Flurgespräche der Zentralbanker

von Claude Bühler

Basel, 15. September 2016. Schon länger wird in Basel jene Geschichte wie ein Bonmot herumgereicht, wonach eine Boutiquen-Verkäuferin einer stadtbekannten, immer unscheinbar gekleideten Milliardärin die Seidenblusen nicht habe zeigen wollen, "weil Sie sich ja so was doch nicht leisten können". Hier lacht man über die Verkäuferin. Dem ortsfernen Blick enthüllte die Affäre wohl eher die Kultur der Diskretion, die hier herrscht, und die die Kleinstadt zum geeigneten Standort der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) macht: Die wichtigste Bank der Welt, deren 70 Meter hoher Turm beim Bahnhof jeder kennt und über die niemand etwas weiß.

Hier, so schrieb es etwa der Buchautor Adam Lebor, treffen sich alle zwei Monate an einem Sonntagabend die wichtigsten Zentralbanker der Welt, um eine Stunde lang ohne Protokoll miteinander zu reden: EZB-Präsident Mario Draghi, Fed-Präsidentin Janet Yellen, der deutsche Bundesbankenpräsident Jens Weidmann etc. Kein Lokalreporter hat sie je abgepasst. Nun aber hat der Basler Theaterdirektor Andreas Beck der deutschen Dramatikerin Theresia Walser den Auftrag gegeben, das öffentlichkeitsscheue Institut mit der dunklen Geschichte mal unter die Lupe zu nehmen.

"Demokratie ist Sandkasten für die Armen"

Über das Unternehmen, dessen Interventionen oder interne Dramen erfährt man in "Im Turm zu Basel“ jedoch kaum etwas. Es ist fast so als bliebe man draußen auf dem Flur. Hausangstellte und Banker spekulieren über die Hackordnung, den Hausgeist und das Pflichtgefühl von Hortensien. So what? Es ist kein Novum am Theater, dass Banker als superdiskrete, machtbesessene, speichelleckende Schurken mit seltsamen Vorlieben vorgestellt werden. Aber Walser bringt das Publikum 90 Minuten lang immer wieder zum Lachen, etwa wenn es während des jetzt laufenden städtischen Wahlkampfs von einer "Turmherrin Tronje" hören muss: "Demokratie ist Sandkasten für die Armen im Geiste. Die dürfen ruhig mitreden, wo es um nichts geht." Und zum Verstummen, wenn das Wort "Zahngold" im Zusammenhang mit den historischen BIZ-Vermögensbeständen fällt.

turmzubasel2 560 simon hallstroem uSie folgen nur dem Leitzins: Simon Zagermann, Thomas Reisinger, Orlando Klaus, Carina Braunschmidt © Simon Hallström

Das Heiligtum des Geldes

Die Banker stilisieren ihre BIZ zum Tempel der Eingeweihten hoch, wo der "Finanzweltpapst" Greeper "wie Jesus zu den Märkten" rede, wo der "monetäre Zölibat" gelte, während Wall Street eine "Spekulationsgosse" sei. Hier im "unpolitischen" Basel sei der Euro "gezeugt" worden, ja Geld werde zu Geist. Der erwähnte Sonntagabend gilt als eine Art Gottesdienst. Das Wasser wird "dorfbrunnenkalt" gereicht. Zum Kalbsgeschnetzelten gibt es immer etwas zu wenig Sauce: Exerzitium des Maßhaltens. "Die Unsichtbaren" (Stückuntertitel) enthüllen hochherzige Menschenverachtung und atemberaubende Hybris. Man müsse wie "Gott aufs Ganze" blicken. "Die Katastrophen der einen sind das Glück der andern. Nur können Sie das dem einfachen Mann auf der Straße da unten nicht erklären. Der verzweifelt an solchen Wahrheiten." Wohl eher daran, dass ihm keiner hilft.

