Glasauge im Nirgendwo

von Martin Krumbholz

Bochum, 22. Oktober 2016. Wow! Wann hat man zuletzt einen Molière in historischen Kostümen gesehen, mit allen Fisimatenten, also Lietzen und Schleifen, Borten und Krägen, Perücken und Schuhen, ein Fest für die Augen? Das Kostümbild von Michael Sieberock-Serafimowitsch ist eine Ansage. Molière in seiner Zeit verortet, 17. Jahrhundert oder so. Lediglich Tartuffe selbst bildet eine halbe Ausnahme.

Das Outfit des Frömmlers predigt die Askese, härenes Gewand, Jesus-Latschen, struppiges Haar, Bandagen an Armen und Beinen (Ekzeme?), ein fettes Glasauge schielt bedeutsam ins Nirgendwo beziehungsweise nach der jungen Frau seines Freundes und Gönners Orgon.

Tartuffe3 560 DianaKuester uJürgen Hartmann als ungefährlicher Tartuffe, dahinter: Michael Schütz als Orgon und Daniel
Christensen als Cléante © Diana Küster

Betrügerische Reime

So weit, so attraktiv. Wie werden also Molières Alexandriner klingen, werden sie den Akteuren schön von der Zunge flutschen und dem geneigten Publikum in die Ohren schmettern? Teils, teils. Man spielt eine Übersetzung von Wolfgang Wiens ("Deutsche Fassung", heißt es im Programm, vielleicht hat Wiens sich seinerseits einer Übersetzung bedient), die gut gelaunten Bochumer Schauspieler versagen es sich aber nicht, auf die allfälligen Gereimtheiten, betonungstechnisch also sozusagen Ungereimtheiten anzuspielen, wenn sich beispielsweise "Schwiegersohn" auf "davoooon" reimen muss (oder ich fress dich).

Die Bühne (Thilo Reuther) ist nicht historisch. Sie ist seltsam undefiniert. Rechts und links prangen in großen Lettern die Worte "Ehre" und "Treue", später kommen andere Schlagworte hinzu wie "Pünktlichkeit", "Anstand", "Jungfräulichkeit", was auch immer uns das sagen soll. Man hat sie vermutlich aus einer von Tartuffes Predigten geklaubt. Wie lässt sich nun das Ganze spielerisch an? Nachdem Madame Pernelle (Anke Zillich) ihren stark gekürzten Sermon vor dem Eisernen Vorhang nicht an die Orgon’sche Mischpoke, sondern ans Publikum adressiert hat, nachdem Väterchen Orgon (Michael Schütz) aufgetreten ist, seine Ansage gemacht hat und die so schön verkleideten Familienmitglieder nach und nach vor Schreck aus den Latschen gekippt sind, nachdem also der Verblendungszusammenhang (herrliches Wort!) des Stücks hinreichend geklärt ist, fragt man sich, leidlich amüsiert, aber auch leicht nervös: Was wird kommen?

Komödie ohne Raf­fi­nes­se

Nun ja, Tartuffe wird noch auftreten. Er kommt ja spät, doch er kommt. Jürgen Hartmann mit Glasauge, eine bizarre Figur, aber ohne irgendein Geheimnis. Ein Hingucker, aber kaum gefährlich. Kein doppelter Boden. Und das ist das Problem dieser Inszenierung von Hermann Schmidt-Rahmer: Sie verkennt, dass eine gute Komödie – auf jeden Fall eine Komödie von Molière – auch einen tragischen Kern hat. Einen Stachel, der sich ins Gemüt oder in die Sinne des Zuschauers bohrt. Mit purer Aufklärung ist es nicht getan, dazu ist das didaktische Programm zu schmal. Bezeichnend, dass die berühmte Verführungsszene, wenn die Hausherrin Elmire sich Tartuffe scheinbar anbietet, während ihr Gatte Orgon unterm Tisch lauert, dass diese Szene ohne jedes Raffinement auskommt und völlig verpufft.

