Fiesling auf der Trommel

von Stefan Schmidt

Hamburg, 29. Oktober 2016. Der Hamburg Dungeon, eine Mischung aus kompaktem Freizeitpark und Gruselkabinett, kündigt dieser Tage eine neue Horrorshow aus den Tiefen der Stadtgeschichte an: Die Rache einer Gequälten soll den amüsierwilligen Besuchern dargeboten werden, ein Fluch aus der Vergangenheit, der nachhallt in die Gegenwart. Eine andere Gespenstergeschichte mit historischen Bezügen hat jetzt schon ein paar Tage vorher am Thalia Theater Premiere gehabt: Shakespeares "Richard III." in der Regie von Antú Romero Nunes.

Untote

Darin ist schon von Beginn an klar, dass wir es größtenteils mit umherspukenden Untoten zu tun haben: Gestalten mit weißen Kinnbandagen, kalkig getünchten Gesichtern und schwarz umrandeten Augen, gekleidet in verfremdete Restbestände dessen, was vielleicht die englische Königin Elisabeth I. mal modisch gefunden haben mag, auch wenn die Monarchin wohl doch an den Details einzelner Bein- und Unterkleider Anstoß genommen hätte (etwa an Leggings im Militarylook und ausgefransten Spitzen à la Addams Family). Alles mit augenscheinlich großer Liebe zum augenzwinkernden Detail zusammengebastelt von Kostümbildnerin Judith Hepting.

Richard-Darsteller Jörg Pohl trommelt diese Zombiegesellschaft auf der Bühne zusammen. Er wird für die kommenden Stunden den Rhythmus vorgeben, auch wenn sein übergroßes Schlaginstrument gerade mal nicht präsent sein sollte. Er, der Fiesling, "dieses stinkende, hinkende Schwein", wie ihn seine Mutter einmal nennt, ist der Lebendigste von allen. Wohl auch weil er verstanden hat, dass mit dem ganzen "Friedenstrallala" in dieser Welt kein Spaß zu haben und auch kein Vorankommen möglich ist. Die anderen wissen das mutmaßlich auch – aber nur er traut sich, skrupellos nach dieser Erkenntnis zu handeln.

Böses Tier

Und so reißt er sich die Kinnbandage vom Kopf und legt los, gibt dem Publikum und der Bühnengesellschaft mit Lust die Drecksau: Jörg Pohl sabbert und stiert, humpelt, lauert und kauert, hechelt wie ein Hund, turnt herum wie ein Affe (ein böses Tier, wie Shakespeare seinen Richard vom restlichen Personal beschreiben lässt) und bringt nebenbei mit leichter Hand zentrale Teile seiner Sippschaft um die Ecke, intrigiert und lässt meucheln, um selbst König zu werden. Er spielt mit den Menschen in seiner Umgebung. Er spielt mit dem Publikum. Manchmal genügt ein Blick, eine Geste. Ein fieser Widerling! Und ein anziehender noch dazu.

Richard017 560 krafft angerer hJörg Pohl und seine Trommel: "Richard III." in Hamburg  © Krafft Angerer

In einer grandios eindringlichen Szene verbildlicht die Inszenierung, wie es dieser missratene, dreiste schmale Irrwisch von einem Nachgeborenen überhaupt schaffen kann, sein ganzes Umfeld ins Verderben zu schicken – und den Staat gleich mit: Richard wirbt um Lady Anne, die weiß, dass er ihren Mann getötet hat. Und natürlich weist sie ihn zunächst angewidert wie entsetzt zurück – nur um sich im selben Moment von diesem Teufel in Menschengestalt aufgeilen zu lassen: Sie reißt ihm die Kleider vom Leib, entblößt ihn, macht ihn scheinbar schutzlos. Anfangs hält sich Schauspieler Jörg Pohl auch noch pflichtschuldig die Hände zwischen die Beine, aber dann zeigt er doch, was er hat: nicht zuletzt ein provokantes Totenkopftatoo im Leistenbereich. Und dann küssen sie sich, und sie schlagen sich. Richard trumpft auf, macht sich klein, provoziert, schmeichelt, schlägt sich selbst mit einem Holzschwert wieder und wieder auf den Kopf. Ein physischer und psychischer Zweikampf überzeugender Schauspieler, Lisa Hagmeister und Jörg Pohl, den aber auf der Handlungsebene nur einer gewinnen kann: Richard.

