Die Harten im Garten

von Geneva Moser

Bern, 15. Oktober 2016. Ein Visionär, sei er. Das sagt die NZZ (und das Feuilleton im Allgemeinen) über Regie-Shootingstar Ersan Mondtag. Und hier haben wir sie dann, die Vision: Vier Menschen proben im paradiesischen Garten die Vernichtung der Welt, sehnen sich nach der Erfüllung ihrer Paranoia und führen als zeitdiagnostische Exempel gelangweilten Hedonismus vor. Ersan Mondtags Endzeitfantasie "Die Vernichtung" am Konzert Theater Bern: Eine in erster Linie visuell überzeugende, phantasievoll-opulente Bilderwelt voller spektakulärer Effekte.

Ein paradiesisch-utopischer Garten, antike Figuren, Weizen und Blumen, Teich und Morgennebel, Tau, eine Schaukel. Epochaler Auftritt der menschlichen Spezies: Vier Menschen fallen vom Himmel und treten durch ein Tor in den Garten. Und dazu das Deutsche Requiem. Die Menschen im Paradies sind nackt, oder zumindest in wie nackt gemalten Anzügen steckend. Sie bewegen sich fortan in choreografierten, mal mechanischen, mal tänzerischen, repetitiven Bewegungen durch das paradiesische Grün. Sie sind Tier und Maschine gleichermassen.

Vernichtung1 560 Birgit Hupfeld uStranger than paradise: Deleila Piasko, (hinten) Lukas Hupfeld, Jonas Grundner-Culemann
© Birgit Hupfeld

Da wird bisweilen so animalisch wie gelangweilt in unterschiedlichen Stellungen und Konstellationen gevögelt, da wird zu Techno getanzt, da wird Wettkampf und Sport betrieben und sehr oft dekorativ in der ebenfalls sehr dekorativen Gegend herum gestanden. Überhaupt ist das schön anzuschauen, so ein Weizenfeld mit Mohnblumen, Farnpflanzen und diese Ölbilder von Körpern, die sich getragen und schwer durch die Landschaft bewegen. Unheimlich schön.

Xenophobe Katastrophenszenarien

Unheimlich – das ist denn auch die einzige Verbindung zwischen der visuellen Ebene und der gesprochenen Sprache (Text: Olga Bach). Abgesehen von einer atmosphärischen, emotionalen Verknüpfung driften diese Ebenen nämlich logisch auseinander. So ist der spektakuläre Auftritt am Anfang begleitet von einem lakonisch-ironischen Plaudern über das Baden und versehentliche Töten eines Welpen. Das Sex-Stellungen-Durchexerzieren wird eingeleitet von einem Geschäftsmeeting und anschliessend begleitet von einem jugendlichen Dialog zum Auffummeln vor der Party.

Mitunter wird fragmentarisch und wenig engagiert die Welt kommentiert, werden Drogen konsumiert und krampfhaft sich selbst gesucht. Zynische Rassismen und xenophobe Katastrophenszenarien werden ausgemalt, ebenfalls fragmentarisch und wenig engagiert. Nur einer der vier ist politischer Kritiker, vielleicht ein nicht-westliches, projektionsflächiges Feindbild. Aber auch er spricht gestelzt und gekünstelt, oberflächlich. Fragen wie: "Habt ihr schon mal einen gesehen, der getötet wurde?" bleiben bezugslos und realitätsentfremdet im Raum stehen.

Am nächsten kommen sich Text und Körper im Partyfieber, im Höhepunkt des Drogenrausches. Sniff, im Takt Wippen, von einem Bein aufs Andere stehen, sniff – die Dialoge werden mit dem Techno lauter, hektischer, monotoner, werden repetiert, zuerst staccato und dann Chor, bis sie ganz unverständlich werden. Das Licht verpixelt die Bühne und alles Geschehen zur optischen Halluzination. Reizüberflutung, Filmriss.

