Roadtrip im Regen

von Jan Fischer

Hannover, 12. August 2016. Es ist schwer zu sagen, wann genau die Inszenierung beginnt, vermutlich aber an dem Stand, an dem es Köttbullar gibt. Viele Hände tragen Teller mit den Fleischbällchen durch den Innenhof des Staatstheater Hannover, andere Hände tragen Prosecco mit Holundersirup. Im Hof sind Buden im schwedisch-romantischen Bullerbü-Stil aufgebaut, erst sind es Verkaufsstände, später Bühnenbild. Eine Leuchtschrift informiert die Besitzer der Hände: "Noch 30 Minuten", aber eigentlich ist es das hier schon der Beginn der Inszenierung von "Der 100jährige der aus dem Fenster stieg und verschwand" unter der Regie von Malte C. Lachmann. Als die Leuchtschrift "Noch 15 Minuten" anzeigt, stehen leere Fleischbällchenteller auf den Tischen, und eine Band betritt eine seitliche Bühne. Sie spielt leichten, nach vorne treibenden Jazz, in denen sich immer mal Harmonien aus ABBA-Stücken verstecken. Es beginnt zu regnen. Plastikponchos werden verteilt. Und 15 Minuten später steigt der Hundertjährige, gespielt von Dieter Hufschmidt, aus dem Fenster.

derhundertjaehrige 02 560 Karl Bernd KarwaszGutgelaunt dank Köttbullar (Ensemble). © Karl Bernd Karwasz

Feelgood-Roman

Das Staatstheater Hannover zeigt in der Spielzeitpause traditionell eine Inszenierung im Innenhof: Das Sommerhoftheater. Teils Theater, teils Event – leichtes, spaßiges Eingrooven in das, was da ab Herbst noch kommen mag. "Theaterspektakel" heißt es in der Ankündigung. "Der Hundertjährige..." ist dafür eine gute Wahl: Der Besteller von Jonas Jonasson trat nicht nur eine unglückliche, wenn auch sehr kurze Welle an Büchern mit sehr langen Buchtiteln los, sondern ist – als vermutlich unangefochten meistgelesene Strandlektüre seit 2010 – auch harmlos und in keinster Weise widerständig. "Feelgood"-Roman, nannte der Autor es selbst.

In Hannover hört es auf zu regnen, ziemlich genau als der Hundertjährige aus seinem Fenster steigt, und von da aus entspinnt sich ein Roadtrip durch Schweden, der kaum nachzuerzählen ist. Das organisierte Verbrechen, ein Würstchenverkäufer, ein Koffer mit 50 Millionen Kronen, eine Elefantendame namens Sonja und noch einige Dinge mehr spielen eine Rolle. Gleichzeitig wird das Leben des Hundertjährigen nacherzählt – auch hier ist eine Zusammenfassung schwer. Er forrestgumpt durch die Weltgeschichte: Kim-Il Sung, der spanische Bürgerkrieg, Mao Tse-tung und Herbert Einstein (Albert Einsteins etwas dummer Halbbruder) spielen eine Rolle, genauso wie große Mengen Schnaps und Sprengstoff. Dabei spielt in Hannover Philippe Goos den jungen Hundertjährigen und fungiert als Erzählerstimme für den alten, und umgekehrt.

Der Elefant ist ein Zorbing-Ball

Während die Geschichte sich entspinnt, rast der 100jährige mit seiner immer größeren Clique in Tretfahrzeugen über den schwedisierten Innenhof, wobei der Elefant von einem Zorbing-Ball gespielt wird. Die Bühnen sind dabei drei der Holzhäuschen, die um das Publikum herum verteilit sind, so dass man ohne Pause den Hals zu recken hat. In kleinen Zwischenspielen wird die Lebensgeschichte des Hundertjährigen auf einer Guckkastenbühne gezeigt, die vor dem Publikum steht, historische Persönlichkeiten sind dabei einfach Schauspieler mit einer ausgedruckten Maske vor dem Kopf.

Jonassons Trick ist die Übertreibung: Seine Figuren sind keine Figuren, es sind Karikaturen und Zerrbilder ohne Tiefgang, die ihren Witz – und vielleicht eine kleine gesellschaftskritische Dimension – dadurch gewinnen, dass sie großen Wiedererkennungswert haben. Jeder kennt einen Typen wie den brutalen Trinker mit dem weichen Herzen, Bosse Ljungberg, oder den Lebenskünstler Julius Jonsson. Malte C. Lachmann setzt in Hannover auf genau diese Übertreibung. Dass er das kann, hat er schon 2013 mit seiner Inszenierung South Park bewiesen.

Das Bühnenbild verwandelt den Innenhof in einen IKEA-artigen Mikrokosmos, in dem an den Holzbüdchen dem Möbelhaus nachempfundene Etiketten hängen; an den Stühlen hat man sich gar nicht erst die Mühe gemacht, sie zu entfernen. Hufschmidts Hundertjähriger läuft als Simplicissimus durch diese aufgeräumte IKEA-Zerrspiegel-Welt und versucht ihr entlocken, was sie ihm noch zu bieten hat. In den Karikaturen findet er ein kleines Stück Mensch und hauptsächlich liebenswertes Chaos. Aus der Vorlage entwickelt Lachmann damit ein schnelles, klamaukiges Stück, das an der Grenze zum reinen Blödsinn balanciert und ins Beliebige kippt. Allerdings: Ab und an muss auch mal leichte, putzige Kost her, ganz besonderes an Sommerabenden, die zwar keine richtigen Sommerabende sind, aber eigentlich doch sein sollten.


 

Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand
von Jonas Jonasson
Regie: Malte C. Lachmann, Bühne: Ramona Rauchbach, Kostüme: Indra Nauck, Musikalische Leitung: Martin Engelbach, Dramaturgie: Janny Fuchs.
Mit: Dieter Hufschmidt, Philippe Goos, Christoph Müller, Mathias Spaan, Frank Wiegard, Susana Fernandes Genebra, Janko Kahle, Silvester von Hösslin, Live-Musik, Martin Engelbach, Christian Decker, Lars Ehrhardt.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

http://www.staatstheater-hannover.de

 

Kritikenrundschau

"Es passt alles, die verspielte Regie von Malte C. Lachmann, die liebevolle Ausstattung, die großartige Band, das Ensemble: allesamt tolle Komödianten in ihren gefühlt drei Dutzend Rollen, übertourig und mitreißend", schreibt Stefan Gohlisch in der Neuen Presse (15.8.2016). Das Stück lehre, dass man das Leben mit Humor, Langmut, Gelassenheit nehmen muss. Fazit: "Dieses Sommerhoftheater bietet nicht nur beste Unterhaltung, sondern auch eine Lektion in Gelassenheit."

Theaterkritik sei hier ganz unnötig, so Ronald Meyer-Arlt in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (15.8.2016). "Denn zu der Angelegenheit muss nichts mehr gesagt werden. Schließlich waren schon weit vor dem Premierentermin alle Vorstellungen ausgebucht." Der Hof sei attraktiv, die angebotenen Speisen munden, der Wein nicht ganz billig, aber in Ordnung, und mit Glück erwische man einen lauschigen Sommerabend. "Was will man mehr?"

 
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