Fünf leere Stühle

von Henryk Goldberg

Weimar, 1. September 2016. Der Mann vorne schwärmt, träumt: Wie es wäre, wenn die Menschen Nomaden wären, grenzenlos, ortlos, zwanglos. Hinten die Gruppe bewegt die Hände in den Eimern mit Wasser; das Geräusch, das sie dabei erzeugen, umspült den Raum und die Sinne, Vögel schreien dazu. Und beinahe ist es, als sänge Achim Reichel von den fernen Inseln der Glückseligkeit. Jenen Inseln, auf denen der Brauch des Kula gepflegt wird, der rituelle Gabentausch, wo die Gaben mit einer Geschichte versehen sind und wandern zwischen den Menschen. Ein Band aus Geschichten, das die Menschen umschlingt mit einer sanften, herrschaftsfreien Bindungskraft. So träumen sie einen Traum von Einigkeit und Recht und Freiheit.

Freiheit: Das ist das Thema dieses Abends. Robert Schuster hat "Kula – nach Europa" inszeniert für das Kunstfest Weimar. Ein Abend, der querliegt zur deutschen Politik. Seine Struktur, seine Diktion wurden geprägt durch das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland. Denn dieses verweigerte fünf Schauspielern des Azdar Theatre aus Kabul, die das Angebot hatten, neun Monate in Deutschland zu arbeiten, die Einreise. Die Künstler hätten schließlich, das war die Befürchtung, einen Asylantrag stellen können. Das wäre durchaus möglich gewesen, indessen: Na und? Dann hätte es fünf Migranten mehr gegeben, die womöglich ein Kristallisationspunkt afghanischer Kultur in Deutschland hätten sein können. So werden nun auf der Bühne fünf leere Stühle präsentiert – so sind die Flüchtlinge zum Thema geworden, das sie ursprünglich gar nicht sein sollten. Problematisierung statt Fest der Kulturen.

Debatten-Bilder

Was nun aber das Theater betrifft, so wäre ihm das Fest wohl besser bekommen. Robert Schuster hat nun zwar mit seiner deutsch-französischen Compagnie und Nasir Formuli als nunmehr einzigem Gast vom Azdar Theatre kaum eine andere Möglichkeit, als gleichsam sein eigenes Fest zu stören. Das Ensemble, zehn Schauspieler, diskutiert, polemisiert, philosophiert, politisiert und schwadroniert mit eigenen und fremden Texten – hier ein Marquis Posa über den Menschen der Zukunft, da eine Hannah Arendt über die Revolution. Es ist mitunter viel Bemühtes in diesen dargestellten Debatten, in diesem pseudoprivaten Ton, der so klingen will, als sprächen da Menschen miteinander wie du und ich miteinander sprechen. Das sind aber nicht du und ich, das sind Schauspieler auf einer Bühne. Und die werden überzeugend, wenn sie sich so verhalten dürfen.

Kula2 560 LucaAbbiento uDie Kein-Festgesellschaft © Luca Abbiento

Dann aber scheinen doch noch andere künstlerische Möglichkeiten durch: Einmal gibt es eine gleichsam kakophonische Debatte, minutenlang. Alle durcheinander, alle sich ins Wort fallend, alle alles sagend, rufend, klagend was zu diesem Thema gesagt, gerufen und geklagt wird, die Flüchtlinge, und ob man das sagen darf, dass das ein Problem ist. Diese Texte ganz natürlich gesprochen, das wäre eine korrekte Langeweile. So, in dieser gestalteten Überdrehtheit, in diesem Bekenntnis zur Inszenierung ist das ein künstlerischer Vorgang, der eine gesellschaftliche Situation erzählt, ein übersetztes Abbild der gesellschaftlichen Debatte.

Geschichte(n) schenken

Privatheit wiederum wird immer dann zu einem spannungsvollen Vorgang, wenn sie eine Authentizität zu behaupten vermag. Elke Wieditz, eine Protagonistin des Nationaltheaters, übergibt, als sie selbst, ihr Geschenk: einen Becher mit einer Geschichte. Sie habe ihn einmal, erzählt sie, vor sehr, sehr langer Zeit von einem sehr, sehr wichtigen Menschen als Premierengeschenk erhalten, und sie wolle ein Lied dazu singen. Und singt "Es war einst ein König in Thule", leise und eindrücklich und ein wenig wehmütig auch. Sie hat das einst auf dieser Bühne gesungen, auf der sie das Gretchen war. Und teilt diese Erinnerung, diese Geschichte mit einem anderen Menschen. Das ist nach 40 Minuten der erste künstlerische Moment des Abends.

Kula1 560 LucaAbbiento uNasir Formuli, Matthias Hejnar, Céline Martin-Sisteron © Luca Abbiento

Dieser Abend gewinnt also immer dann, wenn er die angestrengte Meta-Ebene verlässt, wenn er doch das Fest feiert des sich Beschenkens, mit Kunst, mit Geschichten – wobei unscharf bleibt, ob es mehr die Geschichte ist oder die Geschichten: Eine französische Schauspielerin erzählt, wie sie sich während des Terrors in Paris nicht entscheiden konnte, die Tür für die Flüchtenden auf der Straße zu öffnen, da fallen Geschichten und Geschichte in eines. Einer der Franzosen inszeniert mit den deutschen Kollegen ein düsteres deutsches Märchen im deutschen Märchenwald, am Ende gewinnt, wer die böse deutsche Hexe zum Lachen bringt, es ist der Afghane.

Sie beginnen sehr poetisch, mit dem Sound des Wassers, das die Inseln umspült. Und sie enden sehr wirklich, sie spielen mit Nasir Formuli die Szene, nach der in Kabul in der Aufführung des Azdar Theatre ein Selbstmordattentäter die Bombe zündete und die Aufführung beendet war. "An dieser Stelle", sagen sie "spielen wir weiter." Das ist das Ende, und das ist die Hoffnung.

Kula – nach Europa
Regie: Robert Schuster, Bühne und Kostüme: Eva-Maria van Acker, Dramaturgie: Julie Paucker.
Mit: Matthias Hejnar, Thais Lamothe, Celine Martin-Sisteron, Alexandre Ruby, Romaric Seguin (AZA); Nasir Formuli (Azdar Theatre); Jonas Schlagowsky, Elke Wieditz (DNT Weimar); Matthias Breitenbach, Stefanie Mrachacz (Theater Freiburg).

www.nationaltheater-weimar.de
www.kunstfest-weimar.de

 

Kritikenrundschau

"Während es Massen sehnsuchtsvoll nach Europa zieht, fragt man sich dort, was wohl kommt in einer Zeit nach Europa", schreibt Michael Helbing in der Thüringer Allgemeinen Zeitung (3.9.2016). "Aus dem Zweifeln und Zaudern, Hoffen und Träumen erwächst eine große Kraft." Sie lasse zehn Schauspieler aus Frankreich, Deutschland und Afghanistan unter Robert Schusters Regie wie selbstverständlich zum Ensemble werden, "zur Compagnie, die bereit ist, eine gemeinsame Welt gemeinsam zu imaginieren auf einer Bühne". Allerdings störe der Versuch, die fünf abwesenden Kollegen einzubeziehen: "Mit den Afghanen ist auch das Theater zu oft abwesend." Der "transnationale Verständigungsversuch" beruhe im Endeffekt auf viel zu viel Text, der unbedingt verstanden werden wolle. "Also braucht’s deutsche Übertitel fürs Französische, Englische, Persische", so Helbing: "Spannender wäre ein Theater, dass sie eben nicht bräuchte."

 
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