Was soll das Theater?
Aufruf zur Gründung einer neuen Volksbühnenbewegung

von Guillaume Paoli

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Berlin, 28. September 2016. Berlin, so wird uns erzählt, ist wieder eine geteilte Stadt. Nein, damit ist nicht die Schere zwischen arm und reich gemeint. Auch nicht die rechts-links Polarisierung. Die Teilung sei eine kulturelle. Auf der einen Seite stehe das alte Berlin, lokalpatriotisch, rückwärtsgewandt, populistisch, ängstlich und negativ. Auf der anderen Seite die kosmopolitischen, kreativen, coolen, wirtschaftsfreundlichen und überaus positiven Neuberliner. So minoritär diese Schicht noch ist, sie verkörpere die Zukunft der Stadt, dementsprechend werden alle aufgefordert, sich nach ihr zu richten.

So argumentiert der Noch-Staatssekretär Tim Renner, um die geplante Neugestaltung der Volksbühne zu rechtfertigen. Wie gewohnt wird hier eine politische Entscheidung als "unumgängliche Reform“ verkauft und jede Kritik als "Angst vor dem Neuen" disqualifziert. Der Streit ist aber ein anderer. Vordergründig geht es nicht um einen Konfikt zwischen "konservativen" Fans von Frank Castorf und "progressiven" Befürwortern des designierten Intendanten Chris Dercon. Erst recht nicht um Besitzstandswahrung.

Kulturpolitik als Teil des Stadtmarketings

Soweit ist klar: Um ihrer Tradition treu zu bleiben, muss sich die Volksbühne verändern. Die Frage ist: Von wem, wie, mit welchen Kriterien und zu welchem Zweck diese neue Identität defniert wird?

Der designierte Intendant kommt aus der Tate Modern, eine Institution, die eine Schlüsselrolle in der so genannten "urban regeneration" Londons spielte. Nachdem dort die Bevölkerung durch horrende Mietpreise aus dem Stadtkern vertrieben wurde, musste die friedliche Koexistenz von Touristenscharen und globaler Oberschicht gewährleistet werden. Dafür steht die Tate Modern. Freilich ist Berlin noch nicht so weit. Doch wird jetzt Kulturpolitik nur noch als Teil des Stadtmarketings betrieben. Für Renner und Dercon sind Kreativwirtschaft und Tourismus die einzig relevanten Parameter. Die Restbewohner können wohin auch immer baden gehen.

Chris Dercon selber erklärt, dass die bildende Kunst an Durchökonomisierung gestorben sei.
Darum möchte er sich jetzt dem Theater widmen. Die Aussage kann man auch so deuten:
Der saturierte Kunstmarkt ist auf der Suche nach neuen Quellen der Wertschöpfung. Theater
ist ein weitgehend unerschlossenes Feld. Es soll also aufhören, sich als "Insel" zu betrachten
und stattdessen sich für die Vermarktung "öffnen".

Das geht natürlich nicht ohne gründliche Veränderung seines Wesens. Da die anvisierte Zielgruppe kein Deutsch spricht, ist Sprechtheater ein obsoletes Genre geworden. Privilegiert werden nicht-verbale Kunstformen wie Tanz, die leichter exportierbar sind. Wo Innovation drauf steht, kann Regression drin sein. Anachronistisch ist allerdings das aufgewärmte McKinsey-Sprech aus den Nuller Jahren, womit jetzt für das Neue geworben wird. Die Zeiten sind längst vorbei, da der Anblick von Projektmachern mit Laptops in Straßencafés als Zeichen der Vitalität gedeutet werden konnte.

Kosmopolitische Events oder Berlinerfahrung

Merkwürdig an der Argumentation ist, wie sie der eigenen Logik widerspricht. "Kosmopolitisch“ wird eine Politik genannt, die auf international renommierte Stars setzt, welche keinen konkreten Bezug zu der Stadt haben. Nur: Wieso sollten Touristen herkommen, wenn ihnen bloß austauschbare Events angeboten werden, die sie ebenso gut in Barcelona bekommen hätten, mit schönerem Wetter obendrein? Schlauer wär's, ausländischen Gästen ein unersetzbares Stück Berlinerfahrung anzubieten.

Ai Weiwei schimpft gegen das "linke Establishment" um die Volksbühne: "Was ist das Problem mit Kommerz? Alles ist Kommerz!“ Dabei haben die klügsten Unternehmer längst begriffen, dass gerade der Primat des kommerziellen Denkens die Innovationskraft der Wirtschaft drosselt. Auch für den Kommerz sind nicht-kommerzielle Motivationen unerlässlich. Am Beispiel der Medien lässt sich feststellen, dass marktorientierter Wettbewerb nicht Pluralität, sondern Angleichung produziert.

So sehr die offene Gesellschaft besungen wird: Die jetzige Kulturpolitik richtet sich an eine
ziemlich geschlossene Gruppe: die heile Welt der Startuppers und der mobilen Unternehmer.
Freilich kam nie "das Volk" in die Volksbühne, doch immerhin ist das Publikum sozial
durchmischt. Nun soll am Rosa-Luxemburg-Platz noch eine abgesonderte Blase für global
vernetzte Bürger entstehen.

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Aufgrund ihrer Geschichte ist die Volksbühne ein starkes Symbol für Berlin. Man kommt
nicht um den Gedanken umhin, dass sie gerade deswegen für die Restrukturierungspläne der
Stadt auserwählt wurde und nicht etwa das Haus der Berliner Festspiele.

