Backstage ist das Publikum

von Martin Jost

Salzburg, 5. September 2016. Den Fernsehsender Servus TV gibt es zweimal, einmal für Österreich und einmal für Deutschland. Auf Servus TV Deutschland lief am Sonntagabend die Dokumentation "Die Nordsee, unser Meer". Auf Servus TV Österreich lief zur selben Zeit die Verfilmung "Die Räuber" nach Friedrich Schiller. Der Rezensent hätte sich gern die Live-Übertragung der "Räuber" aus dem Salzburger Landestheater angesehen, um sie nochmal mit seinen Eindrücken vom Vorabend aus dem Theater abzugleichen. Doch der österreichische Servus-TV-Stream verweigerte auf deutschen Endgeräten den Dienst.

Am Samstag hatte die Premiere der "Räuber" stattgefunden. Um kurz nach acht erschien Regisseur Matthias Hartmann vor dem Vorhang. Charismatisch und gut gelaunt erzählte er, wie schwierig das alles sei, was man hier versuche und dass eine Menge schief gehen könne. Im schlimmsten Fall müsse man unterbrechen, wenn zum Beispiel die Kameras streikten oder die Mikrofone. Denn die Premiere des Stücks war zugleich die Generalprobe für die TV-Übertragung am Sonntag. Und das Publikum im neubarocken Saal wusste, wo sein Platz ist: Hauptsache, die Kameras haben es gut.

Mehr Perspektiven, Dominanz der Kameratechnik

Hartmann arbeitet seit seinem hochkantigen Rausschmiss aus der Intendanz des Wiener Burgtheaters als Kreativdirektor beim Red Bull Media House. ServusTV gehört zu Red Bull und damit zum Medien- und Brausekonzern von Dietrich Mateschitz, Schätzungen zufolge einer der 100 reichsten Menschen der Welt. In einem Interview im "Standard" hatte Hartmann gesagt, Mateschitz persönlich habe ihn zum "Räuber"-TV-Event animiert.

Hartmann ab. Auf der Leinwand, die über dem Bühnenkasten hängt, läuft ein Vorspann und dann auch der Live-Stream, der entsteht und am Tag darauf gesendet wird. Nico Ehrenteit erscheint im Bild, der sowohl Spiegelberg als auch den Erzähler gibt. Mit der Gestik und Mimik eines Stummfilmstars führt er die Kamera durch die Kulisse. Er veranschaulicht die Greenscreen-Technik, mit der eine giftgrüne Stoffwand im Live-Bild durch einen beliebigen Hintergrund ersetzt werden kann. Er liest aus dem Reclam-Kommentar zu "Die Räuber" vor, wie das Publikum bei der Mannheimer Uraufführung entsetzt aus dem Theater geflohen sei.

Raeuber3 560 ServusTV Neumayr Leo uEinsatz der Greenscreentechnik, und so schaut eine Szene aus für den Zuschauer im Landestheater
Salzburg zwischen Amalia (Coco König) und Franz Moor (Emanuel Fellmer). © Leo  Neumayr

Als die Kamera auf den Boden schwenkt, wo ein buntes Durcheinander von Markierungen klebt wie verstreutes Konfetti, seufzt das Publikum anerkennend. Das scheint ja wirklich eine komplizierte Sache zu sein, dass man als Schauspieler immer punktgenau stehen muss. Der Vorhang hinter Meta-Spiegelberg geht auf und das Publikum sieht sich selber hinter Spiegelberg sitzen.

Ehrenteits Spiegelberg verwandelt sich den ganzen Abend hindurch immer wieder in einen Erzähler. Er durchbricht die vierte Wand und stellt die anderen Figuren vor. Zum Beispiel verteidigt er Karl Moor, als wir ihm in einer Schenke zum ersten Mal begegnen. Bis jetzt, also bevor er den verlogenen Brief seines Bruders Franz erhält, habe er noch gar nichts richtig Schlimmes gemacht. Alles im Rahmen eines normalen Studentenlebens. So erspart Spiegelberg sich und uns Karls langen Monolog aus Szene 2 über die Dekadenz der Welt und dass man irgend etwas Großes anschieben müsse. Wohlgemerkt spricht Spiegelberg immer zur Kamera, nicht zum körperlich anwesenden Publikum.

Vater Moor im Treppenhaus

Gleich die nächste Szene ist womöglich die komplexeste, was Greenscreen-Technik angeht. Franz Moor (Emanuel Fellmer) rennt aufgeregt durchs Schloss. Er will seinem Vater Märchen über die unverzeihlichen Vergehen des großen Bruders Karl auftischen. Dafür steht Fellmer vor einer grünen Wand und hoppelt auf der Stelle. Die Bildtechnik mischt ins Grüne ein Treppenhaus, das sich hinter Franz abrollt. Im fertigen Bild auf der Leinwand sieht es tatsächlich so aus, als eile er die Treppe hinauf.

