Letzte Ausfahrt Nihilismus 

von Andreas Schnell

Bremen, 26. April 2008. Nachkriegsdeutschland, 1951. Ferdinand Bruckner schreibt ein Stück über junge Menschen auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Bruckner, geboren 1891 als Theodor Tagger und 1958 gestorben, 1933 vor dem Faschismus in die USA geflohen, kritisierte 1951, gerade aus dem Exil zurückgekehrt, in "Früchte des Nichts" den skeptischen Nihilismus der deutschen Jugend nach dem vermeintlichen Ende der großen Utopien. Aber was hat das mit uns zu tun, über fünfzig Jahre später?

Vier Jugendliche, kurz vor dem Abitur, sitzen auf einem Sofa, links ein Klavier, daran ein Pianist. Die jungen Leute reden über die Sinnlosigkeit des Daseins, darüber, wie "der Mensch" sich selbst vernichtet. Das klingt aktuell. Foss (Christoph Rinke) sitzt breitbeinig da, mit Bier und Zigarette. Ihn bewegt nichts weniger als die Frage: Woran soll man glauben? Die Existenz ist begrenzt, das Bewusstsein davon nicht. Letzte Ausfahrt: Nihilismus.

Halbgeniale Arschlöcher 

Gert (Sven Fricke) ist fasziniert von seinen Ausführungen, Creszenz (Franziska Schubert) sitzt begriffslos daneben, die modebesessene Adi (Varia Linnéa Sjöström) träumt von edlen Klamotten und Italien. Foss, wie seine Freunde aus zerrüttetem Elternhaus, ist von der Schule verwiesen worden, weil er sich von einem Mädchen mit Gewalt holte, was sie ihm nicht freiwillig geben wollte. Die Jugendlichen trampen nach Italien. Gerts besorgte Mutter (Gabriele Möller-Lukasz) berät sich mit Schuldirektor Klaus (Detlev Greisner), der Pädagoge beklagt die "pubertierenden, halbgenialen Arschlöchern", die "vom Leben beleidigt" ins Nichts flüchten.

Mit einem Knall (ein Schuss, wie wir gleich wissen werden) öffnet sich der Vorhang, das Sofa teilt sich. Ein Bergpass, ein Auto, ein Berg, ein Nachthimmel, ein ausgestopfter Bär, dramatische Musik. Gert hat geschossen – "ein Schuss aus dem Nichts in das Nichts hinein" –, der Fahrer des Wagens ist tot. Die Gruppe zerstreitet sich darüber, was zu tun ist, Gert verliebt sich in Creszenz, die ihn zu Gott führen will – vergeblich. Der Mordverdacht fällt auf Foss, Gerts Zuhause wird von der Polizei bewacht, Kommissar Gries (Detlev Greisner) vermutet, Gert könne Foss verstecken wollen.

Riss in der Welt 

Gert kehrt zurück, die Mutter versucht, ihn zum Bleiben zu bewegen. Er singt: "Mama, just killed a man...", die "Bohemian Rhapsody" von Queen artet in eine groteske Kissenschlacht aus, in der Gert und Voss Lech bezwingen. Der Vorhang schließt sich – war es nur ein Traum? – und wir sind wieder im ersten Bild. Ein Spalt im Vorhang deutet den Riss an, der sich in der Welt der jungen Menschen aufgetan hat. Gert, der sich voller Leben fühlt, voller Liebe zu Creszenz, will sich nicht mit einem profanen Gerichtsverfahren herumärgern. Er bittet Foss, ihn zu erschießen. Der aber hat die Pistole weggeworfen. Gert sagt resigniert: "Wie können sie uns helfen, ohne uns zunächst zu langweilen?" Licht aus, langer, herzlicher Applaus.

Und was haben wir gelernt? Erstens: Regisseur Sebastian Schug hat ein Herz für Rebellen ohne Grund. Für das Festival "Außer Atem" zum Beispiel inszenierte er vor ein paar Jahren in Berlin und Hamburg "rebel, rebel" nach dem Film "Denn sie wissen nicht, was sie tun" . Und die Wünsche und Sehnsüchte des Personals in "Früchte des Nichts" sind im Grunde so konservativ wie die der Protagonisten des legendären James-Dean-Films: Keine (oder auch "schwache") Väter, die Sehnsucht nach Orientierung, nach Liebe, kurz: nach einem Sinn in einer anscheinend sinnlosen Welt.

