Sprengstoff für Rubens

von Christoph Fellmann

Zürich, 18. August 2016. Vor Jesus am Kreuz hängt eine Hose. Wir befinden uns im Rubens-Saal des königlichen Museums der Schönen Künste im belgischen Antwerpen, dessen schweres Parkett und mehr als 120 Jahre altes Gemäuer für diese Performance in originaler Größe nachgebildet wurden. Als letztes Bild, bevor auch dieses abtransportiert wird, hängt hier die "Kreuzigung" von Peter Paul Rubens. Doch leider passt sie nicht durch die Tür des Saals, der renoviert werden soll (das originale Museum ist derzeit tatsächlich geschlossen).

Und so hängt der arme Mensch, der das Bild noch einmal in seiner exakten Höhe und Breite vermessen wollte, bald zappelnd vor dem Meisterwerk und rettet sich nur, indem er sich an seiner Hose abseilt. Die Hose bleibt hängen, als hänge sie am Kreuz.

Der traurige Mensch

In der direkten Begegnung mit seiner eigenen hochkulturellen Pracht ist der Mensch in der Regel also ein ganz trauriger Trampel. Das zeigt FC Bergman, ein junges Performancekollektiv aus Antwerpen, in seiner Hommage an das Kunstmuseum ihrer Heimatstadt. Mit "Het land Nod" haben die sechs jungen Belgier jetzt das Theaterspektakel in Zürich eröffnet, das bis 4. September freie Produktionen aus Tanz, Theater und Nouveau Cirque zeigt. Und tatsächlich gehört die erste halbe Stunde des gut 90-minütigen Stücks einem feinen, wunderbar unterspielten Slapstick.HetLandNod 560 Kurt Van der Elst uMarthalereske Menschen, himmelhoch überragt von Rubens' "Kreuzigung"
© Kurt Van der Elst

Wir sehen Aufseher, deren Walkie Talkies unverständliche Geräusche machen. Wir hören, wie der Audio-Guide hehr über den Ölschinken spricht, während sich im Saal zwei Männer prügeln. Wir sehen einen späten Ausstellungsbesucher, der in einem unbeobachteten Moment das Bild betatscht. Und wir sehen, endlich, das Personal, das mit Schlaghammer, Säge und Sprengvorrichtung daran arbeitet, das Gemälde doch noch aus dem Saal zu bekommen.

Der nackte Mensch

So weit, so vergnüglich. Weil nicht gesprochen wird, erinnert "Het land Nod" an "Le bal" von Ettore Scola, den Film, der die Geschichte eines Ballsaals durch das 20. Jahrhundert erzählt, durch seine Moden, Kriege und Revolutionen. Allerdings macht es die vorliegende belgische Produktion nicht unter der gesamten Menschheitsgeschichte; soviel Distinktion muss sein, wenn der Erlöser schon so wuchtig im Bühnenbild hängt.

Im Kunstsaal ausgesetzt wird also ein regennasser Mann, der seine platschen Kleider auszieht und folglich bald nackt der Hochkultur gegenüber sitzt. Er ist es, der sich später prügelt, das Land Nod ist ja der Ort, an den Kain verbannt wurde, nachdem er seinen Bruder Abel getötet hatte, und in dem die Menschen zum ruhelosen Wandern – fast möchte man sagen: zum ständigen Renovieren verdammt sind. Umso schlimmer, wenn da immer nur das eine gleiche Bild von der Kreuzigung hängt.

Der letzte Mensch

Anders als bei Scola, bei dem die Erzählung tänzerisch bleibt, macht FC Bergman nach dem komischen Beginn bald Ernst. Es regnet und donnert, es donnert kriegerisch. Man hört Detonationen, und es regnet Mörtel auf die Menschen. Ein anderer Mensch bringt die Jahreszeiten, die vierte ist tödlich. Die Toten werden auf große Haufen geworfen. Ein Mensch erfindet das Feuer, doch es wird ihm ebenso genommen wie das kleine Zelt, das er bewohnte. Dann wird die letzte Kunst doch noch abtransportiert, von der Hochkultur zurück bleibt ein angemessen apokalyptisches Trümmerfeld, und der letzte Mensch isst zum letzten Mal zu Abend.

Das alles ist höchst bedeutsam, doch gleichzeitig glaubt man noch die Materialsammlung zu sehen, aus der das Stück entstanden ist. Von der Marthalereske surft "Het land Nod" zu einer flotten Tanzszene, und von da in den finsteren Realismus. Die Geschichte von der Brüchigkeit der menschlichen Kultur gibt's hier für den eiligen Genießer: conditio humana to go.

 

Het land Nod
von FC Bergman
Von und mit: Stef Aerts, Joé Agemans, Bart Hollanders, Matteo Simoni, Thomas Verstraeten, Marie Vinck. Tondesign: FC Bergman in Zusammenarbeit mit Diederik De Cock. Lichtdesign: FC Bergman in Zusammenarbeit mit Ken Hioco. Produktion: Toneelhuis.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.fcbergman.be
www.theaterspektakel.ch

 

Vor zwei Jahren zeigten FC Bergman u.a. beim Berliner Festival Foreign Affairs die Performance "Van den Vos": hier die Nachtkritik.

 

Kritikenrundschau

Der Museumssaal in "Het land Nod" sei für die Gruppe FC Bergman "so etwas wie ein menschliches Wesen, mit seinem eigenen Leben, auch mit Ängsten", meint Noëmi Gradwohl auf Radio SRF 2 Kultur (19.8.2016). Das funktioniere ganz gut im Stück, doch dann komme es "zu einem dramaturgischen Bruch, und der sei etwas verwirrend: Nun sei man nicht mehr im Museum, sondern im Meer." Es gebe auch weiterhin wunderbare Szenen, doch nach Hause gegangen sei Noëmi Gradwohl mit leicht gemischten Emotionen. Sie habe "grandiose Bilder gesehen, präzise Zeichnungen von Figuren und Typen, viel Situationskomik", allerdings seien "nicht alle Handlungsstränge gleich gelungen".

 
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