Being Todenhöfer

von Sascha Ehlert

Berlin, 12. Oktober 2016. Eine abgewetzte Lederjacke, einen Rucksack auf dem Rücken, die runden Brillengläser, die Mischung aus gestriegelter Politiker-Frise und wachem Menschenfreund-Blick. Jürgen Todenhöfer, einer der umstrittensten und zweifellos auch relevantesten Publizisten dieser Tage, steht auf der Bühne des Grips-Theaters. Unabhängig davon, wie man zu seinen Interviews mit angeblichen Al Nusra-Kommandanten und IS-Terroristen steht, spielt Todenhöfer – mit bald 700.000 Facebook-Fans – eine gewichtige Rolle in der medialen Berichterstattung über den Syrien-Konflikt.

Heute Abend hat er allen Grund zu lächeln. Tosender Applaus brandet auf, als der echte Todenhöfer gemeinsam mit seinem Sohn die Bühne des Grips-Theater betritt. Beide schütteln ihren Schauspieler-Alter Egos die Hand und baden für knapp dreißig Sekunden im Jubel der Premieren-Menge. Nein, die Inszenierung "Inside IS" ist keine kritisch-distanzierte Auseinandersetzung mit der Arbeit des selbsternannten Aufklärers und Pazifisten Todenhöfer.

Der Ruf des Kalifen lockt

Der Zweck der Inszenierung ist offenbar ein anderer. Das Wort "Zweck" ist ein im Kontext der Kunst ein grausiges, aber hier passend, weil man Regisseur Yüksel Yolcu vermutlich kein Unrecht tut, wenn man ihm unterstellt, einen bewusst aufklärerischen Abend gestaltet zu haben. So hat er es sich zum Ziel gesetzt, den Schulklassen, die in den nächsten Monaten "Inside IS" am Grips gucken werden, aufzuzeigen, wie es dazu kommen kann, dass junge Bürger dieses Landes nach Syrien gehen, um einen brutalen, selbst ernannten Kalifen auf einem Vernichtungsfeldzug zu unterstützen.

InsideIS1 560 David Baltzer uAsad Schwarz, Florian Kroop, Davide Brizzi © David Baltzer

Erzählt wird, wie Vater und Sohn Todenhöfer Kontakt zu der Propaganda-Abteilung des IS aufnehmen, über die Türkei nach Syrien reisen und vor Ort mit auskunftsfreudigen, deutsch-stämmigen Kämpfern sprechen. Aber das ist nur ein Teil dieses Theaterabends. Ein Glück, denn zu Christian Giese und Patrick Cieslik als Vater und Sohn Todenhöfer baut man seltsamerweise keine emotionale Verbindung auf, obwohl vor allem Jürgen als zwar manchmal etwas naiver, aber im Grunde herzensguter Altruist gezeichnet wird. Dass Todenhöfer bei seinem Kampf für das Gute dazu neigt, so viel Verständnis für eine Seite aufzubringen, dass für die Gegenseite (USA, Israel, Europa) keine Liebe mehr übrig bleibt, das wiederum bleibt an diesem Abend unerwähnt.

Ausbruch aus der Ich-Gesellschaft

Inhaltlich wie schauspielerisch ergiebiger ist die Geschichte von zwei ehemaligen IS-Kämpfern mit deutschen Wurzeln, der eine tot, der andere im Knast. Letzterer heißt Said, desillusionierter Syrien-Heimkehrer, der im deutschen Gefängnis auf Imam Ilhan trifft. Schnell finden sie heraus, dass beide einen kannten, der sich mal Fabian nannte und für den Islamischen Staat als Märtyrer in den Tod ging. Als Ilhan das erfährt, begibt er sich geschockt auf die Suche nach dem Grund dafür, wie dieser zurückhaltende junge Mann zum Mörder werden konnte. Er sucht Vater und Mutter auf und erfährt, dass Fabian sich den Islamisten anschloss, weil er raus wollte aus unserer Ich-Gesellschaft.

Im Hintergrund des Falls lagert eine Geschichte familiärer Orientierungslosigkeit: Fabians Mutter, alleinerziehend, sah nicht recht, wie unwohl sich ihr Sohn nach der Scheidung seiner Eltern in ungewohnter Umgebung fühlte, den Vater interessierte es eh nicht. Die Handlung verläuft erwartbar, aber nicht ohne Reiz. Das liegt ganz wesentlich auch an Davide Brizzi. In einem Moment zeichnet er seinen Said mit leiser Genauigkeit, im nächsten wiederum performt einen islamistischen Hassprediger mit wahnsinnigem Glühen in den Augen, dann wiederum erzählt er als lethargischer Vater Fabians, wie er in der Erziehung seines Sohnes versagte. Neben Brizzi spielen übrigens auch die anderen fünf Darsteller jeweils bis zu neun verschiedene Figuren. Umziehen, Bärte ankleben, AK-47s aus Geheimfächern greifen – die Verwandlungen passieren meist direkt auf der Bühne. Das sorgt für Tempo und Energie.

