Workingman's Death

von Gerhard Preußer

Oberhausen 4. November 2016. Oberhausen ist nicht Grimethorp, das Ruhrgebiet ist nicht South Yorkshire. Aber eine ähnliche Geschichte haben die Regionen schon. Stahlproduktion und Kohleabbau waren die Grundlagen. Und die sind weg. Oberhausen wurde zur Stadt mit der höchsten Pro-Kopf-Verschuldung in NRW, Grimethorp zur ärmsten Kommune in Großbritannien. Grund genug, sich im Vergleich mit den Ursachen zu befassen.

Das Oberhausener Theater hat sich im letzten Jahr der Intendanz von Peter Carp dazu den Roman "GB84" von David Peace vorgenommen: die Geschichte des britischen Bergarbeiterstreiks von 1984 als Krimi. Zur Einübung in ihr künftiges Amt als Leiterin der Ruhrtriennale hat die Dramatisierung Stefanie Carp besorgt. Die krisengeschüttelten Konglomerationen der englischen Midlands sind passendere Vergleichsobjekte für die mitte- und mittellose Metropole "Ruhrstadt" als Berlin oder Paris.

Der Streik

David Peaces Roman ist ein ambitionierter, semifiktionaler 460-Seiten-Krimi in einem hochartifiziellen, extrem verknappten, manchmal verrätselnden Stil. Tagebuchartige Monologe zweier streikender Bergarbeiter werden kombiniert mit Handlungssträngen auf der Ebene der Gewerkschaftsführung und der Regierung, mit historischen Figuren als Vorbildern: Der "Präsident" ist Arthur Scargill, der Führer der Bergarbeitergewerkschaft; Terry Winters ist Roger Windsor, deren Geschäftsführer; "der Jude" ist David Hart, der maßgebliche Berater Margaret Thatchers im Streik. Neben diesem dokumentarischen Strang läuft aber auch ein äußerst spekulativer, der lose an die reale, undurchsichtige Geschichte des Mordes an der Anti-Atomkraftaktivistin Hilda Murrell angelehnt ist, in die der britische Geheimdienst verwickelt gewesen sein soll.

Untergang einer Klasse

In Deutschland ging der Prozess des Zechensterbens ziemlich synchron mit dem in Großbritannien vor sich, aber ganz anders. Die Gewerkschaft (IGBE) kooperierte und bemühte sich um ein "sozialverträgliches Auslaufen des Bergbaus". In Großbritannien, wo der Bergbau verstaatlicht war, war die National Union of Miners (NUM) die Speerspitze des Widerstands gegen Thatcher. Der Streik endete nach einem Jahr mit einer vernichtenden Niederlage der Bergarbeiter. Die Zechen wurden noch schneller geschlossen als vor dem Streik geplant. Das war der Untergang einer Klasse. Thatcher hatte ihre radikalsten Gegner besiegt. Seitdem regiert die neoliberale Wirtschaftsideologie die Köpfe und die "soziale Moderne" ist beendet. Und das dumpfe Grollen der geschlagenen britischen "working class" war noch in der Brexit-Entscheidung dieses Jahres zu hören.

GB84 3 560 Birgit Hupfeld uGanz unten: Jürgen Sarkiss (rechts), links: Torsten Bauer, Hartmut Stanke
© Birgit Hupfeld

Stefanie Carp hat das raffiniert unübersichtlich gezwirnte Handlungsgeflecht des Romans ausgedünnt, in Kurzszenen zerlegt, die allzu britischen Anspielungen implizit erklärt. Aber auch die Bühnenfassung ist mehr Kriminalgeschichte als historische Analyse. Peter Carp als Regisseur kann da wenig mehr tun als zu arrangieren. Zunächst prangen nur fünf prächtige, gestickte Banner von lokalen Gewerkschaftsbezirken aus South Yorkshire auf der Bühne. Dann sind auf der Bühne fünf Schauplätze angedeutet: der Küchentisch des Bergarbeiters, ein Hotelsofa, das Besprechungszimmer der Gewerkschaft, der Schreibtisch des Geschäftsführers, ein Lotterbett für seine Seitensprünge.

