Verführen und Meucheln mit Heinzilein

von Elske Brault

Freiburg im Breisgau, 30. September 2016. Ein kunterbuntes Spektakel entfaltet sich an diesem Abend im Theater Freiburg: Wir betreten den Saal und werden sofort, noch stehend oder einen Platz auf den zu beiden Seiten aufgereihten Podesten suchend, vom Geschehen umringt, eingenommen, die Darsteller laufen mitten durch uns Menschenmenge, zwei ringen lautstark miteinander wie auf einem mittelalterlichen Jahrmarkt.

Mitgefühl mit Monster

Auch die Kostüme, das lange Gewand des Königs, die auffällig großen Ringe an seinen Händen, die Harlekin-Kostüme seines Hofstaats und die zu hohen Türmen gedrechselten Perücken der Damen katapultieren uns in eine Spätmittelalter-Farce. Hier herrscht, französisch näselnd, auf hohen Schuhen tänzelnd und gleich zwei Frauen gleichzeitig küssend oder stoßend, Richard der Zweite, der Sohn des "Schwarzen Prinzen" Edward, in Freiburg eine Mischung aus dem "Sweet Transvestite" Frankfurter der Rocky Horror Picture Show und Gustaf Gründgens in seiner Paraderolle als "Mephisto". Der mit einer makellosen Bodybuilder-Figur ausgestattete Nicola Fritzen gibt dieses eitle Monster augenrollend, körperbetont: er schlägt in Bann, verführt und leitet unsere Gefühle vom Gelächter zum tiefen Mitgefühl für den am Ende gefallenen, im Kerker vergifteten Herrscher von Gottes Gnaden.

Schlachten1 560 Maurice Korbel uFamilienaufstellung buchstäblich in "Schlachten!": Martin Weigel, Marie Bonnet, Jürgen Herold, André Benndorff, Lena Drieschner.  © Maurice Korbel

Familienaufstellung

"Schlachten" war 1999 DAS Theaterereignis in Hamburg, ein zwölfstündiger Theatermarathon am Deutschen Schauspielhaus, wahlweise eine Ganztageskur oder verteilt auf vier Abende. Regisseur Luk Perceval, damals noch nicht fest etabliert am deutschen Staatstheater, und sein Autor Tom Lanoye hatten die Königsdramen Shakespeares zusammengebunden zu einer Art Familienaufstellung: Das Böse, der Verrat, die Machtgier pflanzen sich fort von einer Generation zur nächsten. Die Streitigkeiten zwischen dem Haus Lancaster und dem Haus York beginnen mit dem Kampf zwischen Richard II. und Heinrich Bolingbroke, dem späteren König Heinrich dem Vierten, sie münden zwei Generationen später in das wütende Morden von Richard III., dem berühmtesten hinkenden Zyniker der Theatergeschichte.

In Freiburg ist dies eingedampft auf eine grelle Comic-Version, unterhaltsam, rasant, aber dann doch ein wenig ermüdend aufgrund des immer gleichen, laut aufgedrehten Tons. Einheimische sprechen vom "Schrei-Ensemble": Man mag Schauspieler, die eine solche Tortur wie diesen Premierenabend auf sich nehmen, nicht kritisieren, und doch ist zu bemängeln, dass die leisen Töne, die zarten Passagen in Freiburg wieder einmal zu kurz kommen.

Zwei Seiten der primitiven Kraft

Die zahlreichen Rollenwechsel, elf Darsteller spielen etwa 50 Figuren, sind für den Zuschauer optisch und gedanklich nur zu bewältigen aufgrund der stupenden Leistung der Kostümbildner Jana Findeklee und Joki Tewes. Wäre eine Figur wie der schwache, kindische König Heinrich VI. (André Benndorf) nicht klar gezeichnet mit Lockenperücke, kurzen Hosen und Kniestrümpfen wie ein Pennäler, man würde in diesem Arsenal rasch den Überblick verlieren.

