Im Hotel Horror

von Falk Schreiber

Hamburg, 15. Oktober 2016. Die Pension "Zur Wandernden Nase" ist eine ziemliche Absteige. Der schmuddelige Kaffeeautomat, der Haartrockner aus der Hölle, die Aufzüge, die knirschend abwärts fahren – Juli Balázs hat eine Bühne in den Malersaal des Hamburger Schauspielhauses gebaut, die wirkt, als ob Anna Viebrock sehr, sehr schlecht geträumt hätte. Einen winzigen Guckkasten, in dem alles beengt ist, verstaubt und vollgerümpelt, in dem jeder Stuhl und jeder Türknauf aussehen, als ob sie mit einer klebrigen Flüssigkeit überzogen seien und in der die Menschen einen unangenehmen Geruch auszuströmen scheinen. Und, ja, Balázs' Bühne ist ein Ereignis, das schon einen gewissen Teil der zweiten Hamburger Arbeit der ungarischen Theaterlegende Victor Bodo zu tragen im Stande ist.

Mythos vom betrogenen Betrüger

Vor eineinhalb Jahren hatte der Regisseur, damals noch unter dem Namen Viktor Bodó, am gleichen Ort Kafkas "Die Verwandlung" sehr frei als Ich, das Ungeziefer in eine durchaus politisch zu verstehende Kanalisation verlegt, jetzt folgt Nikolaj Gogol, dessen Erzählung "Die Nase" im Programmheft von Adam Soboczynski als Vorläufer von Kafkas Käfergroteske enttarnt wird. Nur dass in der Textfassung von Péter Kárpáti "Die Nase" nicht mehr als ein Motiv ist, das eher peripher neben weiteren Gogol-Stoffen auftaucht, namentlich der Komödie "Die Spieler".

Pension9 560 Thomas Aurin uAbgerissene Gestalten, sympathischer Haufen, der hier eincheckt: "Pension zur Wandernden
Nase" mit Andreas Grötzinger, Karoline Bär, Aljoscha Stadelmann, Samuel Weiss © Thomas Aurin

Der Falschspieler Wladimir mietet sich in der runtergekommenen Pension ein, freundet sich mit einer Gruppe abgerissener Gestalten an, die zunächst einen Gutsbesitzer ausnehmen wollen, sich dann aber auf dessen Sohn konzentrieren... Eine böse, burleske Geschichte ist das, die inhaltlich zwar wenig originell den Mythos vom betrogenen Betrüger aufwärmt, dabei allerdings mehrere Haken schlägt und im Laufe der Zeit eine eindrucksvolle Eskalationsmechanik entwickelt.

Sowjetunion verzocken

Eine Mechanik, die bei Bodo auf ein Ensemble aus großartigen Komödianten trifft: Samuel Weiss als Wladimir wechselt innerhalb von Sekunden zwischen Euphorie und Hoffnungslosigkeit, Ute Hannig legt ihre Pensionswirtin mit bösester Verhärmtheit an, Bastian Reiber ist das geborene Opfer zwischen Gutwilligkeit, Naivität und Selbstgerechtigkeit. Dazu rhythmisiert Bodo den Text geschickt, nimmt immer wieder das Tempo raus, wenn die Performance-Lust seiner Darsteller zu groß wird, durchbricht die Vierte Wand mit hanekehaftem Zwinkern ins Publikum, erzählt filmisch, wirft Schlaglichter, setzt gekonnte Blacks und lässt Klaus von Heydenabers Score mal skelettierten Jazz, mal hollywoodesken Suspence und mal trockenen HipHop antäuschen.

Pension1 560 Thomas Aurin uRichtung Abgrund in der "Pension zur Wandernden Nase" © Thomas Aurin

Über eineinhalb Stunden schnurrt die "Pension zur Wandernden Nase" also als überaus unterhaltsame Hotel Horror-Variation in den Abgrund, und erst kurz vor Schluss geht einem auf, dass diese auf allen Ebenen hochklassige Fingerübung ziemlich selbstbezüglich bleibt.

