Des Dichters Leid am Verstummen

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 24. September 2016. Ein Spielplatz! Mit Klettergerüst, Stufenelementen, Wasserbecken, Röhren und Rutschen. Einen solchen Spielplatz hat Volker Hintermeier auf die Bühne in der Burg gebaut. In Gold, Silber und Grautönen gehalten, kann dort aber nur wenig Spielfreude aufkommen. Artig dreht sich die Drehbühne von Station zu Station, entflammt erhabenes Licht, dröhnt düster der Bass.

Den Anstrich der Ernsthaftigkeit durchlüften die intensiven Farben und Formen der Kleidung. Kostümbildnerin Aino Laberenz spiegelt Torquato Tasso, den Hofdichter, und Antonio Montecatino, den Staatssekretär, anhand ihrer Garderobe. Mal schwarz, dann beige, dann braun: "Zwei Männer sind's, (...), die darum Feinde sind, weil die Natur nicht einen Mann aus ihnen beiden formte."

Spielplatz-Schloss

Goethes 1807 in Weimar uraufgeführtes Schauspiel "Torquato Tasso" ist eine Versuchsanordnung zum Crash-Test zweier ach so unversöhnlicher Prinzipien. Tasso kann denken und schön sprechen, Antonio weiß zu handeln und sich zu benehmen. Martin Laberenz inszeniert das geschlossene Drama recht texttreu den Frühlingstag entlang. Handlungsarm und wortreich erstrecken sich die Auseinandersetzungen über nur einen solchen Tag. Der Spielplatz heißt Belriguardo und ist ein Lustschloss von Alfons dem Zweiten, Herzog von Ferrara. Dass an seinem Hof auch seine Regeln gelten, erzählt Ignaz Kirchner in dieser Rolle mit großväterlicher Geduld. Ein nachlässiges Winken genügt, alles wird gut, das drohende Lächeln reicht bis ins Zahnfleisch hinein.

Tasso 01 560 c georg soulek uLorbeerkränze flechten und sprechen: Dorothee Hartinger als Leonore Sanvitale, Andrea Wenzl
als Leonore von Este © Georg Soulek

Unruhig ist die Situation nicht nur aufgrund der Disposition der beiden Streithähne, es gilt für sie auch noch die Gunst des Fürsten und der beiden Frauen zu gewinnen. Denn Tasso liebt Leonore von Este, die Schwester des Herzogs. Er wünscht: "Erlaubt ist, was gefällt." Andrea Wenzl antwortet als Prinzessin mit dem "Erlaubt ist, was sich ziemt", verführt den Dichter jedoch mit dunklem Pathos in der Stimme. "Du fühlst es besser, fühlst es tief", kommentiert Dorothee Hartinger in der Rolle der Leonore Sanvitale, Gräfin von Scandiano, lakonisch. Auch sie kann Tasso nicht beruhigen. Nachdem er gegen Antonio den Degen gezogen hat, wird er vom Herzog, oh großväterliche Geduld!, bloß auf sein Zimmer geschickt.

Wütend im Stubenarrest

Im Stubenarrest gärt aber die Wut. Philipp Hauß fährt sich fahrig durch die Haare, wettert ohne Punkt, Komma, was ist ein Satzzeichen, Szenenapplaus. Dann wieder fühlt Tasso sich im Recht und er streicht zärtlich über seinen Bauch. Ihm gegenüber steht Ole Lagerpusch als überall am Körper feixender Geschäftsmann Antonio. Wenn der Neid aufsteigt, werden die Worte zur Wand, selbst das Einatmen zum Vorwurf, er wäre immer schon zu kurz gekommen und außerdem und überhaupt!

Tasso 04 560 c georg soulek uTurnen, baden, spielen in "Torquato Tasso" © Georg Soulek

Regisseur Laberenz lässt die Schauspielenden mal turnen, mal baden, mal gehen, mal stehn. Die üppigen Monolog-Dialoge der Figuren werden meist ohne dem Verständnis dienliche Pausen, Betonungen oder Gesten gebracht. Redeschwall bleibt dabei unmotivierter Redeschwall und es bläst der Blankvers ins Leere. Einzig Hartinger darf in einer Szene glaubwürdig werden. Die Gräfin von Scandiano besitzt alles, hat "Gemahl und Sohn und Güter, Rang und Schönheit", so weit, so vergänglich.

Denkmal zu bauen

Hartinger steigt im Leoparden-Print Badeanzug aus dem Wasserbecken und klatscht sich auf die nassen Schenkel. Tasso soll mit ihr nach Florenz, um ihr mit seiner Dichtkunst ein Denkmal gegen die Sterblichkeit zu setzen. Wie sie dann so da steht, in ihrer lächerlichen Leopardennässe, halb betroffen vor lauter Vergänglichkeit, halb wunderschön, um wahr zu sein, stellt sich aus dem geglückten Zueinander-Finden von Worten, Situation und Figurenzeichnung ein gehaltvolles Verständnis des Textes ein.

Bei Goethe endet "Torquato Tasso" mit dem Zugeständnis des Dichters an Antonio, dass dieser ein Felsen sei, er selbst nur eine Welle. Bei Laberenz findet das Schauspiel vom kindischen Sturkopf Tasso, vielleicht dem Wahnsinn, vielleicht nur der Hybris seiner Künstler-Existenz verfallen, einen Schluss schon früher: "Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, gab mir ein Gott zu sagen, wie ich leide." Mit Geduld hatte der Herzog die wortreiche Leidensfähigkeit des Dichters zum schönen Repräsentationswerkzeug umdeuten wollen. Mit Geduld ist auch die Inszenierung zu genießen.