Vernichtung2 560 Birgit Hupfeld uDie Krönung der Schöpfung? Jonas Grundner-Culemann (vorn), Sebastian Schneider, Lukas Hupfeld
© Birgit Hupfeld

Nach der Party folgt das Hangover: Die Vernichtung der Welt bleibt aus. Der einzige kritische Kopf unter den vier Menschenwesen tritt am Morgen nach der Party, quasi direkt aus dem Hangover, durch das Tor (epochaler Abgang mit Beethovens Eroica) und entledigt sich der ästhetischen Hülle, um dann, wirklich nackt, in das Paradies zurück zu kehren – infantil durch die Wiesen tollend, lächerlich vergnügt im Teich plantschend. Ist das jetzt das Selbst? Lässt sich da zweifelnd fragen, im Wissen, dass das Bedürfnis nach Echtheit, nach Authentizität in dieser dargestellten künstlichen Welt (der auf der Bühne und der anderen) wohl längst nicht mehr zu stillen ist.

Auf Distanz gehalten

Und das ist vielleicht das Überzeugende an Mondtags Inszenierung: dass sich alle empfundenen Schwachpunkte auf Inszenierungsebene trotzdem als Zeitkritik lesen lassen. Eine Zeitkritik allerdings, die durchaus komplexer und weniger angepasst an den geläufigen zeitdiagnostischen Mainstream hätte ausfallen dürfen, aber trotzdem trifft. Man kann einige von Mondtags Entscheidungen auf Gestaltungsebene hinterfragen und kritisieren, und landet letztlich doch beim Schluss, dass sie konsequent gesellschaftliche Realitäten abbilden: Effekttheater kopuliert mechanisch mit Diskurs und Pop-Philosophie. Ist es also eine zynische Persiflage der vermeintlichen intellektuellen Elite, die er im Visier hat? Die erstaunliche Langsamkeit und einige Längen in der Inszenierung – das thematisiert auch Leere und Langeweile der aktuell um die Dreißigjährigen. Der Lost Generation des Neoliberalismus?

Der strenge Fokus auf Form und Ästhetik statt auf sprachliches Elaborieren komplexer Inhalte – "passt wunderbar zur typischen sinnentleerten Oberflächlichkeit der westlichen Gesellschaft!" scheint die Inszenierung zu schreien. Die durch diesen Fokus auf Ästhetik und das Visuelle hergestellte emotionale Distanz zu den angesprochenen gesellschaftspolitischen Themen wie Migration und Rassismus – da genügt ein Blick ins mehrheitlich "weiße" Publikum um zu konstatieren: Trotz ihrer Dringlichkeit, schaffe ich, schaffen wir es doch immer wieder allzu gut, diese Themen zur emotionalen Alltagsrealiät auf Distanz zu halten.

 

Die Vernichtung
von Olga Bach und Ersan Mondtag
Text: Olga Bach, Regie, Bühne & Kostüme: Ersan Mondtag, Mitarbeit Bühne & Kostüme: Paula Weltmann, Dramaturgie: Eva-Maria Bertschy, Licht: Rainer Casper & Rolf Lehmann.
 Mit: Deleila Piasko, Jonas Grundner-Culemann, Lukas Hupfeld, Sebastian Schneider
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.konzerttheaterbern.ch

 

Kritikenrundschau

Sven Ricklefs fasst auf der Website von Deutschlandradio seinen Fazit-Beitrag aus der Premierennacht (15.10.2016) zusammen: Die Figuren bewegten sich wie Puppen und frönten "in einer geradezu verzweifelten Weise mit Sex, Drogen und der Stilisierung ihrer Körper". "Die Vernichtung" beeindrucke durch "klare visuelle Setzung". Anders als sonst bei Mondtags fast textlosen Arbeiten habe er gemeinsam mit Olga Bach und den Schauspielern einen Text entwickelt: Bach benenne die Langeweile dieser jungen Generation und die "Surrogate für das eigentliche Leben: Sex, Drogen, Sport". Die Figuren träten "nicht psychologisiert", sondern "als Gedankenträger und Bildelemente" auf. Nicht umsonst, wähnt Ricklefs, habe Mondtag als Inspiration zu Kirchner gegriffen. "Endzeitstimmung", der "Tanz auf dem Vulkan", das "Wissen um eine Bedrohung", vielleicht sogar die "Sehnsucht nach Vernichtung" seien Themen, "die zurzeit wieder auf der Hand liegen". Das versuchten Bach und Mondtag "auf eindrucksvolle Weise" in den Griff zu bekommen.

