Das Leben als Anderer

von Janis El-Bira

21. August 2016. Zehn Jahre können ein Wimpernschlag sein, wenn man die Beharrlichkeit deutscher Diskursdauerbrenner als Maßstab anlegt: Als im Frühjahr 2006 Ilija Trojanows Roman "Der Weltensammler" am Buchmarkt erschien, sangen die Feuilletonisten der Republik zwar artig seinen Lobpreis, verdienten das meiste Zeilengeld aber gerade beim Einkreisen eines fast schon wieder vergessenen Begriffs: Die "Leitkultur" (jetzt ohne "deutsche") feierte im Nachgang des Streits um die Mohammed-Karikaturen ein kleines Comeback. Als "gesellschaftlicher Konsens" sollte sie den Relativismen der multikulturellen Republik die Grenzen aufzeigen.

Eine Dekade später sind die Debatten ähnliche, und auch "deutsch" wird im Kontext von Kultur gerne wieder gebraucht. Damals wie heute ist Trojanows "Weltensammler" demgegenüber ein aufschlussreiches Gegengift. Der Autor hat die realen Lebenszeugnisse des britischen Offiziers und nebenberuflichen Tausendsassas Richard Francis Burton zu einer fiktiven Biographie aus dem Zeitalter des Kolonialismus verdichtet, sie dann postmodern-unzuverlässig von etlichen Erzählern aufbrechen lassen und das Ganze schließlich mit keinesfalls mehr als einer Messerspitze Karl-May-Räuberpistolen-Romantik abgeschmeckt.

Einvakuumiert wie ein Stück Hammelfleisch

Ein Bestseller, freilich, und darüber hinaus auch deshalb buchmessenpreisgekrönt, weil dieser Burton das Fremde eben nicht fürchtet, es noch nicht einmal aus der eingehegt-leitkulturellen Perspektive des Kolonialherrn betrachten, sondern sich ihm rückhaltlos aussetzen will. Ein neugieriger Weltensammler, kein Weltenfresser. Ein schnelles, getriebenes, auch narzisstisches Leben entlang des Glücksprinzips der Reiseführer: "Mingle with the locals!"Weltensammler1 560 KrafftAngerer uEingekapselte Welt: Jasper Diedrichsen (vorne) und Christian Clauß © Krafft Angerer

Klar scheint, wenn just dieser Roman heute auf die Bühne soll, dann muss er dorthin, wo er gebraucht wird: nach Dresden. Hier hat sich nun zum Saisonauftakt der junge Regisseur Johannes Ender seiner angenommen und Trojanows 500-Seiten-Text zunächst so sorgfältig einvakuumiert wie ein Stück Hammelfleisch im Gefrierbeutel: An den Rändern werden die luftigen Details und Auswucherungen der Vorlage kurzerhand abgesogen, in der Mitte bleibt, etwas gestaucht, der Kern der Sache. Das Ergebnis ist ein gerade einmal anderthalb Stunden beanspruchender Abend, der Francis Burton quasi im Galopp nach Britisch-Indien, Mekka und zu den Nilquellen führt.

Die goldenen Verlockungen der Terra incognita

Ender ist dabei merklich daran gelegen, selbst die reflektierteste Abenteuerlust der Vorlage und jedwede Kara-Ben-Nemsi-Haftigkeit ihrer Hauptfigur radikal zu tilgen. Der Wille zur leerfegenden Abstraktion geht hier oft über Trojanows Text hinaus, und Ender macht außer durch ein bisschen Konfetti und theatersportive Tricksereien bei Burtons Ankunft im Chaos von Bombay keinerlei Zugeständnisse in Richtung Folklore, ausgestellter Exotik oder übermäßiger Sinnenfreuden.

Weltensammler 560 KrafftAngerer uKonkav oder konvex? Christian Clauß hängt in der güldenen Weltensphäre © Krafft Angerer

Das ist zunächst vor allem wohltuend und kommt obendrein mit einem starken visuellen Hauptmotiv: In die Kapelle des Dresdner Residenzschlosses, die dem Staatsschauspiel während der langen Umbaupause als eine ihrer Ausweichspielstätten dient, hat Bühnenbildnerin Marie Gimpel einen gewaltigen, hohlen Halbglobus gebaut. Außen ist er grau, reine Terra incognita, doch dreht man seine drei großen Lamellen um die eigene Achse, glänzt auf der Innenseite alles golden. Keine Orte, keine Namen, aber die unendlichen Verlockungen des Fremden.

Anti-romantische Vorsicht

Vor und oft auch auf diesem Globus agieren mit Jasper Diedrichsen, Katharina Lütten und Christian Clauß die drei Spielerinnen des Abends in allen wesentlichen Rollen. Sie sind, das ist Teil des Prinzips, allesamt ausnehmend blond und an jedem Exotikklischee vorbei besetzt. Ihr Beitrag zur Sache hängt indes sichtbar am seidenen Faden dessen, was die Inszenierung ihnen an Spiel übriglässt: Am meisten noch in der Liebesgeschichte zwischen Burton und der Inderin Kundalini im ersten Teil, am wenigsten im dritten, der Dschungelepisode auf dem Weg zu den Nilquellen, wo Ender sich partout nicht ins matschige "Herz der Finsternis"-Gewässer vorwagen will, mit dem Trojanow hier anbändelt.

Überhaupt hängt an der anti-romantischen Vorsicht der Inszenierung mitunter das Preisschild mangelnder dramatischer Friktion. Burtons Leben im permanenten Dazwischen – ein immerzu Verkleideter, nie ganz hier, aber auch nie ganz dort – lullt den Abend in seiner betonten Sauberkeit etwas ein. Da erinnert dann bloß die an diesem Premierensonntag vom Stadtfest herüberdröhnende Live-Musik daran, wo man sich befindet und worüber vielleicht zu reden wäre. Und dass morgen schon wieder Montag ist, in Dresden.

 

Der Weltensammler
nach dem Roman von Ilija Trojanow
Uraufführung
Regie: Johannes Ender, Bühne: Marie Gimpel, Kostüm: Claudio Pohle, Musik: Daniel Dominguez Teruel, Chorleitung: Christiane Büttig, Licht: Andreas Barkleit, Dramaturgie: Lucie Ortmann.
Mit: Jasper Diedrichsen, Katharina Lütten, Christian Clauß, Musiker: Jannik Hinsch, Valentin Kleinschmidt, Chor: Christiane Büttig, Max Dreier, Lennart Fritzsch, Constanze Metz, Mats Nicolai, Carmen Pauli, Aileen Pönack, Romy Riffel.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Kritikenrundschau

Für Johanna Lemke von der Sächsischen Zeitung (23.8.2016) ist der Abend "andeutend, distanziert, schlicht". Am Schlussmonolog zeige sich, "was diese Inszenierung eigentlich will: uneindeutig sein". "Nimmt man diesen Einstand der Interims-Intendanz am Dresdner Staatsschauspiel symbolisch, könnte es eine nachdenkliche Spielzeit werden – aber nicht unspannend."

 
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