Es will einem aber nicht so recht in die Knochen fahren, was Walser an realen Aussagen von Bankern entnommen und fabulierend hat weiter wuchern lassen. Weil auf der Bühne "Groteske" gespielt wird. Weil Ulkeinlagen die Inhaltswucht verwedeln. Und weil Regisseur Sebastian Schug das an sich versierte Ensemble nicht konsequent an den Punkt lenkt, an dem diese Leute nicht nur vermindert realistische Bühnenfiguren sind. Sondern an dem sie einen realen Kern haben und an dem sie diesen entblößen, wenn sie ihre todernst gemeinten Wahrheiten aussprechen. Thomas Reisinger als Greeper, äußerlich elastisch-elegant, innerlich versteinert, entwickelt auf diese Weise Sogwirkung. Sagt ihm ein Banker, er komme nicht zum nächsten Treffen, seine Mutter liege im Sterben, so antwortet er völlig neutral: "Ja, eine Mutter stirbt nur einmal", und dabei weht einen der eiskalte Marschbefehl an, der da lautet: "Du kommst."

turmzubasel1 560 simon hallstroem uWo die Hybris wohnt: Liliane Amuat, Katja Jung, Karina Braunschmidt in der Bankenwelt
© Simon Hallström

Herrschaft ohne Ende

Den finalen Sonntagabend, klischiert arrangiert wie das Abendmahl da Vincis, lässt Schug in Blödelei ausarten. Dabei läge die Magie von Walsers BIZ-Welt wohl eher darin, dass sie auf immer und ewig genau gleich fortbesteht – mit den seit der Gründung (1930) wie Hausgeister amtierenden Saaltöchtern Lynn und Fine, mit der textlich oft beschworenen Stille und Abgeschiedenheit. Selbst wenn der Chef Greeper stirbt, wird er von einem Schattenherrscher weiter verkörpert. Und wenn sich ein Argentinier als Nichteuropäer in die Hierarchie drängt, wird er erschossen. Fine und Lynn unbeteiligt: "Immer das Gleiche. Jedes Mal das Gleiche."

Walser tendiert hier eher zu Thomas Bernhard als zu Yasmina Reza, mit der sie schon verglichen wurde, indem sie eine groteske Welt verdichtet, aus der das Reale wie Hammerschläge dröhnt. Auch wenn es fast nur Flurgespräche sind.

 

Im Turm zu Basel
Uraufführung
von Theresia Walser
Regie: Sebastian Schug; Bühne: Christian Kiehl; Kostüme: Nicole Zielke; Musik: Johannes Winde; Licht: Cornelius Hunziker; Dramaturgie: Constanze Kargl.
Mit: Liliane Amuat, Carina Braunschmidt, Vincent Glander, Katja Jung, Orlando Klaus, Thomas Reisinger, Johannes Winde, Simon Zagermann.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.theater-basel.ch

 

Kritikenrundschau

Bettina Schulte von der Badischen Zeitung (16.9.2016) schreibt, es gelinge Theresia Walser immer wieder, in ihren auf Pointen zugespitzten Dialogen den Schrecken der Erkenntnis aufblitzen zu lassen. Am Ende verrate Regisseur Schug die "mäander Komik" der Autorin aber an den Klamauk.

"Nach der Uraufführung ist man zwar auch nicht viel schlauer – dafür aber klug unterhalten worden und gut gelaunt", schreibt Siegbert Kopp im Südkurier (16.9.2016). "Die flotten Dialoge geben Geheimnisse preis und vertuschen sie sogleich. Das ist gut geschrieben." Die Schauspieler lobt Kopp als "vorzüglich".

Susanna Petrin von der Basellandschaftlichen Zeitung (16.9.2016) konstatiert: "Das Stück hat wenig Handlung, es lebt vor allem vom süffigen Text, den die Schauspieler mit viel Gusto sprechen (…)." Theresia Walsers Humor treffe die erschreckenden bis absurden Aspekte der generellen Welt-Vorherrschaft der Wirtschaft. Auch dem Generalsekretär der Bank, um die es geht, der die Premiere besuchte, habe es gefallen. Er finde das Stück "genial".

"Teresia Walser begnügt sich mit einigen wenigen Repräsentanten der brave new economy Welt – und das tut dieser auf Realitäten zielenden Groteske gut, denn sie kann, zusammen mit dem phantastischen Regisseur Sebastian Schug im Detail  zeigen, wie zynisch, widersprüchlich und gebrochen, gespalten und kaputt die Typen sind, die faktisch über die Schicksale von Millionen verfügen. Und für die Politiker allenfalls Marionetten sind", gibt Cornelie Ueding im Deutschlandfunk (18.9.2016) zu Protokoll. "Die Demokratie: eine Spekulations- und Illusionsblase für schweigende Mehrheiten." Sebastian Schugs Regie schaffe unzählige widersprüchliche, schnell umschlagende Momentaufnahmen und zeige, welche Wirkung sie jeweils auf alle anderen Figuren hätten. "Und so ermöglichen brillante Schauspieler einen fiktiven Einblick in die Mechanismen einer absurd erscheinenden, konkret existierenden Gegenwelt."

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