Stadt als leichte Beute

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 15. September 2016. Vor uns die Sintflut. So weit geht es zurück. Man möchte das U in dem mythischen Urlaut ganz lang ziehen: Uuuuur, um das Echo aus dem tiefen Zeitbrunnen zweieinhalb Jahrtausende vor Christus auch akustisch zu erahnen. Uruk im sumerischen Zweistromland war die erste Großstadt der Welt, umgeben von einem Schutzwall für die vermutlich 30.000 bis 70.000 Einwohner. Das in differierenden Fassungen tradierte "Gilgamesh"-Epos, sehr viel schmaler als die Odyssee, ist nur fragmentarisch enthalten: 3000 Verse existieren als "wahrhaft gigantische Bruchstücke", so der bewundernde Rilke.

Ein Gefährte muss her

Es will etwas bedeuten, wenn eine Intendanz mit diesem – im Übrigen von Regisseur Roger Vontobel verknappten – Frühwerk beginnt. Ab urbe condita sozusagen. Als wolle Wilfried Schulz einen Gründungsmythos legen, gar selbst ein König Gilgamesh werden. Einen Kampf gegen unangreifbare Mächte führt er allemal. Das Schauspielhaus am Gustaf-Gründgens-Platz ist, anders als Uruk, ungeschützt; durch Baumaßnahmen in der städtischen Mitte des Projekts Kö-Bogen II auf Jahre unbewohnbar und unbespielbar. Da muss man sich was einfallen lassen, um sichtbar zu sein, etwa mit knallbunten Farben des Internet-und Werbe-Auftritts, der an Warnschilder erinnert für "Achtung spielende Kinder". Und mit einem Aufmerksamkeit bindenden Theaterzelt an der Königsallee.

Gilgamesh251 560 Thomas Rabsch uSandkastenspiele in Düsseldorf: das "Gilgamesh"-Ensemble aus Schauspielern und Tänzern
© Thomas Rabsch

Gilgamesh – Kriegsherr, Stadtgründer, messbarer Wundermann ("drei Ellen lang war sein Glied") und Denker, "dem sich der tiefste Grund aller Dinge offenbarte" – war zwei Drittel Gott, ein Drittel Mensch, doch ein "im Glück unglücklicher Mann". Ein Gefährte muss her. Denn gleich zu gleich gesellt sich gern. Bei Christian Erdmann in Varieté-Smoking-Jacke sehen wir einen eitlen, arroganten, etwas strizzihaften Typen, der an seiner Zigarette zieht, als müsse er damit seinen Charakter beatmen.

Das Volk fleht die Götter an, dem tyrannischen Single einen (auch erotisch) ebenbürtigen Widerpart/Partner zu schaffen – den Erdenkloß Enkidu, Muskelprotz und Waldkind, unwissend wie Parsifal, instinktsicher und naturklug wie Tarzan, unschuldig wie Mowgli. Der Ungezähmte, mit Hilfe einer Hure kirre gemacht, kommt nach Uruk. Zunächst ist er Rivale – ein Kampf macht sie zu Freunden. Dem feingliederigen, auch geistig filigraneren André Kaczmarczyk ist als zweites Ich der Tänzer (Takao Baba) beigegeben.

Man buddelt im Dreck

Arm in Arm wie Schiller-Jünglinge treten Gilgamesh und Enkidu den Göttern entgegen und freveln an ihnen, indem die Helden auf ihrer Initiationsreise (gestaltet als albernes Sandkastenspiel mit Backe-Backe-Kuchen) im Libanon den Riesen Humbaba töten. Die Götter – durch die Herausforderung beleidigt, eifersüchtig Vergänglichkeit verhängend – schlagen den seine Ver-Nicht-ung beklagenden Enkidu mit Krankheit und rauben ihm das Leben. Der Todes-Fürchtige Gilgamesh trauert um ihn wie Orpheus um Eurydike und sucht nach dem Geheimnis ewigen Lebens (der "leeren Gier"). Antwort erhofft er sich am Ende der Welt bei Ut-napishti, dem babylonischen Noah. Der verwildernde Christian Erdmann stakst nun raubeinig Robinson-Crusoe-haft durch den Bühnen-Nebel.

