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Im Lichtkäfig

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 13. November 2016. Es war die Hitze. Sie hat Meursaults Sinne vernebelt. Mehr kann er nicht sagen dazu, warum er den "Araber" am Strand erschossen hat. Ohne Mordmotiv, ohne Anlass. So dass das Gericht ihn am Ende auf Basis seiner vermeintlichen Gefühllosigkeit nach dem Tod seiner Mutter als Mörder verurteilt.

Diese schreckliche Hitze. Im Studio der Schaubühne ist sie nicht heiß, sondern hell. Philipp Preuss übersetzt sie synästhetisch in weißes Licht. Drei Meursaults stellt er in einen nach vorne offenen Käfig aus Neonröhren. Wenn es so richtig heiß wird, korrespondieren leise Zikadengeräusche mit dem Flackern der Röhren, und an den Seiten werden noch zwei Spots aufgeblendet, die den Zuschauer*innen in die Gesichter strahlen, so dass sie ihre Blicke für einen Moment von den drei Grauanzugträgern auf der Bühne ablenken müssen. Und Meursaults durch die Hitze gestörte Wahrnehmung quasi kurz am eigenen Leibe erleben.

Chaos im Kopf

Auf der Bühne ist sonst nichts; und so pur wie der schwarze Boden, der im Laufe des Abends nur mit ein bisschen Wasser (übrigens, es ist heiß!) bekleckert wird, ist auch die Textfassung, die Philipp Preuss von Iris Becher, Bernardo Arias Porras und Felix Römer vortragen lässt. Die Erzählung des "Fremden" ist gekürzt und ein bisschen in der Reihenfolge durcheinandergeschüttelt, wie um ihn näher an uns ranzuholen: Chaos im Kopf ist der menschliche Normalfall, und Meursault ist normierter als er denkt.DerFremde 560 thomasaurin uIn flirrender Hitze: Bernardo Arias Porras © Thomas Aurin

Auch ist er ja, anders als er denkt, nicht allein. Sondern zu dritt. Aber die drei Spieler teilen sich nicht die Figur auf, sondern nur den Text, und halten diesen heilig. Also bleibt die Integration des Fremden in eine soziale Sphäre doch nur zaghafte Andeutung. Außerdem steigern sich die Darsteller im Bemühen, das Hin- und Herreichen der Erzählung nicht langweilig werden zu lassen, in eine Originalitätsakrobatik hinein: Sie führt zwar in guten Momenten zu charmanten Illustrationen des existentialistischen Anliegens von Inszenierung und Stoff – immer wenn Meursault sich eine Zigarette anzündet, wird die Nebelmaschine (neben ein paar Wasserflaschen das einzige Requisit) hervorgeholt und pafft überdimensionierte Rauchschwaden. In schlechten wirkt sie aber manieriert, und auf die Dauer wird sie selbst arg langweilig.

Wenn Meursault die Buchstaben ausgehen

Die dramatischen Höhepunkte entstehen zuverlässig da, wo andere Figuren die Erzählung betreten: Zum Beispiel wenn Meursaults Totenwache am Sarg seiner Mutter beschrieben wird und Iris Becher sich virtuos in die Greisinnen aus dem Altersheim hineingrimassiert, die der Mutter ihren letzten Besuch abstatten. Im Text wird der unwirklich helle Raum beschrieben, in dem der Sarg steht, und für einen Moment sind die drei Camus-Recken ganz zuhause in ihrem Neonröhrenkäfig.DerFremde1 560 thomasaurin uCamus-Recken im Neonröhren-Käfig: Iris Becher, Felix Römer,
Bernardo Arias Porras © Thomas Aurin

Es geht aber keine Konzentration aus von diesem oder anderen guten Momenten, stattdessen wird weiter herumgespielt. Am interessantesten sind die Experimente mit verschiedenen Störeffekten, wie um die Stringenz des ja eigentlich paradoxen Mitteilungsbedürfnisses von Meursault im Keim zu ersticken. (Warum erzählt er das alles? Wem eigentlich? Wenn doch nichts eine Bedeutung hat als die Hitze.) So betonen die drei Spieler zwischendurch fünf Minuten lang Wörter auf der falschen Silbe und lassen einzelne Buchstaben weg, als seien sie fehlerhafte Automatenstimmen. Aber auch hier bleibt's beim Ansatz, der in der nächsten Szene der genüsslichen Camus-Rezitation geopfert wird – mit geradezu kitschiger musikalischer Untermalung, die auf einmal doch wieder eine Dramatik herstellen soll.

Kein Fall Meursault

In den letzten Monaten ist eher Kamel Daouds postkolonialistische Entgegnung auf Camus' Roman, "Der Fall Meursault", inszeniert worden als "Der Fremde" selbst (von Johan Simons als "Die Fremden" bei der Ruhrtriennale, von Amir Reza Koohestani an den Münchner Kammerspielen). Nichts in Philipp Preuss' Inszenierung verweist auf diesen neu eröffneten Diskurs. Das muss ja auch nicht sein. Aber einen etwas entschiedeneren Zugriff hätte es schon gebraucht, um den Original-"Fremden" irgendwo außerhalb seines kleinen Lichthitze-Käfigs zu verankern. Wo er zu Staub zerfällt.

 

Der Fremde
von Albert Camus
Deutsch von Uli Aumüller
Regie: Philipp Preuss, Bühne und Kostüme: Ramallah Aubrecht, Dramaturgie: Bettina Ehrlich.
Mit: Bernardo Arias Porras, Iris Becher, Felix Römer.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schaubuehne.de

 

Kritikenrundschau

"Aber was soll uns das, heute?", fragt Ute Büsing am Ende ihrer Kritik für Inforadio (14.11.2016). "Sie fallen sich ins Wort, ergänzen sich, sprechen chorisch und karikieren auch schon mal Rechtsvertreter und Pfarrer. Die Chronologie der Romanvorlage wird durcheinander gewirbelt." Mineralflaschen "säumen" die Bühne und werden für "Mätzchen" eingesetzt. "Insgesamt doch eher Hör- als Theater-Spiel."

"Warum nur?", fragt Christine Wahl im Tagesspiegel (14.11.2016). "Camus’ 1942 erschienener Roman 'Der Fremde' gehört zu jenen Prosatexten, die wirklich so gar kein bisschen nach einer Bühnen-Adaption schreien. Bei Philipp Preus gibt es nun dennoch "neckische Plansch-Choreografien und heitere Hebefiguren". "Oder es ackert lustig die Nebelmaschine." Aber selbst die "aparten Wasserspielchen" täuschen  nicht darüber hinweg, dass dieser Abend "keinen überzeugenden Grund für seine Bühnen-Existenz" liefert.

Eine "einfallslos als deklamatorische Choreographie eingerichtet(en)" Abend sah Irene Bazinger für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (15.11.2016).  Preuss habe "den Ablauf des Romans verändert" und neu "verwoben, "als misstraue er sowohl Camus' