Natur degradiert Vernunft

von Simone Kaempf

Hannover, 29. April 2007. Dass Jürgen Gosch ein Regisseur ist, der bei den Schauspielern das Spielerische herauskitzelt, ist keine besonders originelle Feststellung mehr. In der Rangliste der Platitüden über ihn rangiert gleich dahinter, dass sich "Schauspieler bei ihm Schlachten liefern" und "entfesselt alle Grenzen zu sprengen" bereit sind. Und doch muss man in seiner Inszenierung von "Wie es euch gefällt" am Schauspiel Hannover immer wieder daran denken und gleichzeitig bestaunen, wozu er Schauspieler bringen kann.

Verwandlung furios

In Shakespeares Bäumchen-Verwechsle-Dich-Spiel verwandeln sich bei ihm nicht nur Frauen in machohafte Jünglinge, nein, Menschen verwandeln sich wie selbstverständlich auch in Bäume und Tiere. Das großartige 12-köpfige Ensemble kriecht wie eine grasende Schafherde über die Bühne. Man blökt, grunzt, wiehert. Wald- und Vogelgeräusche werden imitiert. Und wenn sich dann die Tiere wieder in Menschen verwandeln, erwachen auf der Bühne auch die niedrigsten Instinkte. Aus früchtetragenden Apfelbäumen wird plötzlich eine johlende Gruppe Menschen, die den Kampf zwischen Orlando und dem Herzog Charles anfeuert wie die Besucher eines illegalen asiatischen Hahnenkampfs.

Nicht nur die Geschlechter sind in Verwirrung, sondern die ganze Natur ist im Ardenner Wald auf den Kopf gestellt. Hierher flieht Orlando nach dem gewonnenen Kampf, der ihn erst recht beim Herzog unbeliebt macht. Auch Rosalinde trifft verkleidet als Schäfer mit ihrer verstoßenen Cousine ein. Die Maskierung behält sie bei und spielt mit Orlando, in den sie bis über beide Ohren verliebt ist, schon mal die Trennung durch, was ihr Gelegenheit gibt, Liebesbeweise einzufordern.

Ist es Komödie, ist es Tragödie?

Aber Gosch führt nicht bloß ein flott-albernes Verwirrspiel der Gefühle auf, in dem das Nachahmen der Tierwelt die allgemeine Heiterkeit noch anheizt – Komödie und Tragödie gehen Hand in Hand. Der Regissseur verpasst seiner Inszenierung eine leicht depressive Grundstimmung, und auch das Bühnenbild von Johannes Schütz lädt nicht eben zum unbeschwerten Liebestaumel ein. Ein kahler Sperrholzkasten, in dem es aus einem Loch an der Decke wie aus einer Sanduhr rieselt. Auf den Sandhaufen hockt sich der Melancholiker, um über die Welt zu seufzen, hier füttert Orlando seinen altersschwachen Diener mit vorgekauten Brotkrumen. Das hier ist nicht nur ein Spaß, soll das sagen, das ist eine ernste Sache. Die unvernünftige Liebe birgt große Gefahren, und nicht nur, wenn sie Geschlechts- und Standesgrenzen überrollt. Die dunkle Natur scheinbar so reiner Gefühle ist das eigentliche Thema des Abends.

Der treffend schmerzende Punkt

Im Zentrum steht die Rosalinde der Katharina Lorenz. Erst ist sie der reine Gefühlsüberschwang, mädchenhaft, schwärmerisch. In der Verkleidung als Mann agiert ihr narzisstisches Spiegelbild in dreister männlicher Eroberungslust. Picco von Groote als Celia, die vordergründig aus tiefster Freundschaft das Treiben ihrer Cousine mit ansieht, legt sich immer mehr einen gleichgültigen Kältepanzer an. Genervte Duldung ist das Äußerste, was den unglücklich Liebenden zugestanden wird. Dieses egomanische Anschwellen der eigenen Liebeslust und der genervte Durchzug gegenüber dem Liebesgerede anderer, ist der treffend schmerzende Punkt in Goschs Inszenierung. Die Hund-und-Herrchen-Spiele der Liebenden sind von einer an- und abschwellenden Aggressivität, die manchmal fast in Gewaltbereitschaft mündet. Dagegen wirkt es fast wie Nächstenliebe, wenn die Schauspielerin Melanie Schmidli als Schäferhund eines der verlorenen Schafe kläffend zur Herde zurücktreibt.

Nacktwandern in Hannover

Die vielen komischen Kabinettstückchen über den Umgang mit der Natur führen den Abend immer wieder in den schönen Zeitvertreib zurück. Peter Knaack gibt den Narren Tochstone als launischen Weltweisen im Outdoor-Look, der wie ein staunender Großstädter mit dem Handy fotografiert, was ihm im Wald über den Weg läuft. Die Jäger des Waldes entpuppen sich als der militante Flügel der FKK-Bewegung: eine Nacktwandergruppe, die an der Rampe den Mai besingt, um in Einklang mit der Natur zu kommen. Und den Reigen aus Leben und Sterben spielt Christoph Franken nach, der ein Lamm zur Welt bringt und wenig später von Krämpfen geschüttelt stirbt. Das funktioniert natürlich auch als Anspielung zu jener Inszenierung, in der ein Schwan auf der Bühne geboren und einem Kritiker in den Schoß gelegt wurde. Woraufhin dann Goschs "Macbeth" in die Ekeltheaterdebatte gezogen wurde. Das ist vorbei. Aber Gosch schafft einmal mehr eine großartige Entäußerung seiner Schauspieler, um von der trostlosen Natur des Menschen zu erzählen. Und er spielt damit, dass sich der Blick der Zuschauer immer ins Besondere verbeißt. In die eine wie in die andere Richtung: ein Dutzend Zuschauer suchte frühzeitig das Weite, vom Rest am Ende riesengroßer Jubel.

 

Wie es euch gefällt
von William Shakespeare, übersetzt von Jürgen Gosch und Angela Schanelec
Regie: Jürgen Gosch, Bühne: Johannes Schütz.
Mit u.a.: Katharina Lorenz, Picco von Grote, Melanie Schmidli, Christoph Franken, Peter Knaack.

www.staatstheater-hannover.de

 

Kritikenrundschau

Die deutschlandweite Begeisterung für Jürgen Gosch teilt man in Hannoveranischen Redaktionsstuben nicht. Ein wirklich schlecht gelaunter Ronald Meyer-Arlt von der H annoverschen Allgemeinen Zeitung (2.5.2007) fand das eine verschämte Buh am Ende der Premiere von "Wie es Euch gefällt" zu zart, viel zu zart. Meyer-Arlt ist offenbar ein Parteigänger der Sudel- und Ekeltheater-Bekämpfer, jedenfalls beschwert er sich über das dauernde Brüllen der Schauspieler, ihre gelegentliche Nackigkeit im Ardennerwald riecht ihm verräterisch nach DDR-FKK, wodurch man Shakespeare, der es ja in "Wie es Euch gefällt" ohnehin an Tiefe fehlen ließ, krittelt Meyer-Arlt, jedenfalls nicht näher käme. Genauso wenig, wie durch die Tiergeräusche und das blöde Gucken der Schauspieler. Auch die ewigen hölzernen Kästen von Johannes Schütz – der aktuelle variiere nur mäßig den von "Drei Schwestern" im vergangenen Jahr – gehen dem Kritiker ziemlich auf die Nerven.

Ganz anders Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (2.5.2007). Für ihn ist Jürgen Gosch schlicht einer "der großen Künstler unserer Zeit". Seit 2004, schreibt Michalzik, bis dieses Jahr Juror des Theatertreffens, inszeniere Gosch "konstant auf überragendem Niveau". Zwei Stile ließen sich unterscheiden: "der elegante, gezähmte Stil, bei dem es um Abgründe" ginge, "die Oberfläche indes intakt" und die "Form gewahrt" bliebe. "Und der nackte, wilde Stil, wo entkleidete (vor allem männliche) Schauspieler bluten und koten." In Hannover nun sei es Gosch gelungen, diese Manier in Richtung einer enthemmten Theaterorgie auszubauen, die "gleichwohl jeden Moment einen klaren Kopf und ein höchst entwickeltes Formbewusstsein behält." Gosch "interessiert sich ... für Anarchie, Fleisch, Essen, Liebe – den Stoff, aus dem wir gemacht sind." Und der Wald, die "paar knorrigen Äste", die Johannes Schütz gleichsam waldesk auf die Hannoveranische Bühne packte sind "eine gehauchte Behauptung", der "Wald ist derb und heilig, aber er ist es mit einer Scheu, die ihn fast verschwinden lässt." Das Ensemble "überzeugt", selbst wenn es nackt in Gummistiefeln, also eher unvorteilhaft, in diesem scheuen Wald herumblökt. Kleinere Verluste bei der menschenfreundlichen Schlagfertigkeit der Rosalinde von Katharina Lorenz ließen sich verschmerzen.

Einen "dreisten" Fall von "Selbstplagiat" annonciert Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (11.5.2007). Jürgen Gosch habe eine vier Jahre alte Hamburger Inszenierung von "Wie es euch gefällt" kurzerhand in Hannover recycelt.

Trotz vernuschelter Verse habe die Aufführung oft "eine atemberaubende Kraft", schreibt Matthias Heine in der Welt (4.5.2007).

 
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