Im finalen Pokerspiel wird nonchalant die Sowjetunion verzockt, dann schlängelt sich der Stoff noch um eine letzte Kurve, und Wladimir ist mit einem Schlag der Gelackmeierte. Wir haben verstanden: Alles hier ist Komödie, und wo Komödie gespielt wird, sind auch nah an der Charge gebaute Figuren wie Michael Prelles stalinistischer Superspieler oder Andreas Krötzingers schmieriger Exilant Hans vertretbar.

Alles Komödie

Nur fehlt solch einer freundlichen Theater-im-Theater-Moral die analytische Schärfe, die Bodos Arbeit sonst auszeichnet. Man kann die "Pension zur Wandernden Nase" drehen und wenden wie man will, Kafkas "Ungeziefer" war 2015 über den theaterinternen Diskurs hinaus weit relevanter.

Immerhin, zum Schluss kehrt dann Gogols "Nase" doch noch einmal auf durchaus unbehagliche Weise zurück ins Stück. Das kleinkriminelle Umfeld, in das Wladimir da geraten ist, kennt nämlich keinen Spaß, wenn sein Opfer eine geforderte Summe nicht aufbringen kann, und zur Abschreckung werden in solchen Kreisen auch gerne mal Körperteile abgeschnitten. "Als Wladimir Iljitsch eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, spürte er in seinem Bett, dass ihm die Nase fehlte." Entschuldigung, falsches Stück.

Pension zur Wandernden Nase
von Péter Kárpáti, nach "Die Spieler", "Die Nase" und anderen Texten von Nikolaj Gogol, Deutsch von Sandra Rétháti
Regie: Victor Bodo, Bühne: Juli Balázs, Kostüme: Krisztina Berzsenyi, Musik: Klaus von Heydenaber, Tondesign: Gábor Keresztes, Licht: Andreas Juchheim, Dramaturgie: Sybille Meier, Anna Veress.
Mit: Karoline Bär, Andreas Grötzinger, Ute Hannig, Paul Herwig, Michael Prelle, Bastian Reiber, Aljoscha Stadelmann, Samuel Weiss.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

Heinrich Oehmsen schreibt im Hamburger Abendblatt (17.10.2016), Victor Bodos Gogol-Abend sei ein "grotesk-komischer Spaß" voller "überraschender Wendungen". Frech und frei gingen Bodo und das Ensemble mit den Texten von Gogol um. Ein Kartenspiel werde zur "politischen Farce", als der Profispieler dem Kremlchef gegenübersitze, der "nicht nur Länder wie Georgien, Weißrussland und Teile der Ukraine als Einsatz auf den Tisch bringt, sondern auch den Atomschlüssel". Manchmal wirke Bodos Inszenierung "so überdreht wie ein Tarantino-Film". Das Schauspieler-Ensemble sei "herausragend".

Till Briegleb schreibt in der Süddeutschen Zeitung (20.10.2016): Das schäbige Hotel sei von Juli Balázs so detailverliebt eingerichtet, dass man auf stille Wunder kleiner Effekte hoffe – "um dann mit illustrativem Tamtam entnervt zu werden". Die wodkaseligen Darsteller seien angetrieben zum maximalen Karikaturerlebnis, "und das ständig auf höchstem Alkoholpegel gehaltene Hysterieniveau verwandelt auch gute Einfälle in gepanschte Humorkrepierer". 

Bodo bringe eine temporeiche Groteske auf die Bühne, fast filmisch inszeniert mit Blacks und eingefrorenen Bildern, dazu viel Musik. Diese Technik werde, insbesondere, wenn die Spieler zocken, etwas überstrapaziert, die Grenze zum plumpen Witz manchmal überschritten, findet Katja Weise vom SWR (17.10.2016). Dennoch: "Bodo lässt viele Lesarten zu, auch eine politische, das ist das große Plus dieses unterhaltsamen, schwungvollen Abends."

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