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Das Glück ist ein schwarzer Vogel

von Dorothea Marcus

Bonn, 7. Oktober 2016. "Für alle, die zu schwach sind, das Leben einfach so auszuhalten", steht als Motto über Fritz Katers (alias Armin Petras') neuestem Stück "Love you, Dragonfly. Sechs Versuche zur Sprache des Glaubens". Ein "Dragonfly", dramatischer Name für eine schlichte Libelle, kommt darin nur einmal kurz vor – in einem der härtesten Monologe des Abends, kurz bevor das einsame 13-jährige Mädchen "M" von einem Alkoholiker vergewaltigt wird und in den See geht, ist es die Libelle, die "durchsichtig blau und wunderschön braun" den Zug der von ihm gequälten Wesen anführt.

Der Schauspieler Sören Wunderlich in grünem Tennisrock und Schulmädchen-Kniestrümpfen erzählt die Geschichte in einem kindlich raunenden Märchenton und verleiht ihr damit eine schillernde Unheimlichkeit, die durch Mark und Bein geht. Insgesamt steht die Libelle wohl für das zufällig Flirrende, das Menschen zum Glauben bewegen kann, für ihre tiefsten, treibenden Sehnsüchte. Vielleicht aber auch für den auktorialen Dramatiker, der beobachtend, sich immer wieder heranzoomend über den Dingen schwebt.

DRAGONFLY1 560 Thilo Beu uLeuchtende Worte, flirrendes, monologisches Leben: Mareike Hein © Thilo Beu

Vom Leben singen, plärren und an ihm verzweifeln

Sechs Miniaturen über das Leben, die "Liebe", die "Familie", den "Fortschritt", "Gott", die "Freiheit" und das "Leben" hat Fritz Kater in "Love you, Dragonfly" für das Schauspiel Bonn aneinander gereiht, am Schluss leuchtet nur noch das Wort "Leben" im Off. Monologe wechseln mit theatralischen Szenen, formal und inhaltlich herrscht große Heterogenität. Vielleicht sind einige Dramolette beim Schreiben von Fritz Katers letztem Stück übrig geblieben, denn an "Buch – 5 Ingredientes de la vida" erinnert "Love you, Dragonfly" in Struktur und Aufbau stark. Macht nichts. Denn hier erhebt einer die Stimme, dem es um etwas Dringliches zu gehen scheint und der viel literarische Kraft aufwendet, um menschliche Konstanten zu ergründen.

Ausdrücken will Fritz Kater wohl, dass letztlich jeder an etwas glaubt und sich im Laufe von Lebenszeiten und Lebensaltern – es wird aus einem Zeitraum von 80 Jahren erzählt – immer nur die konkreten Problemlagen ändern. Während der Wissenschaftler Hermann 1935 seine Frau Maria verlässt, um bedingungslos dem Sozialismus zu dienen, in ein Arbeitslager gesteckt wird und dabei Haare und Beine verliert, ist es das größte Glück des amerikanischen Studenten Robert 2018, "die richtige Salatsauce ausgesucht zu haben" – und dabei Sex mit seiner Frau zu haben und neue Erfindungen auszudenken. Auch dies ist als Monolog erzählt und Holger Kraft macht ihn zu einer schauspielerischen Glanzleistung. Er hält sich abwechselnd Männerbrüste und Bauch, um die Begegnung mit seiner großen Liebe Nathalia nachzuerzählen, singt, plärrt, irritiert, bricht in Verzweiflung aus, während er langsam eine Geschlechtsumwandlung vollführt, da Nathalia mit der Sexualität abgeschlossen hat.

Verschwimmende Moral- und Lebenskonzepte

Man kann die sechs Episoden eigentlich nicht sinnvoll nacherzählen, da sie ganz parallel und unverbunden nebeneinander stehen. Regisseurin Alice Buddeberg hat die Reihenfolge leicht umgestellt und etwas pointierter in den Rahmen der Weltkriegsjahre gesetzt. So könnte jene verträumte Marie auf Skiern (Mareike Hein), die am Anfang ihren Mann so hilflos anhimmelt, zum Schluss auch jene sein, die als geisterhafte Ärztin bei einer Frau vorbeikommt, die einen Deserteur verraten hat, der sich 1942 vor dem unausweichlichen Kriegstod versteckte. Ansonsten: Ein NVA-Soldat träumt 1985 von der Flucht in den Westen. Ein wohlsituierter Professor besucht 2014 den jungen afrikanischen Flüchtling, den er einst gerettet zu haben glaubte, im Gefängnis, da der ein Mörder geworden ist – Lena Geyer zeigt ihn rotzig-aufsässig gegenüber der Gutmenschen-Gewissensberuhigung mit kurzen Hosen und schwarzen Blackfacing-Streifen im Gesicht. Moral- und Lebenskonzepte verschwimmen im Laufe der Jahrzehnte, die Suche der Menschen nach sinnvollem Überleben bleibt.

