Fünf doppelte Lottchen

von Michael Laages

Schwerin, 30. Oktober 2016. Als Frank Castorf gerade Intendant geworden war an der Ostberliner Volksbühne, markierte dieses Theater mehr als jedes andere auch die Echos auf die unterschiedlichen Formen von Widerstand, die es im komplexen Unterdrückungssystem der DDR gegeben hatte; und die Erinnerung war ja noch ganz frisch. Gern sprach der Regisseur, Jahrgang 1951, über eine der zentralen Strategien der eigenen Generation – im Protest gegen die eigenen Väter, die sich eingerichtet hatten im Verrat all jener Ideen, die die junge DDR mitbegründet hatten; und mit diesen Vätern war auch "Vater Staat" persönlich im Visier. Der nachgetragene Widerstand trug auch innerfamiliäre Züge.

Kleine Schwester ohne Brüder

"Ab jetzt ist Ruhe oder Die fabelhafte Familie Brasch", Patrick Wengenroths Theater-Projekt nach dem Roman von Marion Brasch, der jüngsten Tochter des 1989 verstorbenen DDR- und SED-Funktionärs Horst Brasch, ist diese Erinnerung an den frühen Castorf wert. Denn die Geschichte der eigenen Familie, die die Rundfunk-Journalistin Brasch 2011 als persönliche Erinnerung in Romanform fügte, spiegelt sehr genau Castorfs Gedanken von damals – drei Brüder und die kleine Schwester arbeiten sich auf unterschiedliche Weise am schwer zugänglichen, aber natürlich auch geliebten Vater ab.

AbjetztistRuhe2 560 Silke Winkler u Eine Familie fast nur aus Toten: Vincent Heppner, Martin Neuhaus, Andreas Anke © Silke Winkler

Thomas Brasch, geboren 1945 noch im englischen Exil kurz nach der Heirat des im englischen Exil zum Judentum konvertierten Katholiken Horst Brasch mit der emigrierten Wiener Jüdin Gerda, ist der älteste Sohn und wird als Schriftsteller der berühmteste; fünf Jahre später folgt Klaus, der von den großen Regisseuren der DDR in den 70er Jahren, Fritz Marquardt etwa oder Christoph Schroth, als eines der großen Talente des jungen DDR-Theaters gerühmt wird, aber nur 30 Jahre alt wird – er stirbt schon 1980 an Suff und Tabletten.

Jede/r kann Erzähler/in sein

Wieder fünf Jahre später folgt Peter; er bekommt später, wie Bruder Thomas, die geballte Kraft der Staatsgewalt zu spüren und hält sich als Schriftsteller mit Hörspielen für Kinder über Wasser; Thomas und er sterben 2001. Bleibt Marion (geboren 1961) als Chronistin. Sie hat "Die fabelhafte Familie Brasch" begraben und überlebt, sie erzählt jetzt von ihr.

Patrick Wengenroth, vertraut vor allem als oft selbst recherchierender Projekt-Regisseur an der Westberliner Schaubühne, behält Marion Braschs Gestus der Erzählerin konsequent bei; kontert diese tendenziell allzu dokumentarische Grund-Position aber mit sehr effektiven Ideen. Während die Autorin immer von sich berichtet in den innerfamiliären Beziehungen, die Familienaufstellung also immer die Perspektive der Tochter beibehält, schlüpfen alle Ensemble-Mitglieder immer mal wieder in die Rolle, die eigentlich ja den beiden jungen Frauen Stella Hinrichs und Jennifer Sabel gehört – sie spielen zunächst im akkurat gleichen Schlafanzug des Nesthäkchens im Hause Brasch quasi zwei Doppel-Lottchen. Aber jeder und jede kann die Erzählerin sein, Doppel-Lottchen also gibt's mal fünf.

