Die flammende, die rote Fahne

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 16. Oktober 2016. Wenn in Österreich Neujahr wird, dann passiert im Radio zweierlei: Zuerst läutet die Pummerin, eine Glocke am Stephansdom, sodann ertönt der Donauwalzer. Ohne diese fröhliche Weltuntergangsstimmung zwischen Raketen und Böllern lässt sich das Musikstück von Strauss, dem Sohn, gar nicht denken. Insofern hält die Uraufführung von "Alles Walzer, alles brennt" die Ingredienzien für Hass-Liebe zu diesem Ösi-Land schon mit dem ersten pompösen Vorhangschwenk und den ersten fiebrigen Klängen der Streicher parat. "Jede österreichische Tragödie beginnt mit einem Pallawatsch und mit einer Schlamperei", sagte Otto Bauer, Austromarxist und Außenminister, im Jahre 1927. Und wiederholt Christoph Rothenbuchner als eben dieser hintergründig und mit roter Nelke im Knopfloch. Auf die großzügige Ergebenheit ins eigene, nicht ganz sooo bösartige Schicksal – das österreichische Stereotyp par excellence – verweist auch der Untertitel des Abends: "Eine Untergangsrevue".

Obwohl es sich bei Christine Eders Stück nicht um die Tragödie "Österreich" handelt, sondern um die schwierige Heldenerzählung "Rotes Wien" inklusive erweitertem Ende im Nationalsozialismus, hebt die Inszenierung, wenn nicht mit einer Schlamperei, so doch mit einem Holpern an. 1848 wird der "Erste Allgemeine Arbeiterverein" gegründet, 1874 findet der Gründungsparteitag der sozialdemokratischen Partei statt, 1883 wird Elisabeth Petznek, die rote Erzherzogin, Tochter von Kronprinz Rudolf, geboren und die Internationale Elektrische Ausstellung eröffnet. Diese und andere geschichtliche Fakten knallt das siebenköpfige Ensemble in wechselnden Kostümen und Rollen vor einem historischen Bühnenprospekt Richtung Publikum. Bis zur ersten Gesangsnummer von Eva Jantschitsch aka Gustav wird es dauern bis das Geschehen Fahrt aufnimmt, das Ensemble zueinander und zu wirklich sehr lässiger Komödie findet.

Es funkt-, es funkt-, es funktioniert!

Der Anfang des Abends ist ein mühsamer, nicht nur aufgrund der zu langsamen Übergänge, der zu wenig speziellen Anekdoten oder der zu früh und deswegen höchst pathetisch geschwenkten roten Fahnen, sondern weil er sich aufgrund der Besetzung, des Themas und der Theatermittel (wechselnde Rollen, komödiantische Interaktionen, faktenreiches Rampensprechen) in eine ziemlich große Bringschuld stellt.AllesWalzer1 560 Lupi Spuma uFahnen, Panzer, Gratis-Würstl: Das Rote Wien als Pallawatsch © Lupi Spuma

Eder und Jantschitsch haben schon bei der Proletenpassion 2015 ff. zusammengearbeitet. 1976 im Rahmen der Wiener Festwochen als Produktion von Heinz R. Unger und den "Schmetterlingen" uraufgeführt, wurde die Neufassung 2015 mit dem Nestroy für die beste Off-Produktion ausgezeichnet. Die Inszenierung "Alles Walzer, alles brennt" greift also auf Erprobtes zurück, fokussiert sich thematisch aber auf die Arbeitendenbewegung in Wien zwischen 1918 und 1934. Wo Musik, Fahnenschwenk und Geschichtserzählung von unten schon einmal bestes Agitprop ergeben haben, wird's wieder funktionieren? Wo einmal vollgeramschte, intime Off-Bühne war, wird’s im großen, teuren Volkstheater auch funken?

