Esperanto braucht Speed

von Wolfgang Behrens

Wiesbaden, 30. August 2016. Für ihren Titel hätte die Wiesbadener Biennale, wie sie bis vor zwei Jahren stattfand, nie einen Originalitäts-Blumentopf gewinnen können: "Neue Stücke aus Europa" hieß sie – as unsexy as possible –, und man konnte auf ihr, Überraschung!, neue Stücke aus Europa kennenlernen. Das allerdings war ein Konzept, wie man es auf der deutschsprachigen Theaterlandkarte sonst nicht fand.

Unter dem neuen Intendanten Uwe Eric Laufenberg hat sich die Biennale nun von Titel und Konzept verabschiedet – und mit dem diesjährigen Slogan "This is not Europe" versetzt sie dem Vorgänger-Festival sogar noch einen ironischen Seitenhieb. Aus den vielen Paten, die die "Neuen Stücke aus Europa" zusammenstellten, sind jetzt die beiden künstlerischen Leiter*innen Maria Magdalena Ludewig und Martin Hammer geworden, und mit ihnen ziehen Glanz und Elend des Kuratorenwesens in Wiesbaden ein.

Alles auf dem Prüfstand

Das Elend immerhin muss für die Zuschauer*innen vor Ort, die sich ästhetisch ein wenig updaten wollen, keines sein. Doch mit den eingeladenen Gastspielen – und mögen sie auch so herausragend sein wie etwa die radikal persönliche und selbstentblößende Aneignung des Romans "Middlesex" von Jeffrey Eugenides in "MDLSX" durch die Performerin Silvia Calderoni von der Gruppe Motus – zeigt man bei der Biennale nur, was ohnehin schon durch den immer einheits-soßigeren Festivalzirkus reist. Ob bei den Wiener Festwochen, beim Zürcher Theaterspektakel, beim Berliner Tanz im August oder nun eben in Wiesbaden – man stößt immer wieder auf dieselben Produktionen. Insofern hat man der Biennale zwar ein frisches Image verpasst, aber auch schwer an ihrer Verwechselbarkeit gearbeitet.

Biennale Sperr 560 Thomas Hirschhorn uStadt-Denkmal namens "Sperr": den Titel entnahm der Künstler Thomas Hirschhorn zum einen
der Widmung an den Dramatiker Martin Sperr, zum anderen dem Sperrmüll, aus dem es
entstand © Thomas Hirschhorn

Freilich gibt es auch den Glanz des Kuratierens (dem Vernehmen nach wird er von 2017 an hell wie nie von der Berliner Volksbühne ausgehen), nämlich dann, wenn Teile eines Programms oder gar seine Gesamtheit so gebündelt werden, dass eine Art Gesamtkunstwerk entsteht, dessen Einzelbeiträge zur höheren Glorie der Kuratoren dienen. Und hier können Ludewig und Hammer prunken: Unter der bestechend schönen Überschrift "Asyl des müden Europäers" haben sie ein umfängliches Teilprogramm der Biennale aufgelegt, das über die Stadt verteilt performative und immersive Formate präsentiert. Der Titel gibt die Richtung vor: Asyl benötigen ihm zufolge nicht nur die Flüchtenden, sondern auch die Mitglieder der aufnehmenden Gesellschaft, die ihrer Werte unsicher geworden ist und so in eine Spätphase, in eine Ära der Erschlaffung eintritt. Um sie zu kräftigen, kommen bei der Biennale viele ihrer Institutionen auf den künstlerischen Prüfstand: Kirche, Museum, Bibliothek, Parlament, Kino etc.

