Flucht vor den Fronten

von Hartmut Krug

Frankfurt/Oder, 3. August 2016. Es beginnt mit Kindheitserinnerungen. Sechs Kinder aus Ostpreußen, Russland, Polen und Litauen erzählen von einem als normal empfundenen Leben: Marions Großvater hatte ein Schloss gekauft, Vladimir war in der Roten Armee, Irinas Mutter war Kellnerin, Anneliese kam als letztes von fünf Kindern einer Magd zur Welt, und Joanna wurde wie Zenon 1935 geboren, sie in Gdynia, er in Vilnius.

Sechs Schauspieler spielen sich unter freiem Himmel mit munterer Selbstverständlichkeit durch die Kindheitserinnerungen ihrer Figuren. Hinter sich vier alte Wagen der slowakischen Eisenbahn, die sie als Kulisse und Bühne nutzen, vor sich das Publikum auf wenigen Stuhlreihen in der heruntergekommenen Ecke eines Güterbahnhofs. Zwei Musiker begleiten und unterstützen das szenische Spiel mit Ziehharmonika und Gitarre, während die Darsteller immer wieder mächtige hölzerne Kabeltrommeln mit großer Einfallskraft als einzige Requisiten nutzen.

Flucht Ucieczka 560 Vladislava Bochat Foto Chojnowska uKabeltrommeln in der Nacht © Chojnowska

Von Stalin und Blaubeeren

Es geht viel ums Essen. Ein Kind erzählt von den drastischen Erziehungsmaßnamen der Mutter, die ihr das Naschen der Blaubeeren beim Pflücken austrieb. Ein Mädchen schwärmt von ihrem wunderschönen Kinderheim und schildert die Apelle vor Bildern von Stalin, Lenin, Marx und Engels. Erinnert werden Spiele, Lieder und der Kazaczok wird getanzt. So verkörpern die sechs zurückhaltenden und zugleich intensiven Darsteller in Jens Erwin Siemssens Inszenierung sechs Individuen mit ähnlichen wie unterschiedlichen Kindheitserinnerungen.

Sie sind zunächst ganz bei sich. Doch unmerklich schleicht sich eine andere Realität ein. Da gibt es die Erinnerung, dass im Garten manchmal die russischen Doppeldecker landeten. Da wird von deutschen Soldaten berichtet und es wird polnischen Mädchen beigebracht, wie sie sich als Dienstmädchen bei den Deutschen zu verhalten haben. Ein Kind, das einem russischen Kriegsgefangenen einen Apfel durch den Zaun steckt, bekommt von seiner Mutter Ohrfeigen. Und in Litauen beobachtet Zenon, wie die Deutschen "die Juden treiben" und die Litauer dabei helfen.

In der Geschichte gefangen: Margarita Wiesner © Chojnowska In der Geschichte gefangen: Margarita Wiesner © Chojnowska

Die Inszenierung, die auf Erzählungen von Zeitzeugen beruht, bekommt durch ihre anfängliche "Alltäglichkeit" eine ganz eigene Kraft. Und sie macht unspektakulär deutlich, nicht erst bei der Schilderung einer Flucht übers zugefrorene Haff bei Fliegerangriff, wie die Menschen ihre Selbstbestimmtheit verlieren und eingesperrt wirken in Zwangssituationen und schlimme Verhältnisse. Versucht wird nicht, menschliche Verrohung theatralisch zu zeigen oder gar zu verkörpern, sondern es werden fremde Texte zitiert. Mit deren Erfahrungspotenzial werden die Maschinerien der Vertreibung und Vernichtung verdeutlicht.

Klug, nicht belehrend

Flucht, Vertreibung und lange Fahrt im Zug erlebt der Zuschauer dann im direkten Zitat in den Waggons. Ausweglos wirkt das in der Dunkelheit, wenn durch die Fensterluken die traumatischen Erfahrungen auf den Zuhörer einstürmen. Er wechselt von Waggon zu Waggon und erfährt vom Vergewaltigungshorror, gegen den ein sowjetischer Soldat einen angeblichen Befehl von Shukow zu setzen sucht, die Zivilbevölkerung nicht anzurühren. Und er hört vom Mord an den Juden und vom Selbstmord deutscher Frauen aus Angst vor dem Einmarsch der Russen.

Die Rückkehr oder Flucht der Russen, Polen und Deutschen stehen am Ende einer Inszenierung, die keine Aktualisierungen und kaum verdeutlichende Theatermittel braucht, um zu überzeugen. Sie erzählt von Geschichte, Krieg und Flucht mit den Erfahrungen von Menschen aus vier Ländern in einer klugen Textmontage. Man fühlt sich betroffen und berührt, nicht belehrt. Was nicht wenig ist.