Für Charakterzeichnung keine Zeit

Zügig werden die Szenensplitter aneinandergereiht und überblendet, vieles wird von den Figuren an der Rampe dem Publikum nur berichtet – und es dauert dennoch lange. Die Gestik aller bleibt opernhaft stereotyp. Für Situationsdefinition oder gar Charakterzeichnung bleibt keine Zeit. Nur Jürgen Sarkiss als Terry Winters leistet sich manchmal einen Anflug von Humor. Weiter, weiter, Geschichte wird erzählt. Da sind die eingespielten originalen Videos von der Schlacht von Orgreave, in der sich 5000 Bergarbeiter und 5000 Polizisten gegenüberstanden, von Roger Windsors Umarmung Gaddafis oder von Maggie Thatchers Rede nach dem Bombenanschlag in Brighton noch herbeigesehnte Abwechslung. Weder der Roman noch die Bearbeitung sind neutral: Die Bergarbeiter sind die tragischen Helden und Scargill und Thatcher die mit Hybris geschlagenen Antagonisten.

GB84 1 560 Birgit Hupfeld uDer kleine Mann muss die Zeche zahlen. Bühne: Manuela Freigang, Natascha Nouak © Birgit Hupfeld

Der dokumentarische Teil weckt Interesse, Mitgefühl, auch als Erzählung. Das kriminalistische Geheimdienstgetue dagegen bleibt unmotiviert, unverständlich, überflüssig. Erst zum Schluss, als die Bühne schon fast leergeräumt ist, findet die Inszenierung ein Bild: vom Schnürboden kommt schwach beleuchtet die Arbeitskleidung der Bergarbeiter herab, Helme, Jacken, Hosen, Schuhe, wie Puppen ohne Körper: die geschlagenen Kumpel, eine Armee von gesichtslosen Erhängten.

 

GB 84 - Der große Bergarbeiter-Streik in Großbritannien 1984/85
Uraufführung nach dem Roman von David Peace
Bühnenfassung von Stefanie Carp
Übersetzung: Peter Torberg
Regie: Peter Carp, Bühne: Manuela Freigang, Natascha Nouak, Kostüme: Gabriele Rupprecht, Sound & Vision: Jan-Peter E.R. Sonntag, Dramaturgie: Rüdiger Bering.
Mit: Janna Horstmann, Torsten Bauer, Thieß Brammer, Henry Mey-er, Jürgen Sarkiss, Hartmut Stanke, Peter Waros, Michael Witte, Klaus Zwick.
Dauer: 3 Stunden 10 Minuten, eine Pause

www.theater-oberhausen.de

 

Kritikenrundschau

Wolfgang Platzeck schreibt auf Der Westen, der Website der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (6.11.2016): Der von Scargill und Thatcher betriebene "Kampf um England" lasse den Zuschauer "seltsam unberührt" – für die "moralisch unakzeptablen Schachzüge der Politik", die "illegalen Geheimdienstaktionen", für den "die Eskalation bewusst schürenden Einsatz der Polizei", für die "Machenschaften der Gewerkschaftsführer" gebe es bei uns einfach nichts "Vergleichbares". Peace lasse die Personen reden oder denken. Carp lasse sie noch mehr reden, so dass die exzellenten Darsteller umso weniger Gelegenheit zum Spielen hätten. Ein "langatmiges Hörspiel", das unklar bleibe, weil schon die Romanvorlage "unklar" sei.

Klaus Stübler schreibt auf RuhrNachrichten.de, der Website der Ruhrnachrichten (6.11.2016): Ihn hat die dreistündige Uraufführung begeistert. Die "beiden Carps" ließen den Stoff in "rasch wechselnden Kurzszenen und Monologen als Politthriller lebendig werden". Fünf über der Bühne hängende, "prächtig gestickte Banner verschiedener Gewerkschaftsbezirke" sowie "originale Videobilder" aus dem Jahr 1984 verliehen dem Ganzen "Authentizität".

"Stefanie Carp gelingt es überraschend gut, die wichtigsten Handlungszüge zu erhalten, obwohl sie geradezu barbarisch kürzen musste", schreibt Ralf Stiftel vom Westfälischen Anzeiger (8.11.2016). Auch das Ensemble meistere die Herausforderung souverän. Das Ergebnis: "Hochleistungstheater, das den Zuschauer vielleicht mit der Fülle der Informationen überfordert, andererseits aber packend den Kampf gegen den Strukturwandel als Bürgerkrieg mit epischen Ausmaßen vorführt."

 

 
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