Am meisten Thomas, am wenigsten Klaus

Zwei reifere Herren, Andreas Anke und Martin Neuhaus, sind in Mascha Mazurs Kostümen ebenfalls absolut gleich ausgestattet und ähneln einander obendrein auch sonst beträchtlich – irgendwann werden Sohn Thomas und der Vater im finalen großen Showdown der beiderseitigen Hassliebe feststellen, wie ähnlich sie einander doch sind … genauer: die Erzählerin stellt das fest. Und wir sehen es.

AbjetztistRuhe3 560 Silke Winkler u Zwei Zwillingspaare: Andreas Anke, Martin Neuhaus, Jennifer Sabel, Stella Hinrichs © Silke Winkler

Als fünfte Spielfigur changiert Vincent Heppner zwischen den Geschlechtern; er übernimmt etwa auch des Vaters zweite Ehefrau nach Mutter Gerdas Tod 1975. Aber immer nur für einzelne Szenen wird klar, wer gerade wer ist. Zugegeben: Das ist ein bisschen anstrengend – hält aber Marion Braschs Erzählung in weitaus dynamischerer Bewegung als es das Erzählen allein leisten könnte. Denn so muss das Publikum die widerständigen Geister im Hause Brasch immer auch suchen im Text; den bedeutenden Thomas finden wir sehr oft, den unglücklichen Schriftsteller-Bruder Peter schon seltener, den Schauspieler Klaus nur sehr rudimentär. Wer Fritz Marquardts Erinnerungen über Klaus Brasch nachliest, bedauert das am meisten …

Der Vater als ungelöstes Rätsel

Massiv ist die Vater-Figur. Und rätselhaft bleibt sie auch. Immerhin hat Horst Brasch, damals noch stellvertretender Kulturminister, den ältesten Sohn ja angezeigt, als der die DDR in Frage stellte – der Vater selber fiel in der Folge aber auch die Nomenklatura-Leiter hinab. Manchmal schreit er, dass er die Kinder nicht versteht; oft steht er schweigend und rauchend am Fenster – was in ihm vorgegangen sein muss, als er eigene Träume genauso verriet wie Teile der Familie, weiß die Tochter nicht; und sie spekuliert auch nicht. Sie sieht und zeigt das ungelöste Rätsel eines Politikers in der DDR.

Mazurs Bühne ist derweil ein Wassergrundstück, vielleicht im Ostberliner Promi-Viertel Hessenwinkel am Dämeritzsee; überraschend und recht spektakulär kommt auch mal ein Kahn herein gerudert, und die Ruderer tragen Totenmasken. In solchen Momenten ist Wengenroths Inszenierung auch ein wenig Mühe anzumerken.

Matze Kloppe spielt dazu am Klavier: DDR-Songs, Randy Newman, zum Schluss Neil Young – "Rock'n'Roll will never die". Da sind alle tot, und die Erzählerin verteilt 2002, zur Zeit der Euro-Einführung, Neujahrsrosen auf den verschiedenen Gräbern. Familie Brasch hatte und hat keine gemeinsame Ruhestätte; im Leben nicht, und auch nicht im Tode.

Ab jetzt ist Ruhe oder Die fabelhafte Familie Brasch
nach dem Roman von Marion Brasch
Regie: Patrick Wengenroth, Ausstattung: Mascha Mazur, Musik: Matze Kloppe, Dramaturgie: Nina Steinhilber.
Mit: Andreas Anke, Vincent Heppner, Stella Hinrichs; Martin Neuhaus, Jennifer Sabel, Matze Kloppe.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.mecklenburgisches-staatstheater.de

 

Kritikenrundschau

Patrick Wengenroth gestalte mit fünf Spielern und einem Musiker "eine Essenz des Romans, gleichsam ein Requiem in Pop-Art", so Manfred Zelt von der Schweriner Volkszeitung (1.11.2016). Der Spielrhythmus lasse an Beat denken. "Quasi in harten, knappen Takten das extreme Leben der Brüder, das dem Vater die Karriere kostet, Streit, Zerfall, Todesfälle und der ungebrochene Lebensmut der Schwester." Es sei ein "Karussell heftiger Emotionen".

 
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