 

Flucht / Ucieczka
Dokumentarische Inszenierung über Flucht und Vertreibung
von Jens-Erwin Siemssen
Regie: Jens-Erwin Siemssen, Produktionsleitung Polen: Ida Bocian, Produktion: Juliane Lenssen, Urszula Sobczak, Marzena Chojnowska, Grzegorz Kujawinski, Alicja Kunikowska, Malgorzata Polakowska, Dramaturgie: Zindi Hausmann, Musik: Szymon Jablonski, Marcin Koziol.
Mit: Matylda Magdalena Rozniakowska, Katja Tannert, Margarita Wiesner, Wlada Vladislava, Iwo Bochat, Radoslaw Smuzny.
Kooperation von Das letzte Kleinod und Teatr Gdynia Glowna
Dauer: Eine Stunde, fünfzehn Minuten

Weitere Vorstellungen im August in Frankfurt/0der, Berlin, Lüneburg, Hannover, Bremerhaven, Bad Bederkesa, Geestensetz.

www.das-letzte-kleinod.de
www.teatrgdyniaglowna.pl

 

Kritikenrundschau

"Extrem intensiv" rücke einem in dieser Inszenierung "die Zeit um 1940 auf den Leib", schreibt Antje Scherer in der Märkischen Oderzeitung (5.8.2016). Manchmal zwar verliere "man den Faden, an welcher Front die Geschichten gerade spielen (...), aber das ist auch fast egal. Alles Krieg, alles Chaos." Dabei setzten "die Spieler komplett auf die Kraft der Geschichten und starke Bilder". Antje Scherers Fazit lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: "Unbedingt hingehen!"

"Ungerührt wird nur ein ziemlich zynischer Lump die Aufführung verlassen", meint Jens Fischer in der tageszeitung (6.8.2016). Einfühlsam habe Siemssen eine narrative Struktur entwickelt, die die Gemeinsamkeiten von Fluchtsituationen verdeutlicht. "Das Faszinierende am Inszenierungsstil ist die Reibung von Sprache und Spiel: Der Text kommt im Erzähltonfall bemühter Sachlichkeit daher, die Urheber sind ja heute 80, 90 Jahre alt. Die Körpersprache transportiert eine Kinderperspektive, aus einer naiven Verspieltheit heraus." Dank des famosen Ensembles funktioniere der Text, mache Flucht wenigstens ansatzweise erfahrbar.

Rolf Stein von der Kreiszeitung schreibt: "(D)as Ausgesetztsein, das wir in dieser dringlichen Theaterarbeit erfahren", öffne "die Wahrnehmung des Monströsen“, das weit über seine Dauer hinaus bis ins Individuum wirke. "Das ist nicht nur buchstäblich bewegendes Theater."

Kommentare  
Flucht / Ucieczka: Frage
Ich bin auch ein ehemaliges Flüchtlingskind aus Ostpreussen ,und auch Schauspielerin.Wann ist die Vorstellung in Hannover ?

Liebe Angelika Zielcke,
laut der Website von "Das Letzte Kleinod" http://www.das-letzte-kleinod.de/Hannover.648.0.html spielen sie in Hannover am 13., 14. und 15. August.
Herzlich,
Die Redaktion
Flucht / Ucieczka: nachdenklich
Die Kritik hat mich sehr nachdenklich gemacht. Man spürt die emotionale Gefangennahme des - wenigen - Publikums durch die Ausführungen des Autors. Man ist vollkommen überzeugt worden davon, dass die Inszenierung auf der Basis einer Zitatcollage von Berichten über den dargestellten Zeitraum sehr gut gelungen ist. Und man fragt sich: WARUM können die Original-Berichte, die doch jeder lange in Deutschland Lebende so oder ähnlich in seinem eigenen Umfeld bekommen haben wird, nicht jene Kraft der Übertragung in die Gegenwart erlangen? Oder ist dieses Nicht-Wahrnehmen der nicht-inszenierten, alltäglich gewordnenen Berichte am Ende gar nicht die Wahrheit? Für WEN genau bedarf es des Abstandes einer Inszenierung? WER genau also war das Publikum? Und WARUM setzt eine Truppe auf genau dieses? Und WARUM genau jetzt, in diesem Moment? Ist es nicht ein ästhetisierender Luxus, die Original-Sprecher aus dem eigenen Leben auszuschalten und sich ihr Leben lieber von sprachlich, stimmlich, gestisch und mimisch geschultem Personal vorspielen/vortragen/nach-erzählen zu lassen???? - Wie gesagt: es sind Fragen - ich habe keine Antwort auf sie, aber Herr Krug hat sie mir ermöglicht - danke dafür.
Flucht / Ucieczka, Frankfurt Oder: Kloß im Hals
Danke für die nachtkritik, bin darüber erst auf die Vorstellungen in Spandau aufmerksam geworden und es war wirklich sehenswert. Um den Kloß im Hals kommt man nicht drumrum. Im Publikum waren viele Leute, die ähnliche Geschichten in der Familie hatten, nach wie vor unaufgearbeitet. Der Bedarf zu reden entsteht, wenn man die richtigen Knöpfe drückt - ist der Theatergruppe definitiv gelungen.
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