Die unverhoffte Macht des Hamsters

von Julia Stephan

Zürich, 1. Oktober 2016. Mit König Ödipus hat man den "Homo faber" oft verglichen. Doch mit dem Mann aus Theben teilt der Schweizer Ingenieur, den der Autor Max Frisch 1957 in die Welt geschrieben hat, weder Wissensdrang (sein Weltbild ist gemacht) noch ein unvermeidliches Schicksal (das Leben hätte doch noch ein paar Notausgänge für ihn offen gehalten).

Dieser Walter Faber, ein Mann der Ratio – Gefühle sind für ihn "Ermüdungserscheinungen" – wird von der Wahrheit nicht geblendet. Im Gegenteil: Betriebsblind für die tieferen Zusammenhänge des Lebens übersieht er alle Warnungen, die ihn vom Inzest mit seiner Tochter hätten abhalten können, von der er zwar nichts wusste, deren Existenz er aber hätte erahnen können. Die 250 Seiten des Romans sind der Versuch einer Rechtfertigung. Ein selbstgerechter Text, der gegen Ende etwas kleinlaut wird.

Die innere Verwüstung

Regisseur Bastian Kraft, der in Zürich zuletzt Frischs "Andorra" gestemmt hat, stellt diese Bleiwüste, welche die innere Verwüstung eines einsamen Mannes spiegelt, ins Zentrum seiner Inszenierung auf der Zürcher Pfauenbühne. Obwohl sechzig Jahre nach dem Erscheinen des "Homo faber" die Wissenschaft einem noch immer wie Religionsersatz vorkommt, folgt Kraft keinem Aktualisierungsimpuls. Wir bleiben in den 1950ern, auch wenn die Romanstellen zu Themen wie Schwangerschaftsabbruch oder moderner Kommunikation in den Ohren heutiger Leser überraschend vertraut klingen.

Homo faber 2 560 Toni Suter T T Fotografie uin videoästhetischem Furor übermalt: Dagna Litzenberger Vinet als Sabeth und Matthias Neukirch als Walter Faber © Toni Suter / T + T Fotografie

Auf einem Laufband macht Matthias Neukirch als Homo faber selbstgefällig, abwesend, zielstrebig und gegen alle Widerstände Schritte nach vorn. Dieses Laufband ist zugleich Projektionsfläche für Frischs Romantext, Fabers Rapport. Ein riesiger Spiegel an der Decke lässt die Zuschauer diese scheinbare Selbstreflexion mitlesen, während Dagna Litzenberger Vinet, die Fabers Tochter Sabeth als unerotische Mädchenfrau spielt, diesen Faber auf seinem Karriere-Laufband mit ihrer Lebenslust zum Innehalten bringt. "Mr. Favour", wie sie ihn nennt, bleibt gar nichts anderes übrig, als die junge Frau, die er auf einem Schiff kennen lernt, auf ihrer Reise durch Frankreich und Italien zu begleiten.

Eine Welt in Schwarz und Weiß

Einen Mehrwert zum Roman schafft Regisseur Bastian Kraft in seiner Zürcher Adaption, indem er die Perspektive der Frauen auf diesen selbstgerechten Mann einnimmt. Frostiger als noch Sam Shepard in Volker Schlöndorffs Verfilmung aus dem Jahr 1991 kommt dieser Zürcher Faber rüber. Und weniger facettenreich als die Romanfigur, deren Weltbild immerhin gegen Ende ins Wanken gerät. In dem kalten, seelenlosen Bühnenbild (Peter Baur) sind die beherrschenden Farben Schwarz und Weiss, denn in mehr Farben weiß dieser Faber nicht zu denken.

Die Frauen, die ihn bei seiner One-Man-Show beobachten – etwa Miriam Maertens als Geliebte Ivy und singendes Showgirl im Glitzerkleid – werden von ihm mit den typischen Frisch-Sätzen einschubladisiert, während er seine Laufbandkilometer abläuft, oder das Leben hinter einer Filmkamera beobachtet (in Zürich hat die oft lästige Bühnenfilmerei für einmal eine echte Daseinsberechtigung).