Torquato Tasso
von Johann Wolfgang Goethe
Regie: Martin Laberenz, Bühnenbild: Volker Hintermeier, Kostüme: Aino Laberenz, Musik: Friederike Bernhardt, Licht: Peter Bandl, Dramaturgie: Florian Hirsch.
Mit: Ignaz Kirchner, Andrea Wenzl, Dorothee Hartinger, Philipp Hauß, Ole Lagerpusch.
Dauer: 2 Stunde 30 Minuten, eine Pause

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

Margarete Affenzeller vom Standard (25.9.2016) hält den Abend für nicht "leicht rezipierbar". "Das hier ist kein Joke-Goethe (obwohl es gar nicht so wenige Pointen gibt), sondern ein Abend, der mit seinem Bekenntnis zur Deklamationskunst verblüfft." Laberenz mache dem schweren Versmaß Luft, was aber aus akustischen Gründen nicht durchgehend gelinge. Der Abend habe Sogkraft auch dank seiner Schauspieler, aber "weniger Text und weniger hastig dargebracht wäre wohl mehr gewesen".Weniger Text und weniger hastig dargebracht wäre wohl mehr gewesen. - derstandard.at/2000044901077/Torquato-Tasso-am-Burgtheater-Bekraenzte-Haeupter-begrenzte-GedankenDennoch hat der Abend – auch dank seiner Schauspieler (allen voran: Hauß und Hartinger) – Sogkraft. - derstandard.at/2000044901077/Torquato-Tasso-am-Burgtheater-Bekraenzte-Haeupter-begrenzte-GedankenDennoch hat der Abend – auch dank seiner Schauspieler (allen voran: Hauß und Hartinger) – Sogkraft. - derstandard.at/2000044901077/Torquato-Tasso-am-Burgtheater-Bekraenzte-Haeupter-begrenzte-GedankenDennoch hat der Abend – auch dank seiner Schauspieler (allen voran: Hauß und Hartinger) – Sogkraft. - derstandard.at/2000044901077/Torquato-Tasso-am-Burgtheater-Bekraenzte-Haeupter-begrenzte-Gedanken

Martin Laberenz gehe "wankelmütig, um nicht zu sagen, manisch-depressiv" mit dem heiklen, sperrigen Tasso-Stoff um, so Norbert Mayer in der Presse (26.9.2016). Wie Tasso stürze sich der Regisseur ins Unglück, "indem er die Konflikte auf ein Kräftemessen zwischen Pubertierenden herunterbricht". Das ergebe zwar vereinzelt fantastische Szenen, aber insgesamt große Unentschlossenheit. "Ein jeder der Darsteller macht sein Ding, ohne Rücksicht auf Verluste." Die unausgeglichene Aufführung erlaube nur Fragmente von Leidenschaft. Fazit: "Zu sehen ist eine postmoderne Verfremdung der Adelsgesellschaft. Man erhält bloß eine ferne Ahnung davon, warum dieses Schauspiel das erste echte Künstlerdrama der Weltliteratur genannt wurde."

Andreas Rosenfelder schreibt auf dem Online-Portal der Welt (28.9.2016): Am besten müsse man, des Verständnisses wegen, den "Tasso" zweimal vorab gelesen haben. "Ohne eine Art geistige Untertitelung muss man den fünfhebigen Jamben mit allerhöchster Konzentration folgen". Und, schließlich, viel mehr als Text passiere eh nicht. Laberenz habe das "abstrakte Stück" in "eine Art Installation verwandelt". Der Garten des Schlosses sehe aus wie "die Halle einer Kunstmesse". Friederike Bernhardt flute vom DJ-Pult aus die Szene "mit Soundclouds und Trockeneisnebel", Aino Laberenz lasse die Figuren "ständig auf offener Bühne die Kleider wechseln". Die "Verpackung des Textes" sei "toll" – nur die Worte drängen nicht richtig durch. Man müsse sich die Inszenierung "wohl wie einen Trailer zum Buch anschauen".

Martin Lhotzky schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (29.9.2016): Laberenz verjuxe den "Tasso". Die Kostüme von Aino Laberenz seien gebatikte, farbenfrohe Absurditäten. Die Geschichte von "Torquato Tasso" werde in "allerlei Brechungen und Doppelungen gespiegelt", doch komme das Drama, ohnehin ein "berüchtigtes Problemwerk" Goethes, "niemals wirklich zu seinem Recht". "Man verlässt das sehr gern noch vor dem Abklingen des Schlussapplauses."

Wolfgang Kralicek schreibt in der Süddeutschen Zeitung (10.10.2016): In "Torquato Tasso" sei das "eigentliche Drama" im "feinst ziselierten Text" verborgen, in dem schon "ein falscher Tonfall eine tödliche Beleidigung darstellen" köne. Laberenz interessiere sich allerdings für derartige Feinheiten nicht. Er behandele den Text eher wie einen "Soundteppich" und hetze die Schauspieler ohne Zwischentöne durch die Verse. Die bei Goethe "angelegten" Konflikte stelle er auf den Kopf, bürste Goethe "ein bisschen gegen den Strich" und schaue, was "dabei rauskommt. Nicht viel". Zugutehalten könne man der Inszenierung, dass sie "ihre Ratlosigkeit mit einer gewissen Grandezza" überspiele.

 

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