DRAGONFLY2 560 Thilo Beu uWo bitte geht es denn nun zu einem sinnvollen Leben? Hier suchen Holger Kraft, Lena Geyer, Mareike Hein, Sören Wunderlich. © Thilo Beu

Schönheit, Verfremdung, Verrätselung

Alice Buddeberg hat nur sehr schonend eingegriffen und lässt das Stück in einem halbrund abschüssigen Raum, halb Wohnzimmer, halb Wartesaal, klug ganz für sich stehen. Auf die fünf Darsteller regnet es Buchstaben, aus denen sie die Szenenüberschriften an die Wand basteln, nicht ohne die eigene Auseinandersetzung darüber auch noch zu thematisieren. In jeder Episode wechseln sie Kleidung und Rollen, stehen oft frontal zum Zuschauer und sprechen auch die Regieanweisungen mit. Man könnte das beliebig nennen, oft klingt es auch gewollt und gespreizt. Doch sprachlich durchgearbeitete Dramen wie dieses sind selten geworden auf deutschen Bühnen, wo sich Jungdramatiker oft in Alltags-Plappereien erschöpfen. Wohltuend ist es, wie Fritz Kater dagegen mit Schönheit und Absurdität, Verfremdung und Verrätselung arbeitet. Beispiel: "Das Glück ist ein schwarzer Vogel, er glänzt in der Sonne und krepiert auf der Straße", ein Aphorismus wie aus dem Poesiealbum. Und doch öffnen sich da auch immer wieder poetische, von Melancholie und Vergeblichkeit durchdrungene Räume.

 

Love you, Dragonfly
Sechs Versuche zur Sprache des Glaubens
von Fritz Kater
Uraufführung
Regie: Alice Buddeberg, Bühne: Cora Saller, Kostüme: Emilia Schmucker, Musik: Stefan Paul Goetsch, Licht: Sirko Lamprecht, Dramaturgie: Jens Groß.
Mit: Lena Geyer, Mareike Hein, Holger Kraft, Birte Schrein, Sören Wunderlich.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.theater-bonn.de

 

Kritikenrundschau

Stefan Keim fasst auf der Seite von Deutschlandradio Kultur (9.9.2016) seinen gesprochenen Beitrag (zum Nachhören hier) zusammen: Fritz Kater habe sechs "völlig unterschiedliche Geschichten zusammen montiert", in sechs "völlig unterschiedlichen Theatersprachen": "Monologe, romanhafte Erzählungen, psychologische Dialoge, poetische Texte". Man erfahre genug von den "Leuten, um sich Gedanken machen zu können, aber nie so viel, dass sie ihre Geheimnisse" verlören. Die "gesellschaftspolitische Dimension" stelle sich bei diesem "präzisen Blick auf Krisen und Verstörungen von selbst ein". Buddeberg habe das Auftragswerk mit "großer Aufmerksamkeit" inszeniert. Weil die "hervorragenden Schauspieler" ihre Rollen mit "großer Natürlichkeit und Präzision" verkörperten, wirkten auch Verfremdungen bereichernd. Ein "emotionaler, geistreicher und manchmal sogar witziger Gedankenanreger".

Dietmar Kanthak schreibt auf der Website des General-Anzeigers aus Bonn (10.10.2016): Einzelne Szenen rauschten am Publikum vorbei. Das liege an Fritz Katers "bedeutungsvoll hochgejazzter Sprache", die es den Schauspielern zwar erlaube zu glänzen, "aber den Zuschauer fasst sie nicht an". Die fünf Figuren äußersten sich "abwechselnd monologisch, dialogisch und mit der Stimme eines Erzählers". Das erzeuge wenig Nähe, aber ganz viel Distanz". Regisseurin Alice Buddeberg mache "alles richtig", sie lasse das Ensemble brillieren. Holger Krafts "atemberaubendes Solo" etwa sei eine wahrhafte Tour de force, wie man sie lange nicht mehr im Theater gesehen habe.

In der Süddeutschen Zeitung (10.10.2016) schreibt Cornelia Fiedler: Kater gehe es um den "Glauben an Werte wie Liebe, Familie, Fortschritt, Freiheit". Buddeberg und ihr "beeindruckendes Ensemble" setzten dem "schweren Stoff" eine "leichte, den Figuren ungeheuer zugewandte Spielweise" entgegen. Die "intensivste und bitterste Szene" gelinge Sören Wunderlich als 13-jähriges Mädchen M. dem "kindliche Märchenwelt und brutale Realität verschwimmen". Die "dunkle Eigenwilligkeit" dieser Szene könnten Text und Inszenierung insgesamt "nicht ganz halten". Kater lasse seine Protagonisten "haltlos durch die Geschichte schlingern" und "hier und da an den großen Narrativen ihrer Zeit anecken". Katers große Frage, wie der "Wunsch nach Sinngebung" sich zu einer "Sprache des Glaubens" verfestige, gerate in "diesem szenischen Kaleidoskop" oft in "den Hintergrund".

Dorothea Marcus vom Deutschlandfunk (8.10.2016) findet, oft klinge es an diesem Abend "gewollt und gespreizt", zudem erinnere das Stück in Struktur und Aufbau stark an Fritz Katers letztes Stück 'Buch – 5 Ingredientes de la vida'. "Dennoch sind sprachlich durchgearbeitete Dramen wie dieses selten geworden auf deutschen Bühnen." Wohltuend sei es, wie Fritz Kater mit Schönheit und Absurdität, Verfremdung und Verrätselung arbeite. "Immer wieder hört man dabei auch Aphorismen wie aus dem Poesiealbum." In der "klug zurückgenommenen Regie" von Alice Buddeberg eröffneten sich immer wieder "poetische, von Melancholie durchdrungene Assoziationsräume".