Um 1890 entschieden Berliner Arbeiter, sich einen eigenen Zugang zur Kultur zu verschaffen, da dieser ihnen verwehrt war. So entstand die Volksbühnenbewegung. Das Publikum konstituierte sich selbst. Dezidiert anti-kommerz. Am Ende dieses Zyklus kehren wir zu einer Situation zurück, wo die Abgehängten als vernachlässigbare Größe behandelt werden. Die Volksbühne entstand mit der Sozialdemokratie; jetzt ist die Frage, ob sie mit ihr untergehen muss.

Die wirklichen Neuerungen des Theaters entstanden immer im Widerspruch zu den bestehenden Institutionen. So war das mit Piscator oder Besson. Wenn versucht wurde, sich an den Zeitgeist anzupassen, kam nur Spießiges hervor. Hätten bereits 1992 Marketing und Prestige die Oberhand gehabt, wäre Frank Castorf niemals Intendant geworden.

Ohne linke Kritik wäre der Kapitalismus längst untergegangen

Hinter dem Modernisierungsgerede scheint sich vielmehr der Wunsch zu verbergen, mit dem haustypischen Auftreten Schluss zu machen: hart, wild, schmutzig und widerspenstig.

Wenn behauptet wird, im gut subventionierten Haus sei Antikapitalismus ohnehin nichts als
Pose und Heuchelei, dann heisst das: Genug in die Suppe gespuckt! Jetzt soll eine bejahende, positive Einstellung auftreten. Was dem Argument fehlt, ist die Dialektik. Ohne linke Kritik wäre der Kapitalismus längst untergegangen.

Veränderung im Renner'schen Sinne heisst Verewigung des Kulturbetriebs als tragender
Wirtschaftsfaktor. Es sollen "nachhaltige Strukturen" aufgebaut werden. Kunst hat aber mit
Nachhaltigkeit nichts zu tun. Die Kunst ist nur am Leben, wenn sie ihre Selbstaufösung vor
Augen hat. Schließlich mag es gut sein, dass das Sprechtheater sich überlebt hat. Die Frage
wird aber nicht von Marktforschern beantwortet, sondern von den Theaterschaffenden selbst.

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Aus den oben genannten Gründen ergibt sich die Notwendigkeit, die Volksbühnenbewegung
neu zu gründen. Nicht hausintern, nicht spezifsch für die Fans, sondern offen für alle, auch
für die freie Szene oder Menschen, die mit Theater nichts am Hut haben.

Dafür gibt es einen unmittelbaren Anlass: Gerade hat die Berliner Wahl eine neue politische Konstellation hervorgebracht. Die Situation ist also günstig, um die Entscheidung für die Zukunft der Volksbühne zu überdenken. Noch ist es nicht zu spät, um eine Lösung zu fnden, die den Wünschen der Regisseure, Schauspieler, Belegschaft, Theaterkritiker sowie des überwiegenden Teils des Publikums entsprechen würde.

Demokratisches Verlangen

Natürlich kann es nicht darum gehen, die Castorf-Intendanz zu verewigen (selbst wenn eine
kleine Verlängerung nicht schaden würde). Wünschenswert wäre eine Übergangszeit, um in
Ruhe eine breite Diskussion über die Funktion des Hauses und die kulturellen Bedürfnisse
der Stadtbewohner zu entfachen. Dazu will die Volksbühnenbewegung beitragen. Ja, ein
Neustart ist notwendig. Dieser darf aber nicht hinter verschlossenen Türen bestimmt werden.
Die Volksbühne entstand aus einem demokratischen Verlangen. Sie kann nur fortbestehen, in
dem sie dieses Verlangen bewahrt.

Sollte jedoch Chris Dercon die Intendanz übernehmen, würde die Bewegung nicht zögern, alles von vorne zu beginnen. Unter dem Namen Die wahre Volksbühne wird sie dann Abende in eigener Regie veranstalten, die den Hausgeist weiter geistern lassen werden. Wie im ersten Vierteljahrhundert ihres Bestehens würde die Bewegung von einem sympathisierenden Ort zum anderen wandern. Die Stadtbewohner hätten dann die Wahl, in die Ware volksbühne oder in die wahre Volksbühne zu gehen. Das wäre ein Beitrag zur kulturellen Vielfalt.

Zweifellos werden genügend Regisseure, Schauspieler, Musiker, Techniker, Theoretiker, Praktiker und Besucher diese Initiative unterstützen, und sei es nur als trotzige Behauptung. Von der geplanten Intendanz glaubt Tim Renner, behaupten zu können: "Es gibt keine Alternative". Welch ein unberlinischer Satz! Wir lassen uns nicht wegkuratieren.

 

Guillaume Paoli 180 uGuillaume Paoli, geboren 1959, lebt seit 1992 als Publizist in Berlin. Er war Theoretiker der "Glücklichen Arbeitslosen", die um die Jahrtausendwende an der Volksbühne mit Aktionen auftraten, und Mitherausgeber ihrer Zeitschrift "müßiggangster". Von 2008 bis 2013 arbeitete er als Hausphilosoph des Leipziger Centraltheaters unter Intendant Sebastian Hartmann.

Die Gründungsveranstaltung der Volksbühnenbewegung findet am 4. Oktober 2016 um 20 Uhr im Roten Salon der Volksbühne statt, im Anschluss an die Veranstaltung "Die letzten Tage der Sozialdemokratie" mit Jürgen Kuttner und Guillaume Paoli.


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