gilgamesh 560 michaela steiger foto thomasrabsch uMichaela Steiger als Ninsun und die Band Murena Murena © Thomas Rabsch

In der Düsseldorfer Sand-Arena, die das Ensemble in schwarz-goldenen Trikots mit dem Rechen zunächst fein säuberlich harkt, rückt die Zirkus-Metapher den Stil Richtung André Heller. Das Ensemble türmt sich zu artistischen Figuren, tanzt, strotzt, stampft martialisch und rhythmisch einfältig (musikalisch unterstützt von einem lärmend rockigen Trio), als wolle die chorische Mannschaft King Kong einschüchtern. Im Hintergrund ragen die Buchstaben U R U K, geborsten und halb verschüttet. Man buddelt im Dreck, schuftet, statt zu spielen, als würde das Archaische sich nach aufgewühlten Kubikzentimetern bemessen. Der ockerfarbene Erd-Schlamm lässt an anderen Modder denken, den aus Jürgen Goschs "Macbeth", aber nur von sehr, sehr weit her. Das Ganze ist mehr Gerangel als Gedankenkonstrukt, mehr Revue als Gleichnis, mehr Halbwelt als Frühzeit mit einer Madame Ninsun (Gilgameshs Mutter), die bei Michaela Steiger als rabiate Chanson-Diva in Silber unter blonder Perücke ins Mikro raunt und röhrt.

Angestaubt, aber gut bewässert

Das psychologische Muster im archetypischen Epos meint, dass jemand in der Begegnung mit dem Anderen sich selbst erfährt, um das Rätsel zu lösen, das man (sich) selbst ist, und den Schrecken vor dem eigenen Ich zu bewältigen. Gilgamesh lernt, gleichermaßen das antike carpe diem wie den christlichen Vanitas-Gedanken und stoische Gemütsruhe zu verinnerlichen. Und überlässt sich, gut freudianisch, der Sublimation – er wird Bauherr.

Etwas mehr Reflexion, Inspiriertheit und intellektueller Feinschliff seitens Vontobels Inszenierung, die angestaubt ist, aber immerhin gut bewässert wird, hätte der Sache nicht geschadet. Wir wollen diesen Mangel nicht von vornherein auf den Ort, den Zeltplatz an der Königsallee, zurückführen. Wenn sich am Ende die Buchstaben U R U K neonhell zusammenfügen und die Zeltplane sich nach außen hin öffnet, ist dort die Stadt, die flaniert, hupt und staunt. D'dorf scheint von Wilfried Schulz' so genanntem "D'haus" etwas zu leicht erobert.

 

Gilgamesh
Übertragen von Raoul Schrott
Regie: Roger Vontobel, Bühne: Claudia Rohner, Kostüme: Ellen Hofmann, Musik: Murena Murena,  Choreografie: Takao Baba, Licht: Jean-Mario Bessière, Dramaturgie: Robert Koall.
Mit: Takao Baba, Christian Erdmann, André Kaczmarczyk, Florian Lange, Michaela Steiger, Minna Wündrich sowie Sergej Czepurnyi, Sefa Demirbas, Yasin Kamat, Rebecca Seidel.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.dhaus.de

 

Kritikenrundschau

"Vontobel zieht alle Register, um das Archaische des Stoffes in Szene zu setzen", schreibt Dorothe Krings in der Rheinischen Post (17.9.2016). "Und er hat einen Hauptdarsteller, der zwischen den Zeiten wandeln kann". Auch wenn die Kritikerin neben vielen Stärken auch einige Schwächen des Abends benennt, ist der Intendanz Schulz aus Ihrer Sicht in Düsseldorf ein "starker Auftakt mit einem vorsintflutlichen Text "gelungen, der der Gegenwart viel zu sagen hat. "Das Schauspielhaus hat die Planen hochgezogen, hat lebendige Kunst freigesetzt mitten in der Stadt. Das kann nun wirken."