Aber ja doch: Es funkt! Es funktioniert vor allem das schusselig-fröhliche Dahinreden und Dahinblödeln der Schauspielenden auf ganz bemerkenswerte Weise. So motiviert Thomas Frank als stets stempelnder Wegbereiter des Austrofaschismus oder als ums eigene Wohl besorgter Beamter Lachen über das Schreckliche, ohne das Schreckliche zum bloß Blöden zu machen. So redet sich Steffi Krautz in ihre Rolle als Frauenrechtlerin Adelheid Popp mit unausgestellter Ernsthaftigkeit hinein. Und so begibt sich Katharina Klar aus einer historischen Kritik am österreichischen Schulsystem unschuldigst ins Heutige. Dass für Eder als Arrangeurin des Textmaterials (basierend auf: Victor Adler, Engelbert Dollfuß, Kaiser Franz Joseph, Karl Kraus, Julius Tandler, Wikipedia und anderen) und Regisseurin des Abends das Verstehen und Verhandeln von Inhalten und Witzen im Vordergrund steht, zeigen die vielen Texthänger, zeigen aber auch die vielen sublimen Schwenke aus der Vergangenheit in die Gegenwart. Rothenbuchner steht beispielsweise an anderer Stelle und in anderer Rolle mit einer blauen Kornblume im Knopfloch da. Die Worte "Norbert Hofer", "Erkennungsmerkmal" oder "Nationalsozialismus" fallen dabei nie. Die Inszenierung verfällt deswegen nie in die so einfach zu habende und so hundertmal schon gehabte FPÖ-Blödelei.

Du nächtig flammend-roter Mond

Eder und Jantschitsch haben ja auch ganz Anderes vor. Die Ablehnung und Ausstellung rechter Positionen passiert dabei eher nebenher. Im Vordergrund steht ein Besinnen auf linke Geschichte, auf die Errungenschaften des Roten Wien und auf ein stolzes Wir der "Arbeiter von Wien". Auch hier wird ein Faden ins Jetzt gelegt: Jan Thümer trägt als Victor Adler ein T-Shirt der "Outlaw Legend"-Kollektion, die es in der Siebdruckeria im austromarxistisch-traditionsreichen 16. Wiener Gemeindebezirk zu haben gibt. Dass es zwischen der schon vergangenen und der gegenwärtigen Geschichte zu potentiell gemeinschaftsstiftenden Momenten kommen kann oder dass Positionen als klare Parolen gefordert werden können, erscheint dem links-intellektuellen Milieu sonst ja eher als Indiz für rechtes Denken. Bei "Alles Walzer, alles brennt" flammt ein roter Mond am Himmelszelt, und wir dürfen hoffen: Alles wird gut!

 

Alles Walzer, alles brennt. Eine Untergangsrevue
Textcollage von Christine Eder
Regie: Christine Eder, Komposition, Liedtexte und musikalische Leitung: Eva Jantschitsch, Bühnenbild: Monika Rovan, Kostüme: Alice Ursini, Licht: Paul Grilj, Künstlerische Mitarbeit: Philipp Haupt, Dramaturgie: Regina Guhl/Angela Heide, Musik: Gustav, Rina Kaçinari, Oliver Stotz, Elise Mory, Didi Kern.
Mit: Thomas Frank, Katharina Klar, Steffi Krautz, Christoph Rothenbuchner, Jutta Schwarz, Jan Thümer, Luka Vlatkovic.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.volkstheater.at

 