Assoziationen

Shakespeare hat mit ihm eine Figur geschaffen, die die Textvorlage genauso dominiert wie die meisten Inszenierungen auf ihrer Grundlage. Kenneth Branagh, Ulrich Wildgrube, Al Pacino, Armin Rohde, Richard Burbage, Laurence Olivier – die Besetzungsliste der Platzhirsche in dieser Rolle ist lang. Jörg Pohl ist als Richard lässig verspielt, dämonisch leicht, wahnsinnig gut. Auch ohne plakative Verweise auf Bösewichter und Horror-Clowns der Gegenwart (oder der näheren Vergangenheit) holt er die Figur spielerisch locker ins 21. Jahrhundert. "Peitscht dieses Pack zurück ins Meer", wird er gegen Ende mit Shakespeare und mit Blick auf Angreifer aus der Bretagne, auf "Abschaum aus dem Süden" rufen – und mit einem jahrhundertealten Text wie nebenbei Assoziationen an Parolen unserer Tage wecken. Bestes Schauspielertheater, in dem man sich klug gruseln (und nebenbei: Spaß haben) kann.

Zombiezirkus

Regisseur Antú Romero Nunes geht regelrecht verschwenderisch mit seinem starken Ensemble um. Viel mehr braucht er nicht, um eine dichte Atmosphäre zu schaffen und diesen Abend zum Erfolg zu bringen: ein paar schwarze Vorhänge, die variabel und verschiebbar von oben herab wehen, eine Windmaschine, kaltes, indirektes Scheinwerferlicht, ein paar Schwerter, einiges an gespenstischem Kunstnebel (Bühne: Florian Lösche). Und natürlich: die riesige Trommel. Sie erklimmt Jörg Pohl wie ein übermütiges Kind im rasant erzählten zweiten Teil als Thron. Und dann geht der Zombiezirkus in die Vollen. Etwas mehr von diesem Tempo hätte auch dem ersten Teil des Abends gut getan, der nach zupackendem Start besonders unmittelbar vor der Pause vor lauter Intrigen und Flüchen zeitweise unnötig statisch wird und lahmt.

Insgesamt aber gelingt dieser Hamburger "Richard" als gespentischer Theaterzauber, der sich mit seinem auftrumpfenden Hauptdarsteller auch am Südufer der Themse sehen lassen könnte. Da lag (und liegt wieder) Shakespeares Globe. Und das Royal National Theatre. Und – ganz in der Nähe – auch so ein Dungeon-Gruselkabinett. Zu all diesen Orten scheint es an diesem Hamburger Premierenabend auch von der Alster aus nicht weit zu sein. Das Thaliaensemble verwischt auf geradezu gespenstische Art und Weise die Grenzen von Zeit und Raum und erweckt tote Machtspieler zu neuem Leben. Verflucht gut.

 

Richard III.

von William Shakespeare
Deutsch von Thomas Brasch
Regie: Antú Romero Nunes, Bühne: Florian Lösche, Kostüme: Judith Hepting, Musik: Johannes Hofmann, Licht: Paulus Vogt, Kampfdramaturgie: Klaus Figge, Dramaturgie: Matthias Günther.
Mit: Lisa Hagmeister, Mirco Kreibich, Thomas Niehaus, Jörg Pohl, Paul Schröder, Catherine Seifert, André Szymanski, Victoria Trauttmansdorff.
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause

www.thalia-theater.de

 

Kritikenrundschau

Josef Joffe schreibt in der Zeit (3.11.2016): "Richard wird zum hechelnden Clown, die Tragödie, der subtile Shakespearesche Witz zum Slapstick, noch dazu mit Stilmitteln, die vor vierzig Jahren, bei Peter Zadek und Eva Matthes, das Bürgertum enragiert hatten." Heute sei der splitternackte Richard nur noch zum Gähnen, genauso wie es die Kunstblut-Fontänen sind. Die Avantgarde sei zum Konventionellen verkommen, so überraschend wie ein Metronom und so spießig wie die drei F: "Furzen, Fögeln, Fergewaltigen. Dazu das ewige Gebrüll, das Leidenschaft suggerieren soll." Shakespeares Text werde verdreht, verfälscht und misshandelt.