Den alten Moor spielt Friedrich von Thun – in einer vorproduzierten Sequenz. Das Zusammenspiel der beiden geht so: Zwischen von Thuns Spiel aus der Konserve und Fellmers Live-Spiel wird hin und her geschnitten. Der Gegenschuss zeigt ein aus drei Ebenen zusammengesetztes Bild mit von Thuns Silhouette im Vordergrund, Fellmer in der Mitte und einem Gemälde über einem Kaminsims im Hintergrund. Was das Theaterpublikum auf der Bühne sieht: Franz steht vor einer leuchtend grünen Wand und spricht mit einem leeren Schreibtisch.

Raeuber4 560 ServusTV Neumayr Leo uStändiges Spiel mit Illusionen und Dimensionen in "Die Räuber" © Leo Neumayr

Dann geht Franz auch noch hinter den Schreibtisch und beugt sich über seinen Vater. Jetzt läuft auf der Leinwand über der Bühne ein Video, für das Fellmer und von Thun zusammen gedreht haben. Der anwesende Bühnen-Fellmer geht hinter den Schreibtisch und spielt mehr oder weniger dasselbe wie im Einspieler. Er bewegt auch die Lippen. Nur der alte Moor ist nicht da.

Amalia außen auf der Bank

Nach und nach wird klar, was diese Produktion so komplex macht. Nicht nur die Schauspieler, sondern auch Kameras und Möbel müssen stets genau auf ihren Markierungen stehen. Karl Moor verhandelt im 2. Akt mit einem bigotten Pater über eine Amnestie. Den Pater spielt Tobias Moretti herrlich widerlich und gleichzeitig angewidert. Neben von Thun ist er der Star der Inszenierung. Und genau wie von Thun kommt er aus der Konserve. Wenn Karl (Laurence Rupp) in der Szene im Wald auch nur einen Schritt zu weit vorn steht, werden die Größenverhältnisse zwischen ihm und Moretti unnatürlich.

Was die Zuschauer betrifft, ziehen die im Theater Sitzenden den Kürzeren. Die Schauspieler stehen oft seitlich oder mit dem Rücken zum Saal. Viele Szenen spielen in den Wäldern. Das sind hier zwei Reihen dicker Baumstämme plus projizierte Kulissen im hintersten Teil der Bühne. Was dort zwischen den Bäumen gespielt wird, lässt sich nur noch auf der Leinwand verfolgen, aber dafür in Großaufnahme. Vom Parkett aus auf die Leinwand schauen ist übrigens ein verlässliches Rezept für Nackenschmerzen.

 Raeuber5 560 ServusTV Neumayr Leo uNico Ehrenteit als Spiegelberg, der Möchtegern-Anführer der Räuberbande © Leo Neumayr

Da der TV-Stream nicht freigeschaltet war, muss man das TV-Endprodukt anhand des Streams beurteilen, der am Samstag auf der Leinwand über der Bühne zu sehen war. Und der sah wirklich filmisch aus, wenn alles funktionierte. Das Licht (Musik + Gesamtleitung Licht/Video/Ton: Parviz Mir-Ali) war jeweils punktgenau und stimmig. Als Karl inkognito im heimatlichen Schloss weilt, trifft er Amalia (Coco König) nachts im Garten. Auf der Bühne sitzen sie vor der üblichen schrill grünen Wand. Im TV-Bild passen der nächtliche Schlossgarten im Hintergrund und das von Zweigen gesiebte Mondlicht auf ihren Gesichtern stimmig zueinander.

Der Haken beim Testlauf am Samstag: Amalia sitzt ein Stück zu weit links auf der Bank, wird vom Bildrand halb abgeschnitten. Die vier Kameras werden ständig von zwei Technikern positioniert und bewegt. Während dieser Szene ist die Kamera, die die Halbtotale mit Amalia und Karl filmt, unbemannt: Der Techniker muss mit einem Tischventilator auf die beiden zielen und kann solange nicht den Bildausschnitt korrigieren.

Potential für einen Action-Film

Wenn "Die Räuber" mehr Film ist als Theater, dann sind die Zuschauer*innen nicht Theaterpublikum, sondern Backstage-Gäste. Was sie live erleben, ist eher ein Making-Of als ein Film. Dieses Privileg teilen sie mit den Fernseh-Zuschauern insofern, als die Übertragung auf ServusTV wohl von mehreren Hinter-den-Kulissen-Streams im Internet begleitet wurde (auch diese funktionierten am Sonntag von Bayern aus nicht). Wer also vor dem Fernseher saß und noch ein, zwei Tablet-Computer auf dem Schoß hatte, sollte mehrere Kameraperspektiven gleichzeitig verfolgen können.

