Wildes Denken

von Jens Fischer

Bremen, 15. September 2016. Sie ist ihnen einfach nicht genug, die vom hellsichtig schwarz sehenden Georg Büchner dramatisierte blutige Messe der Gründung des modernen Europas. Dieses Revolutionärsdrama "Dantons Tod", das zeigt, wie sich das Volk als Souverän erkennt, von der Utopie Freiheit-Gleichheit-Brüderlichkeit singt, Menschen- und Bürgerrechte formuliert und sich abschlachtet, es reicht an diesem Abend nicht. Gotta Depri, Ivorer aus dem Team von Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen, sagt, man wolle viel weiter gehen, als "nur diese ganz paar letzten Tage von Danton" nachzuspielen. Nämlich die tragenden Säulen eines eurozentrischen Selbstverständnisses einer theatralen Statikprüfung unterziehen.

Die Kostüme deuten auf Jux und Dollerei: Weil es um Revolution, die Umkehrung des Bestehenden geht, werden Hemden als Hosen, Hosen als Hemden getragen. Die Bühnenwände zeigen Bilder aus Geschichtsbüchern, Selbstdarstellungsfotos, ein Joy Division-Cover sowie Jahreszahlen und Worte, die dank klobiger Schrifttype unleserlich sind und so keine Zusammenhänge erhellen. Das scheint Konzept zu sein, nämlich unmoderiert möglichst viele Spots zu werfen auf überreichlich Themen, Thesen, Temperamente aus dem Spannungsfeld: Französische Revolution einst bis jetzt.

Best of Probenschabernack

Damit sich das Publikum nicht im Reflexionstheater verirrt, hat die örtliche Tageszeitung "vorbereitende Lektüre" in einem Artikel zusammengetragen, die Dramaturgie dann aber ganz andere Texte herbeigeschafft, damit aus "Dantons Tod" ein "postkoloniales Theaterstück" wird. Jedes Ensemblemitglied serviert sein Best-of aus Lesefrüchten und Probenschabernack – in lässigen Demoversionen. So konsequent beiläufig, dass es improvisiert wirkt.

DantonsTod008 560 JoergLandsberg uTanz- und Recherchetheater mit Puschel: Karin Enzler und Franck Edmond Yao alias Gadoukou la Star © Jörg Landsberg

Es soll interkultureller Austausch eines multinationalen Ensembles vorgeführt werden. Französisch wird live ins Deutsche übersetzt, alles Formulieren live ins Körperliche. Ein Zappelvirus infiziert die Darstellung des Demagogen St. Just, der ganz schnell ganz radikal sein will. Geraten Napoleon und ein haitianischer Sklavenaufständler aneinander – umtänzeln sie sich wie zwei Gockel. Höchst geziert werden auch Ballettgrundlagen dahingetrippelt, wenn vom Code noir die Rede ist: Des Sonnenkönigs Regelbuch zum Umgang mit Sklaven trifft auf seine Erfindung kapriziöser Bewegungskunst.

Sie haben sich schlau gemacht

Schauspieler Justus Ritter erzählt mit seinem Kindergrinsegesicht im gymnasialen Geschichtsreferatstonfall, dass er bisher noch gar nichts wusste über die Bedeutung der Sklaverei für die Industrialisierung – und erläutert nun, was er dazu so herausgefunden hat. Zwei Performer haben sich schlau gemacht über den ungewollten Export der Revolution in die französische Kolonie Haiti. Wie die dortigen Sklaven seien auch die Frauen in Paris immer noch Objekt des Besitzes weißer Männer, beklagt sich Schauspielerin Karin Enzler mit Gleichberechtigungs-Sentenzen von Olympe de Gouges, gibt gleichzeitig aber auch Königsgattin Marie Antoinette aus der Sicht des Volkes, nämlich als "richtige Schlampe". Hauke Heumann illustriert, dass sie es liebe, "richtig durchgeknallt" zu werden, kommt dann aber auf Robespierres Terror-Begriff zu sprechen und meint, allein das Wort sei ja derzeit "schwer zu verknusen". Aber Emanzipation werde einem nicht geschenkt, die RAF habe da im Ansatz richtig gelegen. Und heute, wo die Eigentumspyramide der Menschheit der zur Zeit Dantons ähnelte, sei die europäische Mittelschicht vom Guillotinieren bedroht – sollte der mehrheitlich mittel- und machtlose Teil der Weltbevölkerung aufbegehren. "Ich habe auch Angst vor Flüchtlingen, aber das darf man ja nicht sagen."

DantonsTod003 560 JoergLandsberg uVor der Wandzeitung der Revolution: Lotte Rudhart © Jörg Landsberg

Viel zu selten sorgen solche Kippmomente von Authentizität behauptender Selbstdarstellung und politsatirisch gespielter Fiktion für Irritation. Im Ganzen entsteht eine Revue aus schlauen bis lustigen Diskussionsbeiträgen. Aber die Performancemaschinerie neutralisiert alles, die Figuren und die so unterschiedlichen Wortbeiträge, weil sie nur aufeinander folgen, ohne auseinander entwickelt werden. Wildes Denken macht Spaß, wildem Denken zuschauen weniger.

Es geht auch besser

Dabei wissen die Macher, wie es spannender geht. Für "Othello c’est qui" hat der Dialog mit einer dramatischen Vorlage einst wunderbar funktioniert, da sie eindeutiger Bezugspunkt des humorvollen Jonglierens mit Vorurteilen und Klischees blieb. Geschlechterrollen sezierten eine deutsche Schauspielerin und der jetzt wieder auf der Bremer Bühne stehende Franck Edmond Yao aus ihren unterschiedlichen kulturellen Perspektiven, als sie über Shakespeares Othello und seine Darstellungen am deutschen Stadttheater redeten.

Jetzt war der szenische Aufwand deutlich größer – und das Verständnis deutlich kleiner. Gerade zum Schluss. Ein Rebellenführer verkündet die Abschaffung der Sklaverei im nun unabhängigen Haiti, wahre Bürgerrechte nur für Schwarze und keine Kollaboration mehr mit Weißen. Diesen umgedrehten Rassismus lässt das Ensemble hochleben. Wohl wissend, dass die gedemütigten Kolonialgroßmächte sich gerächt haben mit Reparationsforderungen und einem Embargo, was die bis heute andauernde Armut der freien Republik mit begründet. Die Ausarbeitung solcher Widersprüche hätte Europa zeigen können, woher es stammt. Aber die Stückentwicklung ging nicht nur weniger weit als Büchners Drama, sie hüpfte auf dem Fleck, umkreiste den Spaß der Macher beim Machen.

 

Dantons Tod
Ein postkoloniales Theaterstück nach Georg Büchner
von Gintersdorfer/Klaßen
Konzept und Regie: Monika Gintersdorfer, Konzept und Bühne: Knut Klassen, Kostüme: Knut Klassen, Marc Aschenbrenner, Licht: Christian Kemmetmüller, Dramaturgie: Natalie Driemeyer.
Mit: Gotta Depri, Karin Enzler, Hauke Heumann, Irene Kleinschmidt, Justus Ritter, Lotte Rudhart, Franck Edmond Yao alias Gadoukou la Star, Matthieu Svetchine und Zouzou Jean-Claude Dagbo alias DJ Meko.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.theaterbremen.de



Kritikenrundschau

"Ein gewollt fragwürdiges Flickwerk der Repräsentation" hat Sven Garbade vom Weser-Kurier (17.9.2016) an diesem Abend erlebt. Ähnlich wie in früheren Stücken von Gintersdorfer/Klaßen "haftet auch dieser Arbeit des Regie-Kollektivs ein gewollter Duktus des Bastelns und Schraubens an". Wobei die Verhandlung der Themen "aufschlussreich und relevant" wirkte. "Es ist der Regie hoch anzurechnen, dass sie aus diesem wilden Wuchs aus Menschen, Meinungen und Materialbewegungen eine konsistente Botschaft bündelt. Das Angedenken an die schwarze Revolution von Haiti müsse sich auch in Europa verfestigen, so fasst es am Ende der Performer Gotta Depri eindrucksvoll zusammen."

"In den besten Momenten Edutainment von Feinsten" hat Benno Schirrmeister gesehen und schreibt in der taz (17.9.2016): Mit historischen Informationen flankiere, erweitere und überschreibe das Kollektiv um Ginstersdorfer/Klaßen Büchners Text, bis "Dantons Tod" seine Bedeutung verliere. Ihre bekannte Spielweise mit getanzter Übersetzung erweise sich hier als besonders sinnfällig, weil sie Büchners Leitmotiv der drängenden Frage nach der Unmöglichkeit des wechselseitigen Verstehens mit dem eigenen Anliegen kurzschließe, "der Frage nach so etwas wie Transkulturation". Szenen allerdings, Bilder gar würden eher angetippt als ausgespielt. "Einen zwingenden Sog vermag der bunte Strauß Revolutionsgeschichten nicht zu erzeugen."

Wirklich fertig werde dieser Abend mit seiner Materialfülle nicht, schreibt Rolf Stein in der Kreiszeitung (17.9.2016). "Er reißt viele Themen eher an, assoziiert, legt Spuren, die zu verfolgen sich allerdings lohnen dürfte, um nicht nur mehr über die Voraussetzungen globaler Machtgefüge (…) zu erfahren, sondern auch über die Bedingtheit beliebter Geschichtsmythen".

 

 
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