Stadt zwischen mondän und angeschmuddelt

Dieses an sich starke Konzept ist da schwach, wo es bereits fertige Arbeiten zwanghaft einzupassen versucht. Im "Kino" etwa, das im Studio des Staatstheaters untergebracht ist, wird als Dauerloop der selbstreflexive Film "Footnotes" von Rabih Mroué gezeigt: So anregend er ist, so beliebig wirkt er an dieser Stelle. Das eigens für die Biennale Entstandene bringt da meist mehr Reibung mit: Der Schweizer Künstler Thomas Hirschhorn hat am Übergang vom mondänen ins angeschmuddelte Wiesbaden ein "Denkmal" (auch das eine der Institutionen) installiert, das seinen Titel "Sperr" zum einen der Widmung an den Dramatiker Martin Sperr entnimmt, zum anderen dem Sperrmüll, aus dem es zusammengestellt ist.

Von einem gewöhnlichen Sperrmüllhaufen unterscheidet es sich durch die in riesigen Lettern angebrachte Aufschrift "Wirklichkeit", wobei das "E" und das "I" dauerhaft von zwei maskierten Personen gebildet werden. Das nimmt sich im öffentlichen Raum irritierend genug aus, um in Wiesbaden Stadtgespräch zu sein.

Ideen-Beerdigung

Sehr nah an der Wirklichkeit ist auch der "Asyl"-Teil "Kirche: Die Beerdigung", den der Niederländer Dries Verhoeven verantwortet. Hier wird jeden Tag eine andere Idee beerdigt, die multikulturelle Gesellschaft etwa, Mutter Natur oder das deutsche Schuldgefühl. Verhoeven und seine Mitstreiter bespielen dabei eine reale Kirche, und sie folgen auch haarklein und äußerlich todernst einem vorgegebenen liturgischen Ablauf. Die Zuschauer*innen bilden die Gemeinde und bekennen – bei der Beerdigung der multikulturellen Gesellschaft – gemeinsam murmelnd "den Opfern der Silvesternacht, meinen Brüdern und Schwestern, dass wir Gutes unterlassen und Böses getan haben" und "blind für die fremden Sitten waren, die wir importierten". Oder sie lauschen der Schriftlesung aus Thilo Sarrazins "Deutschland schafft sich ab" (Alle: "Dank sei Thilo").

Biennale Beerdigung1 560 Jeva Griskjane u Dries Verhoevens tägliche "Beerdigung" einer Idee: an einer Performance war auch Gina-Lisa Lohfink (links) beteiligt, die eine Rede hielt zur Beerdigung der Privatsphäre © Jeva Griskjane

Die Veranstaltung mäandert seltsam zwischen derartigem Sarkasmus und echter Betroffenheit hin und her, verweigert letztlich aber die gedankliche Auseinandersetzung mit der zu beerdigenden Idee – weil Verhoeven es sich im Ritual doch etwas arg bequem macht.

Wirklich grandios hingegen sind die Arbeiten zweier Künstler, die gar nicht eigens auf das "Asyl des müden Europäers" hin entworfen wurden, das Konzept aber ideal füllen. Der Belgier Thomas Bellinck hat im leerstehenden Alten Gericht (wie vorher schon in Brüssel oder Wien) ein "Museum der europäischen Geschichte im Exil" eingerichtet. Hier wird mit den distanzierten Augen einer fernen Nachwelt die Geschichte der EU ausgestellt, als sei sie bereits eine archäologisch zu behandelnde Epoche. In Esperanto beschriftet, findet man in angestaubten Vitrinen skurrile oder auch erschreckende Objekte, bei denen man sich oft genug fragt, ob sie echt sind oder ob man von Bellinck genarrt wird. Ein Wahlkampfplakat der FPÖ, das in "Stürmer"-Karikatur-Manier die Griechen diffamiert ("Unser Geld für unsre Leut"), erweist sich natürlich als echt.

Das Perfide an Bellincks Museum ist, dass es die Geschichte über die Gegenwart hinaus erzählt und dabei – gerade durch die verschrobene Art der gelehrten Präsentation – völlig plausibel wirkt. Spätestens wenn man auf einer vergilbten Schautafel vom Ersten Paneuropäischen Pogrom liest, das 2018 stattgefunden habe, ist es mit dem Schmunzeln vorbei. Da kann der Europäer in einem schon einmal müde werden.