"Die Räuber" ist in erster Linie ein Hinter-den-Kulissen-Event. Das Theaterstück scheint nur eine Berechtigung zu haben: als Hintergrund für das Making-Of eines Theaterfilms. Matthias Hartmann hat einerseits eine Fassung erarbeitet, die als actionreicher Fernsehfilm runterginge wie Öl. Andererseits beschädigt die Live-Produktion mit ihren Holprigkeiten das flüssige Erlebnis. Mit Metatext und Brüchen der Illusion demontiert Hartmann das Ereignis offensiv. Diese Dekonstruktion hat möglicherweise keine andere Funktion, als technische Mängel vorauseilend zu entschuldigen und lästernden Zuschauern den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Letztendlich stellt Hartmann sicher, dass alle leer ausgehen: Das Publikum hat keinen Theaterabend, sondern sieht den Rücken von Schauspielern bei einem Filmdreh zu. Das TV-Publikum bekommt keinen geradlinigen Action-Streifen, sondern muss sich immer wieder von Metaebenen unterbrechen lassen. Und die Freunde der Metaebene sehen nichts, was ihnen nicht jedes DVD-Making-Of zeigen kann, und zwar weniger duze-duzi-didaktisch.

Opfer Karl

Laut eigener Aussage im Standard-Interview wollte Hartmann den Karl stärker in den Mittelpunkt stellen als üblich – und nicht den Schuft Franz, der allgemein als der Interessantere gilt. Merkwürdig, dass er dann gerade den Monolog der 2. Szene gestrichen hat. Ohne den wird Karl scheinbar unfreiwillig in die Räuberbande gezogen. Ein Hang zum Revoluzzer geht ihm bei Hartmann völlig ab. Noch mehr als bei Schiller wird er zum Opfer der Umstände.

Hartmann hat sich bei vielen Äußerungen rund um seinen Abgang aus Wien als reines Opfer geriert. Seine Identifikation mit Karl, der ebenfalls aus seiner Burg gejagt wurde und seither laufend mit Intrigen konfrontiert ist, wäre daher naheliegend. Hartmann streitet sie aber ab. Eine Deutung der Inszenierung als Verarbeitung von Hartmanns narzisstischer Kränkung: Das wäre nun wirklich schlimmer als das ganze Metagefrickel ohne tieferen Sinn. In Salzburg hat Hartmann auch so ganz viel Trost bekommen. Das Publikum applaudierte minutenlang im Stehen.

Die Räuber
nach Friedrich Schiller
Eine Produktion von Servus TV am Salzburger Landestheater, in Kooperation mit Theater Wolfsburg, Theaterfestival Hamburg und Volkstheater Wien.
Regie: Matthias Hartmann, Musik + Gesamtleitung Licht/Video/Ton: Parviz Mir-Ali, Licht: Florian Fröls, Bühne: Volker Hintermeier, Szenenbild: Miodrag Nerandzic, Kostüme: Malte Lübben,
Mit: Laurence Rupp, Emanuel Fellmer, Coco König, Friedrich von Thun, Nico Ehrenteit, Harald Serafin, Tobias Moretti.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.salzburger-landestheater.at

 

Mehr zu: Die Räuber als TV-Produktion: Matthias Hartmanns multimediale inszenierung wurde auch zum Hamburger Theaterfestival Anfang Oktober 2016 eingeladen. Der NDR brachte den Videofilm in seinem Programm.

 

Kritikenrundschau

"So wertvoll wie ein kleines Steak", urteilen Michael Wurmitzer und Ronald Pohl in der Standard (05.09.2016) bereits in der Überschrift. "Eine technische Maßarbeit und logistische Meisterleistung" sei die Inszenierung zwar, dennoch finde auf der Bühne nur "leeres Spiel, bedeutungsloser Effekt" statt.

Christoph Leibold sah für den Deutschlandfunk (04.09.2016) eine "Räuberpistole, die allerdings ein bisschen so aussieht wie ein Fernsehspiel, das gerne 'Fluch der Karibik' sein würde." Außerdem sei "bei Matthias Hartmanns Fernseh-"Räubern" (..) nun wirklich nicht mehr zu übersehen, dass es um die inhaltliche Auseinandersetzung mit einem Sturm- und Drang-Drama nicht geht." Schiller interessiere Hartmann nur als Plot-Lieferant "fürs Popcorn-Kino". Er sei hiermit "dort angekommen, wo er am Besten aufgehoben scheint: in der Fernsehunterhaltung."

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