Paule Popstar steigt auf und ab

von Michael Laages

Mannheim, 3. Oktober 2016. Gewisse Ähnlichkeiten gibt’s zwischen Lutz Hübner und Simon Stephens – beide Dramatiker sind unerhört produktiv und werden extrem regelmäßig ur- und erstaufgeführt, und nachgespielt obendrein. Und beiden gelingt das mit einer Methode, die derart handfest und wasserdicht ist, dass es kaum noch darum geht, ob stärkere oder schwächere Theatertexte aus ihrer Schreibwerkstatt auf die Bühnen gelangen. "Blindlings", das Anfang des Jahres in Kiel von Ulrike Maack und Wilfried Minks erstaufgeführte Stephens-Stück, war allemal ein stärkeres, vom Kindsmord war die Rede. Fast so stark war es wie "Pornographie", das stärkste des Engländers, das die Bombenanschläge in London vor gut zehn Jahren zum Gesellschaftspanorama auffächerte. "Birdland" jetzt, das Burkhard C. Kosminski sich vorgenommen hat, Schauspiel-Intendant am Nationaltheater in Mannheim, ist demgegenüber ein sehr schwaches.

birdland09 560 joerg michel hPaul, Arschloch ohne Grenzen (David Müller & Katharina Hauter) © Hans Joerg Michel
Warum? Weil dies ein Geradeaus-Text ist; vollkommen vorhersehbar wird er in die dramaturgische Spur gesetzt und weicht nie auch nur für einen Augenblick, eine Szene, eine gedankliche Volte lang vom vorher festgelegten Weg ab. Gleich nach der Exposition, nach wenigen Minuten also, ist völlig klar, wohin die Reise gehen wird.

Ein Sumpf namens Entertainment

Paul ist Popstar und aus niedrigen Verhältnissen (wir lernen später Pauls armseligen Vater kennen) vermeintlich zu unermesslichem Reichtum aufgestiegen. Er vergöttert sich selbst und das Geld, empfindet sich gar als Musterbeispiel der modernen kapitalistischen Weltordnung und schaut darum auf alles andere herab: ein Drecksack, wie er im Buche steht. Er legt jede flach, auch die Freundin des besten Freundes und Gitarristen in Paule Popstars Band; und weil er sich obendrein für eine ehrliche Haut hält in all der megalomanen Hybris, die ihn zum Psychopathen werden lässt, droht er ihr damit, Gitarrist Johnny davon zu erzählen – da stürzt sich die Partnerin nach dem One-Night-Stand vom Hoteldach. Das geschieht in Moskau. Und LeichInnen pflastern weiter seinen Weg, seelisch zumindest.

In Berlin lädt Paul ein schönes Zimmermädchen aus dem Hotel ein, ihn für eine Weile zu begleiten; in Paris verlässt sie ihn wieder. Und er vergewaltigt sie fast. Bei einem späteren Groupie (das eigentlich hinter Gitarrist Johnny her ist) geht Paul ebenfalls zur Sache – aber das Mädchen ist erst 14, und jetzt kommt die Polizei. Paule wird in den Knast gehen, wenn ihn die Plattenfirma nicht rettet – so wird er zum Musik-Sklaven des eigenen Managers, der auch immer verlässlich für die Drogen gesorgt hat ...
Ende.

Rock'n'Roll als Mythos

Kein Klischee aus der Pop-Historie bleibt unzitiert. Um Paule herum schwirren eineinhalb Dutzend Personen aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gefilden: Vom Unterklasse-Daddy, der Neuwagen zu den Kunden fährt, über den Fernseh-Moderator, dem Paule minutenlang immer die gleiche Antwort auf alle Fragen gibt, bis zum Sponsoren-Paar, das den schwer zugedröhnten Helden der Pop-Welt mit Lob und Hudel malträtiert. Aber keins dieser Echos aus dem wirklichen Leben ist mehr als ein Abziehbild. Nirgends lauert eine Überraschung, nirgends irgendetwas, das nicht wie abgekupfert aus der Klatsch-Postille wirkt. Und da Regisseur Kosminski damit auch noch die große Bühne des Theaters bespielt, kommt die dramaturgische Armseligkeit auch noch im Breitwandformat daher.

Florian Ettis Bühnenbild lässt Rätselbilder und Kinderzeichnungen auf große weiße Wände projizieren, Hans Platzgumers Musik ermöglicht nicht einmal ein grobes Antik-Popmarkt-Musical. Und David Müller, der dieses ewig greinende große Kind im Popstar-Wahn spielt, ergeht sich in schlichtesten Haltungen und Positionen, körperlich und geistig. Er ist aber in jeder Hinsicht typisch für das Stück – denn es bietet ja keinerlei Chance, keinen Anlass, kein Motiv, um irgendetwas Verblüffendes im Spiel zu kreieren.

birdland04 560 joerg michel hPaule mimt den Rebellen (David Müller & Ensemble) © Hans Joerg Michel

Der Abend ist im Inneren vollkommen hohl – und nichts an ihm rechtfertigt die Werbe-Poesie vom Stephens-Theater als Podium intelligenter zeitgenössischer Gesellschaftsanalyse. Jeder Programmheft-Text von Diederich Diederichsen oder Rainald Goetz bietet mehr Erkenntnis. Stephens hat mal wieder ein Thema abgehakt. Und weiter geht’s.