Tartuffe1 560 DianaKuester uDie Bühne von Thilo Reuther © Diana Küster

Der Gang der belanglosen Dinge

"Ehre" und "Treue"? Die müssten szenisch ausagiert und nicht bloß plakatiert sein.
Schmidt-Rahmer hat Brüche eingefügt, systematisch verfallen die Akteure in einen Kollegen-Ton und diskutieren den Gang der Dinge. Das reicht nicht aus, um Spannungen zu erzeugen oder auch nur irgendeine verfremdende Distanz zum Geschehen. Tatsächlich ist diese Inszenierung weder Fisch noch Fleisch. Weder hält sie sich schlicht an die Vorlage und erzählt die Geschichte plausibel nach, noch bewerkstelligt sie eine konsequente Übermalung, etwa eine Diskussion des Stoffs mit modernem Vokabular. Die aufgeklärtesten Figuren des Stücks, die Zofe Dorine (Xenia Snagowski) und Orgons Schwager Cléante (Daniel Christensen), stechen auch schauspielerisch hervor. Aber der denkbare Ansatz, die beiden zu Epizentren der Aufführung zu machen, bleibt auf einem Viertel des Wegs stecken.

Seinen letzten Auftritt absolviert Tartuffe auf einem Balloon Dog von Jeff Koons. Der Effekt ist so beliebig wie vieles an diesem Abend. Die Kostüme von Michael Sieberock-Serafimowitsch (noch mal sein Name, er hat’s verdient) retten ihn nicht.

 

Tartuffe
von Molière, deutsche Fassung von Wolfgang Wiens
Regie: Hermann Schmidt-Rahmer, Bühne: Thilo Reuther, Kostüme: Michael Sieberock-Serafimowitsch, Licht: Bernd Felder, Dramaturgie: Olaf Kröck, Video: Fabian Hoffmann.
Mit: Jürgen Hartmann, Michael Schütz, Anke Zillich, Raphaela Möst, Kristina Peters, Matthias Eberle, Daniel Christensen, Roland Riebeling, Xenia Snagowski, Bernd Rademacher.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.schauspielhausbochum.de

 

Kritikenrundschau

Kostümbildner Michael Sieberock-Serafimowitsch habe die Familie in der ganzen Herrlichkeit des 17. Jahrhunderts ausstaffiert: "glänzende Fräcke, lüstern ausladende Reifröcke, wippende Korkenzieherlocken", so Dorothea Marcus vom Deutschlandfunk (23.10.2016). Und obwohl hier, ästhetisch gesehen, so schwelgerisch dem Historischen gefrönt werde, führe der Regisseur die verblödete, selbstverliebte Gesellschaft von heute vor, die ihren falschen Verführern auf den Leim gehe. "Ein lustiger, trauriger Abend, der einen Spiegel vorhält und doch keine Rezepte bereithält."

"(W)enn dieser Theaterabend so glänzend funktioniert, ist das nicht zuletzt das Verdienst dieses trefflich zusammenarbeitenden Ensembles", lobt Rolf Pfeiffer vom Westfälischen Anzeiger (23.10.2016). Lustvoll teste die Inszenierung aus, was in einer gut geölten, burlesk überzeichnenden Komödie möglich sei. "Screwball, Sitcom, Comedy: Alles drin, ein großes, schenkelklopfendes Amüsement."

Sven Westernströer von Der Westen (24.10.2016) zufolge, habe Schmidt-Rahmer eine sehenswerte, handwerliche solide Aufführung mit nur wenigen aktuellen Bezügen geliefert. "Ein Schattenbild des AfD-Politikers Björn Höcke (Bühne: Thilo Reuther) ist der einzige Hinweis darauf, dass Schmidt-Rahmer seine Aufführung gern für Politiker-Bashing nutzen würde." Ansonsten dürfe sich der Zuschauer über 100 Minuten Molière de luxe freuen mit prächtigen Kostümen, wohlgesponnenen Intrigen und hinreißenden Darstellern. "Allen voran: Jürgen Hartmann."

Kommentar schreiben