Scheitern bleibt persönlich

von Andreas Klaeui

Zürich, 22. Oktober 2016. Ein Mann unserer Zeit = ein gemachter Mann, seine Männlichkeit eine gesellschaftliche Konstruktion. Frau Schmitz ist eine gemachte Frau. Insofern ganz klar eine Frau unserer Zeit. Lukas Bärfuss entwirft in seinem jüngsten Stück das Szenario einer Transgender-Persönlichkeit, anfangs noch ohne operative Geschlechtsumwandlung.

Zur Mannwerdung nach Pakistan

Frau Schmitz lebt ein fröhliches Leben mit Frau und Tochter und mittlerer Arbeitsstelle – bis ihre Firma sie braucht und nach Pakistan entsendet, um dort nach dem Rechten zu sehen. Allerdings in Männerkleidern. Frau Schmitz tut dies mit überraschendem Erfolg und findet sich fortan wieder in einem turbulenten Quidproquo, in dem sie sich der Zudringlichkeiten des einen, der Vereinnahmungen des andern, der Aggressionen der dritten einzig erwehren kann, indem sie sich operieren lässt. Was allerdings nicht viel hilft – nach der Attacke eines verschmähten Bürokollegen mit einem antiken venezianischem Glaspokal hat sie ein zerschnittenes Gesicht und weiß sich nur noch zu helfen, indem sie sich abermals der Chirurgie unterzieht und eine "virilere" Fasson gibt.

FrauSchmitz2 560 Matthias Horn uZweideutig genug? Friederike Wagner (Frau Schmitz), Markus Scheumann; hinten: Susanne-Marie
Wrage, Lisa-Katrina Mayer, Dominik Maringer, Carolin Conrad © Matthias Horn

Was der Stoff sein könnte für eine flirrende, zeitgenössische Shakespeariade, bleibt in Zürich bemerkenswert schwerfällig und enttäuschend klamottig. Schön ist die Selbstverständlichkeit, mit der Frau Schmitz ihr Leben lebt; die Schauspielerin Friederike Wagner zeigt es mit bestechender Unaufgeregtheit. Es ist gut, dass Frau Schmitz mit einer Schauspielerin besetzt ist. Um Travestie soll es gerade nicht gehen. Lukas Bärfuss will das Scheitern einer Gesellschaft an ihren eigenen Codes zeigen. Nicht Frau Schmitz versagt, sondern die andern um sie herum.

Bis zur schlimmstmöglichen Wendung

Nur sind die alle derartige Knallchargen, dass es noch das empfindlichste Zuschauerherz kalt lassen muss. Der Saudi ist ein Tyrann, der Paki kulturell unterbelichtet. Der verliebte Kollege im Büro ein schweißhändiger Schleimer (Milian Zerzawy), der Rivale ein blockiertes Entchen (Gottfried Breitfuss), der Chef der fleischgewordene Machiavellismus (Markus Scheumann), die "Personalerin" ein Musterkatalog an Kantinenpsychologie (Carolin Conrad). An den Schauspielern liegt's nicht, sie schlagen sich tapfer, und bleiben doch Kleckse. Und am Ende gibt es dann doch auch noch die beruhigende Travestie – wenn der voluminöse Lambert Hamel für die letzten Auftritte, nach der Virilitäts-Operation, ins plissierte Kleid der Frau Schmitz schlüpft. Schade. Da hätte wohl mehr draus werden können, wenn der Autor sich nicht vorm Stoff gedrückt hätte.

Lukas Bärfuss ist ein Moralist. Nicht im Sinne, dass er ein Moralapostel ist (den gibt er manchmal auch), aber im französischen Verständnis des "moraliste" als eines, der sich mit den "moeurs", den gesellschaftlichen Gepflogenheiten befasst. Da stellt er sich in die Schweizer Tradition eines Friedrich Dürrenmatt, und da nimmt er sich gern die ganz großen Fragen vor – die Sterbehilfe, den Umgang mit Behinderten, die Entwicklungszusammenarbeit, das historische Gewissen. Und nun eben die Gender-Identität. Und wie schon Dürrenmatt verhandelt er seine Stoffe gern in der Form der Groteske: Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat.

Die Cis-Gesellschaft als Kabarett

Der Anspruch tritt auch bei "Frau Schmitz" klar zutage, doch löst er sich nicht ein. Klar, es gibt überraschende Wendungen und sicher gesetzte Pointen, etwa wenn sich einer "Blumenkohlohren" machen lässt, um männlicher zu wirken, oder wenn der Chef der Untergebenen attestiert: "Das ist Ihr persönliches Scheitern, und das will ich Ihnen auch gar nicht nehmen." Aber übers Ganze bleibt ein Hungergefühl. Lukas Bärfuss tippt die Problematiken nur an, als wäre er der Fragestellungen im Grunde überdrüssig. Frau Schmitz bleibt eine Leerstelle, die Cis-Gesellschaft Kabarett.