Plädoyer für den Schoß der Familie 

Und das darf durchaus als zeitgemäß gelten: Schließlich hält die bürgerliche Welt (auch für Gert) wenig Erbauliches bereit: Seine Mutter hat für ihn eine Beamtenkarriere vorgesehen. Was aus Gert und seinen Freunden werden wird, bleibt offen. Lösungen will Schug – ganz ausdrücklich – nicht anbieten. Bruckners Plädoyer für die Heimkehr in den Schoß von Familie und Gesellschaft ist ihm offenbar zu bieder, die Ernsthaftigkeit seiner Figuren löst er mehrmals fast surreal auf. Klar: Sie wollen, dass man ihnen hilft – aber es soll bitte nicht so langweilig sein.

Wie dann also? Bruckners Ziel scheint klar: pragmatische Anpassung an eine Gesellschaft, in der man immerhin noch träumen darf. Schug aber will zwar keine Antworten geben, vermag jedoch auch Bruckners eher biedere Botschaft kaum zu entkräften. Was – positiv gesehen – Raum für Diskussion eröffnet, aber eben auch eine gewisse Indifferenz erzeugt.

Jenseits des Wohnzimmers

Überzeugend hingegen ist das einfallsreiche Bühnenbild von Christian Kiehl: Der ausgestopfte Bär als Symbol für das falsche Leben dient Voss als Plattform für seine existenzialistischen Posen. Die Tiefe des Raums jenseits der Wände des heimischen Wohnzimmers, in die das Stück zurückkehrt, vollzieht kongenial den Erzählungsbogen des Stücks nach.

Mehrere Lieder (neben "Bohemian Rhapsody" auch ein Song von Morrissey) bebildern die Charaktere gewitzt. Und auch das Ensemble setzt Akzente: Allen voran der jungenhafte Gert des Sven Fricke, aber auch Christoph Rinkes manisch verzweifelter Foss, die demütige Monotonie von Franziska Schuberts Creszenz und der gewohnt souveräne Detlev Greisner (gleich in drei Rollen zu sehen) können überzeugen. So gerät Schugs "Früchte des Nichts" zu einer soliden Stadttheaterinszenierung.


Früchte des Nichts
von Ferdinand Bruckner
Regie: Sebastian Schug, Bühne: Christian Kiehl, Kostüme: Geraldine Arnold, Musik: Johannes Winde, Dramaturgie: Stephanie Beyer.
Mit: Sven Fricke, Christoph Rinke, Varia Linnéa Sjöström, Franziska Schubert, Johannes Flachmeyer, Gabriele Möller-Lukasz, Detlev Greisner.

www.bremertheater.com

 

Kritikenrundschau

"Auch mit einem misslungenen, völlig überflüssigen Stück kann man sich einen netten Abend machen", lautet Rainer Mammens Resümee zu Sebastian Schugs Inszenierung von Ferdinand Bruckners selten gespieltem Stück "Früchte des Nichts" in den Bremer Nachrichten (28.4.2008). Von der Nachkriegs-Trümmerlandschaft versetze Schug Bruckners "haltlose Abiturienten" in "eine entschieden unbestimmtere Epoche", zeige also "eine allgemeine Jugend – die Jugend eben". Dabei treibe er in seiner aufgedrehten Inszenierung "die Raserei bis zum Nasenbluten" und gestatte der Aufführung, zumindest bevor im Stück "der ganze Quark auch noch mit peinlichster Pädagogik verrührt" werde, "immerhin ein bisschen sinnfreies Spektakel". Dem zeige sich vor allem Sven Fricke "als jugendlicher Chef-Nihilist bestens gewachsen". "Rattenscharf" und "momentweise sogar absolut hinreißend" sei auch Varia Linnéa Sjöström als "scham- und gnadenlos kalkulierendes Modepüppchen".

 
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