Des Kopfes zierliches Eirund

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 1. Oktober 2016. Einem Publikum, das frustriert ist "von nicht zustande kommenden Problemlösungen" angesichts der Migration, überdrüssig der "Egoismen der Nationalstaaten, die ihre Hartherzigkeit mit Realpolitik verwechseln", will Alfred Kirchner Goethes "Hermann und Dorothea" anempfehlen. Als einen "scharfen Fingerzeig" gar "auf die notwendige moralische Aufladung derzeitiger politischer Auseinandersetzungen und auf ein trostloses Europa, das in der Abwendung von Not ein ziemlich hässliches Gesicht zeigt" (Zitate Programmheft). Ob er da das Hexameter-Epos, das zu lesen gründlich aus der Mode gekommen ist, nicht gar arg überstrapaziert?

Goethe – ein Flüchtlingshelfer?

Die "inszenierte Lesung" im Burgtheater ist jedenfalls ein Test. Kein echter Härtetest, denn das charimatische Schauspieler-Duo Maria Happel und Martin Schwab hat die gebundene Sprache so wunderbar drauf, dass die beiden ganz ungebunden ran gehen können an die Ironie, mit der Goethe beim homerischen Durchbeuteln seiner Protagonisten nun wirklich nicht gespart hat. Aber war Goethe die Migrationsgeschichte, der Umgang mit dem / mit den Fremden überhaupt ein nennenswertes Anliegen?

Hermann2 560 Reinhard Werner u Erteilen brillant eine Lektion: Maria Happel und Martin Schwab © Reinhard Werner

Die Fremden kommen

Jedenfalls schwappt es aus Frankreich Flüchtende über den Rhein in die mitteldeutsche Idylle. Ausgerechnet in eine arme Fremde verliebt sich der auf Frauen-Werbung nicht recht geeichte Wirtssohn Hermann. Ein Gutteil des Versepos geht mit der Beschreibung vom Zustandekommen einer guten protestantischen Ehe auf. Es ist nicht das gewinnendste Sittenbild, das Goethe zeichnet: Spießer, Philister, Klugscheißer sind am Wort, im Ernstfall ist die resche Wirtin am Handeln.

Gewitzte Erklärungen haben die Männer, um die Stärke ihrer Frauen vor sich selbst zu rechtfertigen. An Pointen fehlt es nicht, dafür sorgen Maria Happel und Martin Schwab mit eloquentem Wortschwall. Die rasch wechselnde Textaufteilung, gelegentlich sogar innerhalb der direkten Rede, trägt ganz wesentlich zur Auflockerung bei. Gelegentlich ein scheeler Blick, eine unmissverständliche Geste – schon ist die kritische Distanz zum Text gesichert.

Spießer ohne Ende

Gar kein Thema war für Goethe der Umgang mit möglicherweise fremden Sitten, mit gewöhnungsbedürftiger Wesensart. Wenn Pfarrer und Apotheker als Braut-Tester über den Zaun lugen, ist das eine Spießer-Parodie, die Spitzweg oder Wilhelm Busch vorwegnimmt. Auch Hermann selbst nährt mit seinem Schwärmen von den Schönheiten des Gewandes und der Formen der Angebeteten – mündend in "des Kopfes zierlichem Eirund" – eher den Verdacht, dass die Ehe mit Dorothea das Spießertum solide fortschreiben wird.

Hermann3 560 Reinhard Werner uBiedermeier bis zum bitteren Ende © Reinhard Werner

Haltlos in der Fremde

Regisseur Alfred Kirchner baut in seiner Deutung von "Hermann und Dorothea" als Integrations-Lehrstück sehr auf den Schluss. Dorothea hat ja schon einen Verlobungsring am Finger (der junge Mann ist in den Revolutionswirren umgekommen). Dorothea wird die Vergangenheit nicht verleugnen und mit ihr nicht brechen. Der Ring bleibt dran. Und in einem starken Monolog sagt sie viel Gescheites, etwa dass für jemanden mit ihrer Fluchterfahrung auch der nun vermeintlich erreichte feste Boden immer "schwankend" bleiben wird.

Meist sitzen Maria Happel und Martin Schwab an ihren Lese-Tischen, Maria Happel liefert zwei Klavier- und Gesangseinlagen. Schwab als frustrierter Hermann unter dem Birnbaum weinend/schmollend, oder etwas hilflos polternd als alter Wirt – das hat ebenso viel Charme wie Maria Happels Wirts-Monolog, in den sie sich mächtig hinein steigert. Dass die Rollenaufteilung nicht auf die Geschlechter der Lesenden fixiert ist, macht die Sache reizvoll. Ein knackig durchgezogener, anregender Abend, gar keine Frage. Goethe-Nachhilfe mit einiger Überzeugungskraft. Aber aufs Nachtkästchen kommt "Hermann und Dorothea" deswegen trotzdem nicht, schon gar nicht als Pflichtlektüre zum Flüchtlingsthema.

 

Hermann und Dorothea
Inszenierte Lesung des Epos in neun Gesängen von Johann Wolfgang Goethe
Regie: Alfred Kirchner, Raum: Jura Gröschl, Kostüme: Dagmar Bald, Musik: David Müllner, Dramaturgie: Claudia Kaufmann-Freßner.
Mit: Maria Happel, Martin Schwab.
Dauer: 1 Stunde, 45 Minuten, keine Pause

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

"Einerseits sehnt man sich manchmal in all dem Bildertrubel des heutigen Theaters nach Purismus", bekennt Barbara Petsch für Die Presse (2.10.2016). Andererseits merke sie an einem Abend wie diesem, dass "man nicht mehr daran gewöhnt ist, zwei Stunden nur zuzuhören." Eigentlich ist der Abend "nur eine szenische Lesung. Das Erlebnis ist ein gemischtes."

" Genau so muss Goethe heute," befindet Thomas Trenkler für den Kurier (2.10.2016). "Man hört jede Menge Zitate fürs Stammbuch" und am Ende dankt das Publikum mit "Bravos und Standing Ovation". Happel und Schwab würden das ganze mit großem Geschick lesen, sie seien "ernst, wenn die Flüchtlingskrise es erfordert, und als Geschichtenerzähler sehr oft heiter."

Man müsse das Okular ordentlich schärfen, um das Beunruhigende der Botschaft Goethes aufzuschnappen. "Oder man hat eben im Burgtheater zwei Vortragskünstler zur Hand, die das Gerücht von Deutschtümelei und Biedersinn in höhere Ironie auflösen", jubelt Ronald Pohl vom Standard (2.10.2016). Alfred Kirchner leiste an "Hermann und Dorothea" beherzt Wiedergutmachung. Goethes Sprache rolle wie die Brandung eines sorgsam eingehegten Meers. Zum Vorschein komme "ein klitzekleines, in Wahrheit unerhörtes Werk".

 
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