Schlachten3 280 Maurice Korbel uNicola Fritzen und Martin Weigel
© Maurice Korbel
So aber stellt das Kostüm auf ellenhohe Socken und macht den Mann: Heinz "Heinzilein" Fettklops (Martin Weigel), als Kronprinz mit einer riesigen Schleife um den Hals ein zum Schoßhund degradierter Dobermann, springt in seinen pubertären Ich-tobe-mich-aus-Jahren splitterfasernackt über die Bühne und führt seiner Amme La Falstaff (Nicola Fritzen) vor, wie wunderschön sein Pimmel als Propeller kreiseln kann. Doch als er den ihn verachtenden Vater erst einmal überwunden und schließlich gar ermordet hat, mutiert Heinzilein auf dem Schlachtfeld zum großen König Heinrich V., und weil Martin Weigel sich ausladende Phantasierüstungsteile umschnallt und sich so in einen blutrünstigen Ork aus der Fantasyfilmtrilogie "Herr der Ringe" verwandelt, muss er gar nicht mehr viel machen, um die Entwicklung vom spielenden Kind zum magisch siegreichen Feldherrn zu präsentieren. Es ist letztlich dieselbe ungelenke, primitive Kraft, die in der einen sozialen Rolle, als Kronprinz, den Mann lächerlich, peinlich wirken lässt und in der anderen, als König, ihm die Heldenverehrung verschafft.

So fern und so wie wir

Die Schwachstelle dieser Erzählung vom fortschreitenden Verfall einer Dynastie war auch schon seinerzeit in der Hamburger Version der Schluss, Richard III. als "Dirty Rich Modderfocker der Dritte". Weil nämlich die Degeneration sich auch sprachlich manifestieren soll, muss der elegante Zyniker Richard III., der wohl eloquenteste Massenmörder der Theatergeschichte, ein primitives Denglisch reden. In Freiburg ist er Teil einer brüderlichen Punkband und wird gespielt von einer Frau (Melanie Lüninghöner), was auch nicht plausibler macht, warum Richard III. trotz Buckel und Beinschaden sogar die Witwe seines Opfers rumkriegt. Ein kurzes zwischen-die-Beine-Fassen, von der Videokamera groß auf die rundum platzierten Leinwände projiziert, genügt, damit Anna Warwick (Marie Jordan) sich ihrem Widersacher ergibt und den Feind in ihr Bett holt. Aber da haben wir Zuschauer uns schon mit der plakativen Machart dieses Dramendauerfeuers abgefunden: So blutgierig, wollüstig und rachedurstig sind sie eben, diese Shakespeare-Menschen. Ein wenig fern wie die Figuren in einem Historienspektakel und dann doch wieder uns ganz nah in dem simplen Anspruch, dass sie leben wollen und dafür atmen, essen und scheißen müssen.

Das Freiburger Stadttheater hat mit "Schlachten!" seine eigene, mutige Version einer großen Theaterlegende erarbeitet. Greller, kürzer, lauter, bunter, mehr Jahrmarktsunterhaltung statt Bürgerbesinnung. Aber die ursprüngliche Intention ist erhalten geblieben wie die Doppeldeutigkeit des Titels: "Schlachten!" meint die Nacherzählung historischer Feldzüge ebenso wie das Meucheln mit dem bloßen Messer.

 

Schlachten!
Schauspiel von Tom Lanoye und Luk Perceval
Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten und Klaus Reichert
Regie: Christoph Frick, Dramaturgie: Jutta Wangemann, Bühne, Kostüme, Video: Jana Findeklee und Joki Tewes.
Mit: André Benndorff, Marie Bonnet, Lena Drieschner, Johanna Eiworth, Nicola Fritzen, Jürgen Herold, Marie Jordan, Melanie Lüninghöner, Iris Melamed, Thomas Mehlhorn, Martin Weigel.

Dauer: 6 Stunden 40 inklusive 2 Pausen, auch angekündigt als 2 Abende zu je 3 Stunden mit jeweils einer Pause.

www.theaterfreiburg.de

 

Kritikenrundschau

"In diesem Stück zeigt sich am deutlichsten die Lust des Regisseurs an der Komödie: Lachen statt Schlachten ist nicht nur hier die Devise der unterhaltsamen Inszenierung", schreibt Bettina Schulte von der Badischen Zeitung (4.10.2016). "Was Lanoye und Perceval dazu trieb, die an Shakespeares Verse angelehnte Sprache in den letzten beiden Stücken von 'Schlachten!' zugunsten eines schwer erträglichen Denglisch aufzugeben, erschließt sich nicht." Im letzten Drittel der Inszenierung lasse die Spannung deutlich nach und das Interesse an den Figuren schwinde. "Der Horror, den Modderfocker durch maßloses Morden verbreitet, geht einen nichts an, weil er durch den tobenden Slang eher verdeckt als demonstriert wird." Aber dieser Einwand wiege nicht schwer angesichts eines brillanten Ensembles und einer furiosen, lustvoll sinnlichen Inszenierung mit der einfallsreichen Musik von Anatol Atonal.

 

 

 
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