Im Sog der Ambivalenzen

von Andreas Klaeui

Biel-Solothurn, 30. April 2008. Man soll nie seinen Rucksack unbeaufsichtigt am Bahnhof stehen lassen. Schon gar nicht neben einem Bankomaten. Imad ist das passiert; jetzt sitzt er in Untersuchungshaft, allein in einer Zelle, einer unsichtbaren observierenden Instanz gegenüber. Und müsste doch längst wo anders sein, nämlich bei seinen Freunden Tammy, Jan und Kuhn, die mit ihm üben wollen für das Standesamt am nächsten Morgen. Imad soll Tammy heiraten, um bei Jan bleiben zu können. Die Freunde haben mit der Probe schon angefangen – wo haben Sie Imad kennen gelernt, was für ein Parfum hat er, was trug er bei der ersten Begegnung?

Szene für Szene enthüllen sich dabei ihre Beziehungen untereinander und zu Imad, und Szene für Szene setzt Simon Froehling die drei wartenden Freunde und Imads Monologe in Gefangenschaft einander gegenüber. Immer klarer werden die Geschichten und immer unklarer die Verhältnisse. Imad kommt aus Ägypten; eine klassische Scheinehe.

Schwulsein in Ägypten

Aber warum will er eine Frau heiraten? Nur als Konzession seiner Familie gegenüber? Wollte er weg aus Ägypten, weil er Jan liebt, oder musste er raus: raus aus dem Land, in dem Schwule offiziell nicht existieren und Männer, die mit andern Männern beim Sex erwischt werden, brutaler Repression ausgesetzt sind, wie wir spätestens seit der Queen-Boat-Razzia wissen, wo im Mai 2001 über fünfzig Männer auf einer schwimmenden Diskothek im vornehmen Kairoer Viertel Zamalek verhaftet und anschließend geschlagen und gefoltert wurden? Liebt Imad Jan? Oder hat er gezielt im Internet jemanden gesucht, der ihm die Ausreise ermöglicht? Ist er überhaupt schwul? Und wie stehen Jan und Kuhn zueinander? Was hat Tammy für eine Funktion in dieser Konstellation?

Immer ambivalenter wird die Freund-Materie, immer komplexer die Beziehungen der Figuren untereinander, bis man sich fragen muss: Was ist Wahrheit? Wie weit lassen sich Geschichten überhaupt objektivieren, zum Beispiel wenn aus dem Theater des Lebens plötzlich (juristischer) Ernst wird? Jan Philipp Gloger folgt in seiner Uraufführungsinszenierung dieser Dramaturgie der Ambivalenzen und treibt sie genussreich auf die Spitze.

Liberal-urbane Spaßgesellschaft

Die anfängliche Probe für den Standesbeamten zeigt er als Theater im Theater, mit Scheinwerfer auf der Bühne, Jan in Regisseurspose (Max Merker), Tammy als Tammy-Darstellerin (Katja Tippelt) und das Theaterpublikum als Publikum. Offensiv wird die vierte Wand niedergerissen; die Zuschauer machen mit: Sollte Tammy beim Sich-erinnern nicht etwas mehr zögern? "Ja!" Ist das nicht doch zu schwul, so ein Halstuch mit Paisleymuster? Gelächter.

Bühnenbildnerin Bettina Kraus hat für die beiden Spielorte – U-Haft und Tammys Einzimmerwohnung – zwei hintereinander liegende identische Räume geschaffen, getrennt durch eine verspiegelte Wand. Imad hinter der Trennwand als "Feindmaterie" für die Projektionen der obskuren Sicherheitskräfte; vorne als Material für die aufgeklärten, liberalen urbanen Spassgesellen.

Wunderkühle Liebeserklärung

Anfangs tigert Imad (Oliver El-Fayoumy) hinter der Glaswand in der Zelle hin und her, seine Stimme ist nur über Lautsprecher zu hören – die notorische Situation von "Gegenüberstellungen" wie im Fernsehkrimi. Später adressiert auch er seine Rede an die unsichtbare Überwachungsinstanz ans sichtbare Theaterpublikum und nimmt es gleichsam seinerseits in Haft. Auch hier geraten die Hierarchien ins Schlingern.

Jan Philipp Glogers Regie lässt sich mitreissen vom analytischen Sog des Textes, ohne freilich in Hektik zu geraten. Er schneidet die widersprüchlichen Stimmungen hart gegeneinander, findet aber auch immer wieder Ruhepunkte, poetische Momente von betörender Lakonie wie in jenem Monolog Jans, in dem die Beschreibung von Kairo zur wunderkühlen Liebeserklärung wird.