Kritikenrundschau

"Schulen, ab ins Theater! So konkret kommt man dem Bildungsauftrag auf Bühnen selten nach", findet Margarete Affenzeller im standard (18.10.2016). Eder lasse Geschichte entlang einiger Protagonisten momenthaft auferstehen. "durch ihm aber auch ein Korsett umgelegt wird, und er ein Stück weit Opfer seiner aufklärerischen Vollführung wird: Man hakt als Zuseher die geschichtliche Narration mit ab – ähnlich wie die Akte bei Dramenklassikern. - derstandard.at/2000046035683/Alles-Walzer-alles-brennt-Es-tanzt-die-Erzherzogin-bis-sieWodurch ihm aber auch ein Korsett umgelegt wird, und er ein Stück weit Opfer seiner aufklärerischen Vollführung wird." ristine Eder pariert dieser Enge allerdings vorzüglich. Sie sorgt für ein lebhaftes Tempo, in dem die Illustrationen (u .a. Prospekte, Projektionen) schnell wechseln. Vor allem wird schauspielerisch aufgetrumpft! - derstandard.at/2000046035683/Alles-Walzer-alles-brennt-Es-tanzt-die-Erzherzogin-bis-sieChristine Eder pariere dieser Enge allerdings vorzüglich. "Sie sorgt für ein lebhaftes Tempo, in dem die Illustrationen schnell wechseln. Vor allem wird schauspielerisch aufgetrumpft!". ne manisch-frohlockende Stempelszene, wie sie Thomas Frank als Kanzler Dollfuß hinlegt, hat die Welt noch nicht gesehen. Auch schreibt der Enthusiasmustanz des sozialdemokratisch geflashten Finanzstadtrates Hugo Breitner (Christoph Rothenbuchner) Geschichte. - derstandard.at/2000046035683/Alles-Walzer-alles-brennt-Es-tanzt-die-Erzherzogin-bis-sieEine manisch-frohlockende Stempelszene, wie sie Thomas Frank als Kanzler Dollfuß hinlegt, hat die Welt noch nicht gesehen. Auch schreibe der Enthusiasmustanz des sozialdemokratisch geflashten Finanzstadtrates Hugo Breitner (Christoph Rothenbuchner) Geschichte.

Der Abend sei frech und schnell "und sieht auch ein bisschen aus wie mit sehr heißer kabarettistischer Nadel gestrickt – aber im Ergebnis funktioniert er gut und reißt sogar mit zu lang anhaltendem Jubel im Volkstheater", so Michael Laages auf dradio Fazit Kultur vom Tage (16.10.2016). Ein politisches Drama, das sicher auch gerade heute wieder erzählt werden müsse. Der Bürgerkrieg von 1934, zum Beispiel heißt es, sei viel schlimmer gewesen als der "Anschluss" an Nazi-Deutschland vier Jahre später, weil die brachiale Gewalt der heimischen Rechten gegen die Demokratie nicht vorhersehbar war. "Da ist 'Alles Walzer, alles brennt' plötzlich auch sehr aktuell."

Norbert Mayer von Die Presse (17.10.2016) sah "eine Show, erfrischend direkt und einfach wie ein Western, bei dem von Anfang an klar ist, wer die Guten und wer die Bösen sind". Die Sängerin Gustav sei ein Glücksgriff, denn die unter diesem Künstlernamen bekannte Sängerin und Komponistin, Eva Jantschitsch, mache mit ihrer Band den zweistündigen Abend zu etwas Besonderem. "Sie bietet Elegisches, Kämpferisches und Freches in raffinierten Songs, die der sonst manchmal leider auch etwas biederen Revue nötige Rhythmuswechsel und Glamour verleihen."

Georg Leyrer vom Kurier (18.10.2016) urteilt: "Klamaukig durchbrochener, ausnehmend schön musikalisch untermalter Frontalunterricht zum Thema rotes Wien – mit viel Nostalgie, die mehr Fragen aufwirft als beantwortet." Nostalgisch durchpflüge das Stück noch ein Mal jene Gräben, "die Österreich einst trennten und in denen es sich bis heute vor der Zukunft versteckt".

an kann die knapp zweistündige, süffige, handwerklich exzellente und informative Arbeit jedem Geschichtelernenden empfehlen. Schulen, ab ins Theater! So konkret kommt man dem Bildungsauftrag auf Bühnen selten nach. - derstandard.at/2000046035683/Alles-Walzer-alles-brennt-Es-tanzt-die-Erzherzogin-bis-sie

 
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