"Das Regie-Theater macht einmal einen Abend Pause", bemerkt Alexander Kohlmann von Deutschlandradio Kultur (30.10.2016). "Es geht hier nicht um die Identifikation mit irgendwelchen Rollen, sondern um die textnahe Realisierung des Shakespeare-Plots im Original-Format." Eine Zeitlang mache diese ungezügelte Spielfreude frei von jedem konzeptionellen Überbau Spaß, "(d)och spätestens nach der Pause vermisst man dann doch so etwas wie ein Konzept, eine Idee, einen Zugriff". "Die Figuren, die da auf der Bühne stetig weiter durch den Text stolpern und rollen, gehen einen nicht wirklich etwas an."

Falk Schreiber schwärmt im Hamburger Abendblatt (30.10.2016) von einer "atemberaubenden Schauspielerleistung". Dabei gehe unter, "dass Nunes' Regie auf weite Strecken wenig eigene Haltung zu Shakespeares Vorlage entwickelt". Er arbeite zwar mit Ironie, aber diese Ironie breche nichts, "sie überspielt nur die Tatsache, dass hier recht vorlagengetreu eine Geschichte nacherzählt wird". Im Grunde sei dieser 'Richard III.' zutiefst konventionelles Theater, "das nicht nur mit den clownhaften Masken näher am schminkeverliebten Formalismus eines Robert Wilson gebaut ist als man zunächst denken würde".

"Ein großer Theaterabend mit einem Jörg Pohl zum Niederknien", so jubelt Heide Soltau im NDR (30.10.2016). Pohl spiele "den Richard grandios, als listigen, trotzig-charmanten, ungestümen, jugendlichen Taktierer". Nunes habe "einen außergewöhnlichen Richard" inszeniert, "spielerisch-leicht", ganz auf die Schauspieler abgestimmt. Das  "Publikum darf und soll lachen über das, was auf der Bühne geschieht, und nicht vergessen, dass die Schauspieler dort oben spielen. Sie verschmelzen nicht mit ihren Figuren, sondern treten immer wieder aus ihren Rollen heraus."

Die Möglichkeiten, "Richard III." auf aktuelle Politik zu beziehen, habe Regisseur Antú Romero Nunes "konsequent ignoriert", berichtet Klaus Irler in der taz (31.10.2016). Er schicke die Figuren "historisch geerdet, aber futuristisch verfremdet" ins Rund. "Nunes' Talent besteht darin, die Lacher und die Tragödie so zusammenzuführen, dass beide nebeneinander bestehen können." Gleichwohl sei die "Aussagekraft" des Leidbildes dieser Inszenierung vom Horrorclown Richard "begrenzt", denn sie "reicht nur so weit, dass der Shakespeare-Text eine gewisse Leichtigkeit bekommt – und die Titelrolle ihren Facettenreichtum."

Die Frage bei Romero Nunes' "Lacherfolg" sei weniger, "ob man diese berühmte Tragödie ins Komische umstülpen darf, sondern ob das Sinn ergibt mit einem rundum sympathischen Harlekin", so Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (2.11.2016). Kurz: nein. Pohl könne alle möglichen Witzhelden und Superschurken "in diesem dreistündigen Reißaus vor dem Ernst so spritzig imitieren und ineinanderblenden, dass er den Snapshot-Award für Spaß-Zitate verdient hat. Böse aber ist dieser Richard so wenig wie männlich und erwachsen."

 
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