Oder in dem hinreißenden Paartanz Jans mit dem abwesenden Imad, Imads mit dem abwesenden Jan zu Amr Diabs Musik: Habibi, ya nour el ain – Mein Liebling, Licht meiner Augen, Du lebst in meiner Fantasie. Oder in der melancholischen Fermate am Schluss des Abends, die alle Verhältnisse noch einmal neu mischt und noch einmal alles offen lässt – kurz: Es ist die intelligente Inszenierung eines intelligenten Textes.


Feindmaterie (UA)
von Simon Froehling
Regie: Jan Philipp Gloger, Bühne und Kostüme: Bettina Kraus. Mit: Max Merker, Günter Baumann, Katja Tippelt und Oliver El-Fayoumy.

www.theater-biel.ch
  

Mehr über Simon Froehling oder Jan Philipp Gloger? Froehling hat zum letzten Teil der Deutschland-Saga an der Berliner Schaubühne ein Kurzdrama, Mashup, beigetragen. Jan Philipp Gloger hat in München eine gefeierte Inszenierung von Philipp Löhles Genannt Gospodin abgeliefert und in Augsburg einen sehr gelobten Clavigo.

Kritikenrundschau 

Dagmar Walser bespricht auf dem Schweizer Radiosender DRS 2 (30.4.2008) die beiden Uraufführungen Froehlings von "Fremdmaterie" in Solothurn und im Rahmen des Festivals "auawirleben" in Bern von "gibt sie antwort atmet er?", die kurz hintereinander stattgefunden haben. Über "Feindmaterie" sagt sie: je länger das Stück dauere, desto mehr Fragen entstünden "und dies zeigt der junge Regisseur Jan Philipp Gloger sehr geschickt, indem er das Publikum in die Pflicht nimmt. Man wird direkt angesprochen, wird zum Beobachter und erfährt eben selbst, am eigenen Leib quasi, wie schwer es ist mit ambivalenten Situationen umzugehen. Ein sehr schöner, kluger Abend." Es sei "gesellschaftskritisch" zu verstehen, mit "welcher Selbstverständlichkeit" Froehling das "theaterübliche Personal, also mitteleuropäisch, weiss, heterosexuell", ausweite auf "schwule Realitäten". Andererseits interessiere sich der Autor "immer sehr für die Begrenztheit unserer Wahrnehmung, für die Anfälligkeit von Kommunikation". Dabei gehe er immer "sehr menschlich" vor. "Simon Froehling mag seine Figuren – egal was sie machen, woher sie kommen, wie ambivalent sie sind. Da ist eine Liebe zu Menschen zu spüren."

In der Neuen Zürcher Zeitung (2.5.2008) schreibt Tobias Hoffmann: In Froehlings Stück, obschon es in Ägypten spielt, gebe es "Exotik nur als Klischeevorstellung" in den Köpfen der Figuren und denen der Zuschauer. In "handwerklicher Hinsicht" sei das Stück "überdurchschnittlich": Die "knappen, aber nicht kargen Dialoge sitzen ohne Abstriche; sie umreissen die Situation und die Figuren ohne jede Geschwätzigkeit." Regisseur Gloger nehme sich Zeit "bis zur Eskalation" und lege auch "Witz" und "Poesie" frei. "Sein offensichtlich unbefangener Zugriff auf den Stoff hat zu einer kompakten, eleganten und bei aller Direktheit beinahe entspannten Inszenierung geführt", welche "die Qualitäten des Stücks" zu "voller Wirkung" bringe.

In der Solothurner Zeitung (2.5.2008) schreibt Roland Erne: Fernab von "Klischees und Platitüden" richte Froehling den Blick auf die "eigene Generation und deren Alltag zwischen Liberalität und Zwang". Gloger habe eine "luzide Uraufführung" geboten, "geradlinig" sei seine "textnahe" Regie.

Im St. Galler Tagblatt (3.5.2008) schreibt Irene Widmer: Regisseur Jan Philipp Gloger habe "Froehlings intelligentes und hochpoetisches Stück kongenial umgesetzt". Ein "Boden aus Eisschollen" erinnere stets daran, "dass die Figuren einzubrechen drohen". Neben "allem Reden" spiele "das Ungesagte eine grosse Rolle – Zwischentöne, die das Ensemble unter Glogers Anleitung famos" auskoste.

 
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