Barbara Frey inszeniert es so nüchtern wie möglich. Das Ensemble sitzt auf Stühlen an der Rampe, in den Dialogszenen werden sie herausgeleuchtet – fast immer sind es Zweier-, maximal Dreierszenen. Barbara Frey entwickelt daraus, was ihre große Stärke ist: Sie lässt ein Netz von Beziehungsfäden sich entspinnen. Nach Möglichkeit. Die Schauspieler füllen ihr textliches Requisitendasein mit maximaler Komödiantik, allen voran der hinreißend trockene Markus Scheumann. Aber aus der Anekdote eine gute Geschichte machen, können sie auch nicht.

Frau Schmitz
von Lukas Bärfuss, Mitarbeit Barbara Frey
Uraufführung
Regie: Barbara Frey, Bühne: Bettina Meyer, Kostüme: Bettina Walter, Licht: Rainer Küng, Video: Bert Zander, Dramaturgie: Andreas Karlaganis.
Mit: Friederike Wagner, Lambert Hamel, Susanne-Marie Wrage, Lisa-Katrina Mayer, Dominik Maringer, Markus Scheumann, Gottfried Breitfuss, Carolin Conrad, Milian Zerzawy, Henrike Johanna Jörissen.
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, ohne Pause

www.schauspielhaus.ch

 

Kritikenrundschau

"Barbara Frey und Lukas Bärfuss haben jedes Empörungspathos weiträumig umfahren und jede derb im Dreck wühlende Posse ebenso", hält Alexandra Kedves ihren Premiereneindruck im Zürcher Tagesanzeiger (24.10.2016) fest. "Lukas Bärfuss hat mit diesem Stück unser Arbeitsgestrampel, Beziehungsgehampel und Geschlechterstereotyping bis zur Kenntlichkeit verzerrt und zur Abnormitätenshow gesteigert. Und Regisseurin Frey bugsiert diesen hochgefreakten, hochgetunten Alltag in eine kluge, komödiantisch rhythmisierte Filmpersiflage. Das ist manchmal witzig, aber stets arg weit weg, in den Hügeln von Karachi oder so. Die Geschichte betrifft uns alle, bloss – sie trifft uns nicht."

Bärfuss habe dem Ensemble einen bemerkenswerten Abend geschenkt "wenn man gewillt ist, die Bedeutungshuberei in den Dialogen zu überhören", schreibt Daniele Muscionico in der Neuen Zürcher Zeitung (24.10.2016). "In erster Linie ist 'Frau Schmitz' ein Präsent für zehn Schauspielerinnen und Schauspieler des Ensembles, für sie hat der Dichter die Komödie geschrieben. Komödie? Sein jüngstes Drama ist ein Bastard, ähnlich wie bereits sein Stück 'Öl', eine Kritik am Wirtschaftsimperialismus, verzwergt zur bürgerlichen Ehetragödie. Zwar gebe Uraufführungsregisseurin Barbara Frey dem Abend eine klare Linie, das Thesentheaterhafte kann sie dem Stück aus Sicht der Kritikerin nicht ganz austreiben.

Michael Feller von der Berner Zeitung (24.10.2016) ist beeindruckt, "wie Bärfuss Themen wie Geschlechteridentität und falsche Toleranz mit Leichtigkeit und Witz auf die Bühne stellt". Barbara Frey führe mit einfachsten Mitteln Regie. "Szene um Szene wird das involvierte Personal per Scheinwerfer hervorgehoben. Viel mehr passiert nicht. Das wirkt gegen Ende der 100 Minuten etwas statisch, funktioniert aber dennoch." Weil Bärfuss seinen Figuren glasklare, dichte und wohlformulierte ­Sätze in den Mund lege – "und die Schauspieler ihre Rollen so gut verinnerlicht haben, dass sie auch sitzend die nötige Spannung halten".

Ganz anders Cornelia Fiedler in der Süddeutschen Zeitung (26.10.2016). Bärfuss diagnostiziere der Wirtschaft eine wahnhafte Fixierung auf Wandel als Selbstzweck. "Dieses Problem anhand von Genderfragen zu erzählen, wo bis heute starre Zuschreibungen dominieren, geht trotz netter Überraschungsmomente nicht auf." Frey setze "stark auf die Sprache". Dennoch gerate das Spiel "oft in einer Weise komödiantisch, die sexistische Klischees eher reproduziert als entlarvt."

Die puristische Fixierung der Schauspieler auf das Sitzen in einer Stuhlreihe sei dazu angetan, "das Ganze als thesenhafte Experimentieranordnung zu werten", so Bettina Schulte in der Badischen Zeitung (31.10.2016). Das allerdings klinge trockener, als es sei: "In seinen besten Momenten spitzt 'Frau Schmitz' die Befindlichkeit des biegsamen und allzeit disponiblen Arbeitsmarktteilnehmers mit abstruser Komik zu." Fazit: Barbara Frey beschere dem Publikum – nicht zuletzt wegen des glänzend aufgelegten Zürcher Ensembles – einen kurzweiligen und unterhaltsamem Abend.

 

 
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