Ein bisschen hinterfotzig sei es schon, dass Roger Vontobel die Spielzeit mit 'Gilgamesh' eröffnet, schreibt Egbert Tholl mit Blick auf den Theaterumbau, der das Spielen in einer Ausweichspielstätte erzwang, in der Süddeutschen Zeitung (17.9.2016). "Das Epos endet mit einem Bauvorhaben". Doch die Wirkung der Spielstätte sei kolossal. "An einer Stelle der Stadt, wo Düsseldorf vollkommen jeglichem Klischee der Stadt der Reichen entspricht, zieht das Zirkuszelt nun für ein paar Wochen Besucher an, die entweder ein völlig neues Theatererlebnis erfahren oder sich vielleicht zum ersten Mal trauen, einen Kulturtempel zu betreten, der halt gar nicht wie einer aussieht." Die Inszenierung ist aus Sicht des Kritikers "echtes Jungs-Theater" beziehungsweise "großes Zampano-Theater". Die "Jungs"  graben in der Mitte des Zirkus im Lehm, "schmieren sich voll, raufen, tanzen, sind allesamt, nicht nur die ausgewiesenen Tänzer, von großer physischer Elastizität und machen eine Zeit lang munteres Körpertheater zu Murenas Musik".  Doch zunehmend sei der Abend vom Zerfall geplagt.

"Vieles an diesem Abend wirkt behauptet, künstlich deklamiert, die brachiale Archaik aufgesetzt, manches sogar unfreiwillig komisch – etwa, wenn Gilgamesh auf seiner Wüstenwanderung beginnt, Sandburgen zu bauen und Enkidu Mehlkreise ums Zelt zieht", so Dorothea Marcus in der Sendung "Kultur heute" vom Deutschlandfunk (16.9.2016). Auch das schöne Schlußbild "eine programmatische Öffnung zur Stadt, die an dieser Stelle sonst nur eine besonders exklusive Shopping-Meile ist" rettet aus ihrer Sicht die "altbackene, pathetisch hochgeschraubte Inszenierung" leider nicht.

Extralang anhaltende Ausschläge auf dem Applausometer. Düsseldorf darf wieder auf Holz klopfen", schreibt Jens Dirksen auf dem WAZ-Portal Der Westen (17. 9.2016). "Am Ende, nach all den Schlammschlachten und Kämpfen um Ruhm für die Ewigkeit, werden die Zelt-Leinwände hochgehen und der König schreitet nach draußen auf die Kö und schreit: 'Klopft die Fundamente ab, prüft das Mauerwerk...!' Das ist – als programmatische Ansage für die neue Ära des Düsseldorfer Schauspielhauses – ein Wort wie ein Versprechen, an die Grundfesten der Gesellschaft zu gehen. Jetzt müssen der neue Intendant Wilfried Schulz und sein Ensemble nur noch liefern."

"Eine ferne Geschichte von archaischer Kraft und animalischer Gewalt" sei das "Gilgamesh"-Epos, "auch wenn zeitlose Themen wie Liebe und Freundschaft, Macht und Läuterung sie durchziehen", schreibt Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (19.9.2016). Der archäologische Ansatz, den das Bühnenbild von Roger Vontobels Spielzeiteröffnungsinszenierung in Düsseldorf andeute, bleibe Behauptung. "Die Inszenierung (...) unternimmt gar nicht erst den Versuch, das Epos der populären Vertrautheit zu entziehen, sondern stülpt ihm die Zirkus-Metapher über, unter der jede Beliebigkeit Platz hat."

Für die Neue Zürcher Zeitung (28.9.2016) schreibt Hans-Christoph Zimmermann im Rahmen seines Intendanzstart-Berichts: "Vontobels Inszenierung speist sich aus dem Geist einer totalen Aneignung, die überall Gegenwart wittert. Ihr ist nichts Mythisches fremd. Gerade darin macht sie es sich zu einfach. Sie findet weder Bilder für die verstörende Allgegenwart der Träume noch solche für die Unsterblichkeitssehnsucht von Gilgamesh nach Enkidus Tod."

 
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