Lena Rittmeyer schreibt auf der Online-Plattform des Bund aus Bern (16. Oktober 2016): "Die Vernichtung" habe keine "eigentliche Handlung", sondern sei eine "lose Abfolge von verdrogten Dialogen zwischen Freunden – pendelnd zwischen Hobby-Philosophie und Party-Oberflächlichkeiten". Beides sei nur "schwer erträglich". Aber "gerade um die abstossende Lebensweise des hedonistischen Westens" solle es ja gehen. Der Text sei "reichlich moralisch". Mondtag rühre das "mit der grossen Kelle an", und das sei "auch diesmal erfreulich grössenwahnsinnig". "Echt" sei nichts, nicht die Kostüme zwischen Kirchner und Video-Game, nicht die Gespräche, die wie eine "verschobene Soundspur zum Bühnengeschehen" wirkten. "Angetrieben von einem sinnlosen Aktionismus bewegen sich die Nackten wie Karikaturen durch den Sehnsuchtsort." Allerdings werde der "innere Stillstand dieser Gesellschaft" auch zum "toten Punkt im Theater". Doch "wie in einem sozialen Vakuum extremistische Ansichten keimen, wird fassbar in dieser Inszenierung".

Kritiken zum Gastspiel beim Berliner Theatertreffen 2017

Dirk Pilz  schreibt in der Berliner Zeitung (22.5.2017): Dieser von Ersan Mondtag und Olga Bach erfundene Abend habe sich "zwar ein schillerndes Kleid übergeworfen, dabei jedoch als bestürzend belangloses Herumstochern im Zeitgeistnebel erwiesen". Der Inszenierung gelinge der Nachweis, dass man sich "zwar ausgiebig bei der Computerspielästhetik, dem Pop-Sprech und hippen Diskursschnipseln" bedienen könne und aber dennoch das "vermuffte Denken der 50er Jahre" zu reproduzieren vermöge. Dass hier "einmal mehr" die "These wiedergekäut" werde, die "terroristischen Gelüste erwüchsen geradewegs aus Gefühlen und Lebenslagen der Langeweile", lasse an der" intellektuellen Substanz" dieser "einfältigen Inszenierung gehörig zweifeln". Allen Ernstes beanspruche der Abend, "gesellschaftsanalytische Ansprüche", führe jedoch nirgends über seine "schlampig zusammengesammelten Befindlichkeitsschnipsel" hinaus. In "altväterlich säuerlichem Belehrungsmodus" wolle dieses Theater dem Betrachter die Augen öffnen – und verheddere sich "in einer simplen Abschilderungsästhetik". "Deprimierend belanglose anderthalb Stunden".

Katrin Bettina Müller schreibt auf taz.de (21.5.2017): Wenn die Schauspielerinnen zum Techno tanzen, "denkt man bei jedem Armheben, jetzt kommt der Hitlergruß, aber dann geht die Hand weiter hoch"... Nicht nur dieses "Vorbeischrammen an Symbolen" mache "Die Vernichtung" so "ungemütlich und beklemmend". Alles in der Bühnenlandschaft erinnere an etwas, jede Bewegung führt durch "ideologisch vermintes Gelände". "Antike, Romantik und eine Zombiewelt sind visuell präsent, während die Dialoge der Aufklärung und der Vernunft den Bankrott erklären." Die Dialoge von Olga Bach seien nur wenige banale Sätze, "die aber die Freundesclique als gut geölten Teil jenes Systems darstellen, das sie eigentlich dauernd als ausbeuterischen Machtapparat kritisieren". Weil die Dialoge wie eine bildunabhängige Tonspur mitliefen, während Bilder, Musik und Bewegungen ihr "jeweils eigenes Potenzial einer Ästhetik der Überwältigung" ausbreiteten, entstehe "doch ein bedrückendes Gefüge".

"Die Performance hat Kraft, sie ist bild- und lichtstark, aber textschwach. Olga Bach collagiert Partysprech, Politikparolenmüll, hedonistisches Alltagsgequatsche", resümiert Rüdiger Schaper im Tagesspiegel (22.5.2017). 

 

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