InsideIS2 560 David Baltzer uDavide Brizzi, Asad Schwarz © David Baltzer

Man erfährt an diesem Abend wenig Neues, hat man in der Vergangenheit bereits eine handvoll Artikel und ein, zwei Reportagen über den Islamischen Staat und seine europäischen Rekruten gesehen beziehungsweise gelesen. Dennoch verlässt man das Grips-Theater letztlich positiv gestimmt. Obwohl manche der zur Auflockerung der schweren Thematik eingestreuten Gags arg lächerlich wirken, gibt es ein paar Szenen zu sehen, die haften bleiben: Wenn kurz vor der Pause die Islamisten gemeinschaftlich beten, hat das etwas Erhabenes, und wenn gegen Ende Todenhöfer Senior davon träumt, wie ein vierfacher Abu Bakr al-Baghdadi ihn der Selbstdarstellungssucht bezichtigt, als weiteren, westlichen Imperialisten abtut und schließlich gen Höllenschlund befördert, dann ist das stark gemacht. Als informatives Schulstück dürfte dieser Abend ohnehin funktionieren.

 

Inside IS
von Yüksel Yolcu
nach Motiven des Buches "Inside IS – 10 Tage im 'Islamischen Staat'" von Jürgen Todenhöfer
Regie: Yüksel Yolcu, Bühne & Kostüme: Ulv Jakobsen, Komposition/ Musik: Thomas Keller & Sonny Thet, Choreografie: Katja Keya Richter, Musikalische Einstudierung: Bettina Koch, Video: Yüksel Hayirli, Dramaturgie: Ute Volknant, Theaterpädagogik: Ellen Uhrhan.
Mit: Esther Agricola, Davide Brizzi, Patrik Cieslik, Christian Giese, Florian Kroop und Asad Schwarz.
Dauer: 2 Stunden, eine Pause

www.grips-theater.de

 

Kritikenrundschau

"Dem Stück fehlt das Rückgrat, eine Haltung", findet Thorsten Schmitz in der Süddeutschen Zeitung (14.10.2016). Stattdessen gebe es pausenlos anti-amerikanische, anti-westliche IS-Propaganda. "Zu gerne erführe man, was die Geldbewilliger im Hauptstadtkulturfonds von dem Stück halten." Die Inszenierung bleibe gefährlich an der Oberfläche. "In weiten Strecken besteht sie aus den hohlen Mantras der Terroristen und dem Jubel von IS-Fans."

Das Buch "Inside IS" sei "trotz wichtiger historischer Analysen im Vorspann nur der sensationsjournalistische Abenteuerbericht eines predigenden Selbstdarstellers", urteilt Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (14.10.2016). "Dass das Grips dennoch eine Uraufführung daraus gebastelt hat, die kein komplettes Desaster wurde, ist dem routinierten Regisseur Yüksel Yolcu zu verdanken." Die Verschränkung von Todenhöfers Reisebericht mit drei IS_Überläufer-Schicksalen sei  gut gemeint und werde durch das flinke Bart-an-Bart-ab-Spiel der sechs Schauspieler auf Treppenkulisse auch engagiert vorgetragen. "Dennoch bewegt sich auch Yolcus IS-Kabarett auf allzu ausgetretenen Pfaden."

Die Einsicht am Ende des Abends, dass es wichtig ist, mutig zu sein, selber über seinen Lebensweg zu entscheiden, kommt für einen Islamisten, der sich einen Sprengstoffgürtel umgeschnallt hat, um andere Menschen mit in den Tod zu reißen, etwas überraschend, resümiert Oliver Kranz im Deutschlandfunk (13.10.2016). "Doch positive Botschaften sind ein Markenzeichen des Grips-Theaters. Die Kinder- und Jugendbühne ist für ihre Mutmachstücke bekannt. Da muss sogar der Geschichte eines Selbstmordattentäters ein positives Fazit abgerungen werden, auch wenn es für erwachsene Zuschauer etwas gewollt wirkt."

Gerade auch im Kinder- und Jugendtheater spräche nichts gegen eine kritische Auseinandersetzung mit der Weltsicht Todenhöfers und seiner Reise als embedded journalist, schreibt Patrick Wildermann im Tagesspiegel (14.10.2016). "Die findet allerdings zu wenig statt. Der ehemalige CDU-Hardliner rückt vielmehr als unbestechliches Frontschwein auf mutiger Mission ziemlich penetrant ins Zentrum." Trotzdem sei Yolcu und dem Grips anzurechnen, dass sie sich mit diesem Stoff auf ein durchaus brisantes politisches Feld vorwagen. "Gerade in den Passagen, die von den Abwegen der Konvertiten handeln, ist der Abend stark in seiner Ambivalenz."

 

as Buch „Inside IS“ trotz wichtiger historischer Analysen im Vorspann nur der sensationsjournalistische Abenteuerbericht eines predigenden Selbstdarstellers. – Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/24911242 ©2016
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