Amoklauf mein Einfühlspiel

von Shirin Sojitrawalla

München, 27. Oktober 2016. Dieser Abend funktioniert wie das sprichwörtliche Pfeifen im Walde: Wird die Angst zu groß, sucht sie sich ihre Kanäle, um zu entweichen. Dabei war ursprünglich alles verhältnismäßig harmlos angedacht. Yael Ronens erster Ausflug an die Münchener Kammerspiele war als eine Art Fortsetzung ihrer Erotic Crisis geplant. Unter dem Titel "Point Of No Return" wollten sie und ihr Ensemble unserem Liebesleben in Zeiten des Internets (Dating-Apps und Cyber-Sex) nachspüren.

Mitten hinein in die Stückentwicklung schoss dann Amokläufer David S. in München um sich, und plötzlich gab es erst einmal nur noch ein Thema in der Stadt. So konnte es geschehen, dass aus einem Abend über Sex einer über Angst wurde. Über die Angst vor dem Terror, die Angst vor dem Tod, die Angst vor der Repräsentation und die Angst vor der Zurschaustellung.

Wo Fuchs und Bambi neurotisch werden

Wolfgang Menardi hat dafür eine mörderisch schräge Bühne in die Kammerspiele gebaut und sie mit Spiegelwänden umstellt. Darauf sind die anfangs in Skianzügen und Straßenschuhen steckenden Schauspieler und Performer zu Beginn alle mit einem Seil gesichert und verbunden. Aneinander gekettet, ringen sie sichtlich angestrengt um Haltung und Standfestigkeit. Im Hintergrund grünt Restwald, ein Bambi lugt heraus, und daneben lauert ein Fuchs. In ein ähnliches Spannungsverhältnis versetzt die Inszenierung auch die Zuschauer: Heimeligkeit kontra Gefahr im Verzug.

Pointofnoreturn1 560 David Baltzer uFünf Personen erkunden ihre Befindlichkeit: Dejan Bućin, Niels Bormann, Damian Rebgetz,
Wiebke Puls und Jelena Kuljić © David Baltzer

Im ersten Teil wirft das Ensemble persönliche oder vermeintlich persönliche Blicke zurück auf den Münchener Amoklauf vom 22. Juli. Wiebke Puls erzählt da etwa, wie sie mit ihren Kindern im Theater war, und zwar im Zuschauerraum. Für sie – "Rampe Mitte!" – schlimm genug. Dabei dreht sich Wiebke Puls in eine herrlich zickige Divenhaltung hinein, die damit spielt, sich im selben Moment zu zitieren und zu verarschen. Das selbstreferentielle Spiel mit der eigenen Biografie und den wahrscheinlichen oder täuschend echten Neurosen gebiert in der ersten halbe Stunde die komischsten Pointen. Die Sängerin und Schauspielerin Jelena Kuljić wirft sich dabei energisch in die deutsche Sprache, während Niels Bormann das macht, was er meist macht: trotzige Pointen wie Verwünschungen in den Saal schicken. Dabei touchiert das Ensemble die Grenzen des sogenannten guten Geschmacks mit Lust.

Dem Grauen ins Maul starren

In einer späteren Szene, "Choreography of Dying" überschrieben, wird dann ein Video, das mutmaßlich vom Tatort des Einkaufszentrums stammt (ganz genau war das von meinem Randplatz aus nicht zu verfolgen) auf den Bühnenboden projiziert, und die Mitglieder des Ensembles versuchen, sich tänzelnd in die Bewegungen der Täter und Opfer zu fügen. Peinliches Schweigen hängt auf einmal im Saal. Wie soll man das finden? Geschmacklos? An jenem Tag sind neun Menschen gestorben. Hier indes fühlt man sich ein.

Bevor einem das zu viel werden könnte, beschwert sich der immer wieder schön beleidigte und beleidigende Damian Rebgetz darüber, dass er als Toter in dieser Szene kein kleines bisschen Text habe. Und genau dieses Spiel beherrscht der Abend perfekt: dem Grauen ins Maul zu starren und dabei die eigene kleine Befindlichkeit über das Elend der Welt zu stellen.Pointofnoreturn2 560 David Baltzer uDarf man den Terror nachspielen? Dejan Bućin, Jelena Kuljić, Niels Bormann (mittig)
und Damian Rebgetz © David Baltzer

Daraus ergibt sich ein böser wahrer Abend, der es versteht, seine Zuschauer zu unterhalten – und zu beschämen, indem er ihnen buchstäblich den Spiegel vorhält. Das geht nicht ohne unangenehme Momente vonstatten, wobei sich das Unangenehme auch aus ungeklärten moralischen Fragen ergibt. Was darf man auf der Bühne zeigen? Wo hört der Spaß auf?

Gesetze der Sensationsgier

Diese neuralgischen Punkte im Zusammenspiel von Wirklichkeit und theatraler Umsetzung nehmen Yael Ronen und ihr Ensemble gleichzeitig ernst und auf die Schippe. Dabei erweist sich der Abend als so heterogen wie sein Ensemble, zu dem neben den Erwähnten auch noch Dejan Bućin zählt. Sprachen, Kostüme und Masken, Bewegungen, Musik (samt zweier düster cooler Songs, die der Ausweglosigkeit furchtlos ins Auge blicken) fügen sich zu anregend disparaten 90 Minuten.