Erinnerung von Stalin bis heute

Die sicherste Zuflucht für den müden Europäer bietet daher der Portugiese Tiago Rodrigues in zwei ganz und gar hinreißenden Arbeiten auf: die Erinnerung. Rodrigues reflektiert in seiner Solo-Performance "By heart" über die Kraft der mündlichen Überlieferung, die durch keinerlei Zensur – nicht zu Zeiten Hitlers oder Stalins und auch nicht im Roman "Fahrenheit 451" von Ray Bradbury – einzudämmen ist. Mit Texten von George Steiner, mit Anekdoten über Boris Pasternak oder aus der Küche Ossip Mandelstams und mit einer Rahmenerzählung über seine eigene Großmutter beschwört Rodrigues so charmant wie beziehungsreich diese Kraft der Erinnerung und des auswendig gelernten Wortes.

Biennale By heart 560 magda bizarro uTiago Rodrigues in action: Zwischen Beschwörungen über die Kraft der Erinnerung bringt der
Regisseur in "By heart" den Zuschauern ein Shakespeare-Sonett bei © Magda Bizarro

Währenddessen aber bringt er immer wieder zehn ausgewählten Zuschauer*innen in kleinen Dosen das 30. Sonett von Shakespeare bei und macht sie solchermaßen zu einer Flaschenpost in eine (vielleicht) trostlose Zukunft. In der "Bibliothek", die für die Biennale neu geschaffen wurde, spinnt Rodrigues diesen Gedanken weiter. Anstelle von Büchern enthält diese Bibliothek sieben Performer, die den Menschen, die sich hierhin verirren, von Büchern erzählen und ihnen Passagen daraus eintrichtern.

Mit Bellinck und Rodrigues haben Maria Magdalena Ludewig und Martin Hammer ihr Kurator*innenglück gemacht, das auch über manche Müdigkeiten des Festivals hinweghelfen kann. Es wird keine kleine Herausforderung für die Zukunft der Biennale sein, neben dem Gastspielprogramm, das die üblichen Verdächtigen feilbietet, wiederholt mit so inspirierenden Setzungen aufzuwarten, wie sie das "Asyl des müden Europäers" in der Summe dann doch bereithält.

 

Asyl des müden Europäers
im Rahmen der Wiesbaden Biennale, 25. August bis 4. September 2016
Kuratoren: Maria Magdalena Ludewig, Martin Hammer
Projekte beim "Asyl des müden Europäers":
Die Kirche: Die Beerdigung von Dries Verhoeven
Das Museum: Domo de Eŭropa Historio en Ekzilo von Thomas Bellinck
Die Bibliothek: Library & By heart von Tiago Rodrigues
Das Kino: Footnotes von Rabih Mroué
Das Therapie-Zentrum: Azdora von Markus Öhrn
Das Parlament: Die Agora
von Margarita Tsoumou und Arkadi Zaides
Das Denkmal: Sperr von Thomas Hirschhorn
Die Bewegung: Die Armee der Liebe von Ingo Niermann und Dora García
Das Asyl: Festivalzentrum von Enzo Mari, Rainer Casper, Jan Liesegang/raumlabor Berlin

www.wiesbaden-biennale.eu

 

Kritikenrundschau

Origineller als das Hauptprogramm der Biennale sei ihr zweites Standbein, findet auch Shirin Sojitrawalla in der taz (1.9.2016). "Im 'Asyl des müden Europäers' nämlich finden all jene Zuflucht, die sich Gedanken machen über die Welt und das große Drumherum." In diesem Sinne fahnde die neue Wiesbaden Biennale "in der europäischen Wirklichkeit beherzt nach den Dramen der Gegenwart".

 
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