PS.: "Birdland" war übrigens der Name eines ruhmreichen Jazz-Lokals in New York und erinnerte an Charlie Parker, den die Jazzwelt "Bird" nannte. Die Stars jener Zeit hatten andere Sorgen und haben auch nie viel verdient. Aber ihr Leben hatte trotzdem viel von einem Abenteuer mit Musik. Paule Popstar hat das nicht.

 

Birdland
von Simon Stephens
Deutsch von Barbara Christ
Regie: Burkhard C. Kosminski. Bühne: Florian Etti. Kostüme: Ute Lindenberg. Video: Sebastian Pircher. Musik: Hans Platzgumer. Licht: Nicole Berry, Damian Chmielarz. Dramaturgie: Carolin Losch.
Mit: David Müller, Ragna Pitoll, Stefan Reck, Klaus Rodewald, Anke Schubert, Baris Tangobay, Carmen Witt und vielen anderen.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.nationaltheater-mannheim.de

 

Kritikenrundschau

Volker Oesterreich von der Rhein-Neckar-Zeitung (4.10.2016): Simon Stephens habe ein entlarvendes, "scharf konturiertes Psychogramm" geschrieben. "Im Verlauf des Stücks werden Pauls Zynismus und seine innere Leere (...) immer offensichtlicher." Der Abwärtsspirale setze sich David Müller in der Hauptrolle "auf bewundernswerte Weise" aus. "Die hohe Qualität von Burkhard C. Kosminskis Inszenierung liegt nicht nur an dieser genau einstudierten Einzelleistung, sondern auch daran, dass der Mannheimer Schauspiel-Intendant die vielen kleinen und kleinsten Rollen mit Vollprofis besetzt hat."

Dietrich Wappler von der Rheinpfalz (4.10.2016) schreibt: "Aus einem musikalisch genialen, aber charakterlich schwachen Menschen hat das Musikgeschäft ein emotionales Monster geformt." Burkhard C. Kosminski interessiere sich weniger für diesen gesellschaftlichen Prozess als für dessen Ergebnis. Seine Inszenierung führte uns nicht in Pauls Welt, sondern in Pauls Kopf. "Sebastian Pirchners Videoprojektionen zaubern erst lustige Kinderzeitungen, dann alptraumhafte schwarze Schatten, am Ende angsterfülltes Gekritzel auf die riesien Wände."

David Müller spiele "den gefräßigen Allesfresser im Windkanal des Kapitalismus" grandios, schreibt Alfred Huber vom Mannheimer Morgen (4.10.2016). Dieser sei der agile Beweis, dass die herschende Moral die Moral der Reichen sei. Angesiedelt zwischen Realismus und Magie vereine Kosminski seine "höchst spielfreudigen Akteure" zu einem gesellschaftlichen Gruppenbild. Selten zerfalle seine Inszenierung in allzu subjektive Einzelbeschreibungen, "immer ist der Versuch zu spüren, ein unstichbares Band zu knüpfen zwischen Personen und Situationen, die Ausdruck sind einer Zeit und eines oberflächlichen Milieus".

"'Birdland' erinnert eindrucksvoll daran, wie selten große individuelle Schuldfragen mit schicksalhaftem Ausgang auf der Theaterbühne von heute verhandelt werden, allerdings auch daran, dass es praktisch unmöglich ist, damit ernsthaft zu überraschen", schreibt Judith von Sternburg von der Frankfurter Rundschau (5.10.2016). Umso bemerkenswerter sei es, wie sorgsam der "ohnehin sehr sorgsame Erstaufführungsregisseur Burkhard C. Kosminski" sich der Handlung und der Figuren annehme. Es entstehe "eine geradezu beispielhafte Version eines entspannten, heutigen Erzähltheaters".

"Wie das ist, wenn einer aus einfachen Verhältnissen aufsteigt und so viel Geld verdient, dass ihm alle Lebenskoordinaten verloren gehen" sei das Thema von "Birdland", schreibt Jürgen Berger in der Süddeutschen Zeitung (6.10.2016). "Die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines Rockstars ist nicht unbedingt neu. Stephens erzählt sie in kurzen, pointierten Dialogen." Für die Mannheimer Inszenierung habe Florian Etti "eine jener Spielflächen gebaut, auf der sich Schauspieler wie isolierte Menschen ohne sozialen Kontakt bewegen können". Genau so inszeniere der Mannheimer Schauspielintendant Burkhard C. Kosminski dann auch "und versucht erst gar nicht, aus der großen Bühne des Nationaltheaters eine Arena des Rock'n' Roll zu machen", mache stattdessen "ganz handfestes Schauspielertheater".

"'Birdland' ist nicht gerade Stephens Meisterwerk", schreibt Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (8.10.2016). Er lasse kaum ein Rockstar-Klischee aus und erkläre am Ende viel zu viel. "Aber der fünfundvierzigjährige Brite hat immer noch ein Gespür für melodramatische Effekte, soziale Reflexe und die Balance von langsamen und schnellen, sentimentalen und harten Szenen." In seiner Inszenierung entferne Burkhard C. Kosminski sich "mit dezenten Stilisierungen und fließenden Übergängen gerade so weit von seinem sonst eher nüchternen, realistischen Regiestil", dass das Publikum am Ende freundlich Beifall spende.

 

 
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