt als Beute". Das Publikum sollte eigentlich Schlüsselstellen der Texte per SMS, Tweet oder Post in die Welt schicken, so war es geplant. Gerade aber spielt ein Vater mit seiner kleinen Tochter auf den Decken lieber Schnickschnackschnuck. Es dauert nicht mehr lange, dann wird aus "SAPONifikation" ein gemütlicher Barabend. Die Flasche mit dem Lavendelwodka wird immer leerer, die Abendsonne taucht den Platz in ein warmes Licht. Das ist alles unheimlich sympathisch. Nur nicht besonders aufrührerisch.

 

SAPONifikation – einige Übungen in Aufruhr und Ökonomie
von red park
Idee und Konzept: red park (Jörg Thums und Tim Schuster)

www.saponifikation.org

www.mousonturm.de

 

Kritikenrundschau

Bei ihrem reportageartigen Bericht in der Frankfurter Rundschau (11.7.2016) enthält sich Karina Wilczok jeglichen Urteils über "Saponifikation" und überlässt es gewissermaßen den Machern selbst, die Performance einzuordnen: "Am Ende des Tages ist das 'Red Park'-Team zufrieden und Thums schlussfolgert: 'Bei unseren Projekten geht es ja darum Situationen zu erzeugen, die alle Beteiligten etwas angehen, um hier eine Politik der Anstiftung zu verfolgen. Ich hoffe, das ist angekommen.'"

 

 
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