Homo faber 1 560 Toni Suter T T Fotografie uDer Hamster im Lebensrad: Matthias Neukirch als Walter Faber © Toni Suter T +T Fotografie

Unter dieser weiblichen Beobachterperspektive wird aus diesem Machertyp Faber ein lächerlicher Hamster im Laufrad. Die Mutter Sabeths, Fabers Jugendliebe Hanna (Lena Schwarz), sitzt wie eine Richterin hinter einem kleinen Tisch am Bühnenrand. Mit gesammelter Gefasstheit schaut sie der inzestuösen Liebesgeschichte zu und stellt zu Fabers Schwarz-Weiß-Malerei die richtige Frage: "Was hast du mit dem Kind gehabt?" Fabers Version der Geschichte glaubt sie nicht.

Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit

Zu Recht. Denn den sauber heruntergeschriebenen Schreibmaschinentext verdecken im Laufe des Abends immer mehr Tintenflecken. Die Lücken werden größer, die Fragezeichen mehren sich. Die auf dem Laufband auftretenden Figuren werfen lange Schatten auf den Bericht. Der Versuch, diese Liebesgeschichte rational zu begründen, gerät zur Farce.

Derweil erinnert der live auf der Bühne gespielte Schlagzeug-Soundtrack (Musik: Arthur Fussy), der das Geschehen begleitet, an das pausenlose Getrommel aus Alejandro G. Inarritus Filmsatire "Birdman". Dessen Filmtitelzusatz "Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit" könnte man auch auf diesen Neukirch-Faber ummünzen, der selbstbewusster auftritt, je weniger er begreift. Wo Michael Keaton sich als alternder Ex-Filmstar in den Tod stürzt, weil er glaubt, er besitze dieselben Flugkräfte wie sein Filmcharakter, stürzt Matthias Neukirchs Faber, weil ihn keine Fantasie beflügelt.

 

Homo faber
nach dem Roman von Max Frisch
Regie: Bastian Kraft, Bühne: Peter Baur, Kostüme: Sabin Fleck, Musik: Arthur Fussy, Licht: Michael Güntert, Dramaturgie: Karolin Trachte.
Mit: Matthias Neukirch, Lena Schwarz, Dagna Litzenberger Vinet, Miriam Maertens, Claudius Körber, Andreas Matti.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspielhaus.ch

 

Kritikenrundschau

Andreas Klaeui von der Neuen Zürcher Zeitung (3.10.2016) sah einen Abend, an dem "die Leseatmosphäre nicht verloren" ging. Ein "seltenes Kunststück". "Der szenische Mehrwert liegt hier nicht in der zur Schau gestellten Zeitgenossenschaft der Inszenierung; er liegt in der Präzision der Lektüre." "Bastian Kraft (..) stellt Walter Faber vor. Stellt ihn aus. Allerdings auch nicht in einem Fünfziger-Jahre-Kontext, sondern vor einem zeitübergreifenden Horizont." Kraft antworte mit einem zeichenmächtigen Theater (..) auf Frischs symbolgeladenen Text." Sein Fazit: "Wer diesen Faber gesehen hat, mag ihn sich gar nicht mehr anders vorstellen."

Alexandra Kedves schreibt auf der Online-Seite des Zürcher Tages Anzeigers (3.10.2016): Bastian Kraft sei "derzeit der richtige Regisseur für Max Frischs 'Homo Faber' ". Seine "Romantheatersprache mit der Livecam-Grammatik" passe perfekt zum "Homo Faber", ein "verschachtelter, monologischer, mythologisch raunender Thesenroman mit pickelharten Pointen". Der Regisseur zitiere Schlöndorffs Verfilmung, verlasse sich auf den "Charme des historischen Bildinventars – und die grosse Präsenz seiner Schauspieler". Matthias Neukirch gebe dem Faber eine "virile, lässige Coolness". Claudius Körber platziere "Frischs Spitzen mit Aplomb"; selten sei bei "Homo Faber" so gelacht worden. Miriam Maertens gebe die "Glitzergöttin" in mehreren Rollen. Kraft sei ein "unerschrockener Bebilderer und Symbolist mit Flair fürs Süffige". Er verfertige "schlaues und schickes Spektakeltheater mit tollen Sinnsprüchen: hochunterhaltsam – und, scheinbar, komplett schmerzfrei".

 
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