Vordergründig mag es dabei um die Angst gehen, darüber hinaus aber beäugt die Inszenierung die Mechanismen unserer Schaulust, die seit jeher den Gesetzen der Sensationsgier gehorcht. So macht sich Ernüchterung, wenn nicht gar Enttäuschung breit, als Wiebke Puls bei ihrem Versuch, auf Befehl zu weinen, kaum eine Träne zustande bringt. Und beim einen oder anderen eben leider auch, wenn sich ein Terrorangriff bloß als Amoklauf erweist. Nur eine der bitteren Wahrheiten, die im Gelächter des Abends nicht untergeht.

 

Point Of No Return
von Yael Ronen und Ensemble
Regie: Yael Ronen, Bühne: Wolfgang Menardi, Kostüme: Amit Epstein, Sounddesign: Yaniv Fridel, Licht: Jürgen Tulzer, Musik: Yaniv Fridel, Dramaturgie: Johanna Höhmann, Recherche/künstlerische Mitarbeit: Bastian Zimmermann.
Mit: Niels Bormann, Dejan Bućin, Damian Rebgetz, Wiebke Puls, Jelena Kuljić.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Kritikenrundschau

Britta Schultejans von der Welt (28.10.2016) hält den Abend für einen "wichtige(n) Beitrag gegen die Hysterie". Ungeheuer eindringlich und vor allem mit entlarvendem Humor zeige das Stück, wie sich an dem Mehrfachmord unbeteiligte Menschen vor allem Sorgen um das Bild machten, das sie abgeben, über die Rolle, die sie an diesem denkwürdigen Abend spielen wollten. "Schade ist nur, dass Regisseurin Ronen sich nicht auf die Kraft der Satire verlässt, sondern Darsteller Bucin in aller Breite referieren lässt, was statistisch gesehen eine größere Gefahr darstellt als der globale Terror – nämlich so ziemlich alles." Diese "etwas platte Moralkeule" hätte es gar nicht gebraucht.

"'Point Of No Return' fragt danach, was das Theater für ein seltsamer Ort ist, an dem Gefühle gefakt werden, um Empathie-Effekte zu erzielen", meint Christoph Leibold von Deutschlandradio Kultur (27.10.2016). Das Theater stelle sich hier in Frage, stelle zugleich aber auf wunderbare Weise dessen Stärke unter Beweis. Das habe sicher etwas mit der Unverfrorenheit zu tun, mit der Ronen akute Schmerzpunkte unserer Gegenwart aufspüre.

"Point Of No Return" sei "ein sympathischer, erstaunlich komischer, sehr kreativer und zumeist auch kluger Theaterabend, der zwar über die dunklen Tiefen des Themas und die realen Toten, die es bei der Schießerei im OEZ zu beklagen gab, allzu forsch hinwegwitzelt. Der aber durch die Auflösung vielerlei Ängste im Gelächter auch etwas Befreiendes hat", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (29.10.2016). Das "selbstreferenzielle Spiel mit der eigenen Rolle" habe "Charme und Verve" und mache "das Theater selbst zum Thema: das Theater als Gefühlsmanipulationsraum, in dem professionell gelitten, geweint und gestorben und dann wieder aufgestanden und um die beste Rolle, den tiefsten Ausdruck gerungen wird."

"Geschichte gesehen durch ein Temperament, durch viele Temperamente – diese Form der Kunstproduktion funktioniert an diesem sehr kurzweiligen, frenetisch umjubelten Abend", meint K. Erik Franzen in der Frankfurter Rundschau (29.10.2016), nicht zuletzt dank der "markanten Technik von Ronen: von hinten durch das Zwerchfell ins Gehirn." Franzen fragt, ob die Aufführung auch "eine kollektive Therapiesitzung für alle Anwesenden" sei. "Ja, kann man so sehen. Aber geschickt bindet Ronen immer wieder das alltäglich Hiesige rück ans große Ganze, mit Verweisen auf Kriege, Grausamkeiten, Ungerechtigkeiten gerade auch außerhalb deutscher und europäischer Grenzen."

"Point Of No Return" sehe zuweilen "wie durchaus peinlich privatistisches Brettl aus, aber die Vollverspiegelung des Bühnenraums signalisiert unmissverständlich die Meta-Ebene: Wir wollen nur spielen und wenn ihr uns zuseht, seht ihr vor allem euch selbst", schreibt Mathias Hejny im Münchner Abendblatt (29.10.2016). "Und so erklären die Bühnenkünstler ihr Handwerk, das sie zweifellos beherrschen: Das Theater als Fabrik der gefälschten Emotionen. Das wird maliziös und launig demonstriert am Verprügeln eines vermeintlichen Attentäters, politischer Korrektheit bis man nicht mehr laufen kann, dem Bericht eines Folteropfers aus Eritrea oder der Fähigkeit, auf Knopfdruck zu weinen. So ruht das Theater wieder einmal in Frieden und in sich."

 

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