Wenn aus Traumata Kunst wird

24. August 2016. In einem ausführlichen Diskussionsbeitrag schreibt Ann Esswein für Der Freitag (24.8.2016) über die "Grenzen zwischen Kunst, Ausbeutung und Therapie." Dafür sprache sie unter anderem mit den jungen Mitgliedern der Theatergruppe Travellers 3, die aus vornehmlich jungen Flüchtlingen besteht. "Jeder hat eine Geschichte, die er mit sich schleppt", erzählt der Autorin zum Beispiel der 18 Jahre alte Abdil Karim. Was hier, im interkulturellen Theaterzentrum in Neukölln, aus Improvisationen entseht, könnte man ein "Laientheater" oder eine "sozialpädagogische Maßnahme" nennen, so Esswein. Für sie ist es vor allem: "Ein Gegenentwurf zum Repräsentationstheater der etablierten Häuser."

Spätestens seit vergangenem Sommer sei "das Thema Flucht und Migration aus den großen Theatersälen und den Kulturprogrammen der Berliner Hinterhöfe nicht mehr wegzudenken. So unterschiedlich ihr Publikum ist, sie haben eines gemeinsam: Scheinbar inflationär bedienen sie sich der realen Erinnerungen der Geflüchteten." Solche Arbeiten werden längst unter dem Begriff "Geflüchtetentheater" zusammengefasst. Dieses Theater wolle alles: "Ästhetik, Authentizität, Aktionismus und Aufarbeitung, am besten gleichzeitig." "Kann Theater das leisten?", fragt Esswein in ihrem Text. 

Auf der Suche nach Antworten sprach sie auch mit Maher Draidi, Schauspieler und Theaterpädagoge, Leiter von Travellers 3. "Theater ist die beste Therapie" sagt er. Der Psychologe Boris Friele wiederum betont: "Das grundlegendste Bedürfnis der Ankommenden ist Sicherheit" Er glaubt, die Theaterarbeit könne sowohl positive als auch negative Auswirkungen haben. Für manche sei die kreative Arbeit eine "Befreiung", bei anderen "könne die Konfrontation mit dem eigenen Schicksal traumatische Gefühle von Angst und Ohnmacht wiederbeleben." Die Instrumentalisierung der Flüchtlingsgeschichten in der Kunst findet Friele problematisch. Bezeichnend sei für ihn, "dass viele Regisseure sich zwar der Geschichten der Geflüchteten bedienen, sie aber von professionellen Schauspielern vortragen lassen."

Esswein geht an dieser Stelle vor allem an Nicolas Stemanns Inszenierung von Elfriede Jelineks "Die Schutzbefohlenen" ein. Ob Stemanns zentrale Metapher " für die realen Verteilungskämpfe in der Gesellschaft" bei den Flüchtlingen ankommt, fragt sie. Der Pakistanisch-stämmige Schauspieler Samee Ullah antwortete ihr, dass ihn Stemanns Inszenierung wütend mache. "Wir sind keine Kunstobjekte."

In ihrer aktuellen Arbeit "Caravan Al-Hakawati" nutzen Ullah und seine Mitstreiter vom Refugee Club Impulse "die Kunst der arabischen Geschichtensammler und -erzähler". Dort erzählen fiktive Figuren Geschichten, ihre Gesichter stecken hinter Masken, wer hinter ihnen steckt "ist nicht zu erkennen, und es ist auch nicht wichtig." "Nicht in elitären Cliquen über Geflüchtete reden, lautet die resümierende Forderung der Aktivisten nach drei Jahren Theaterarbeit."

(sae)

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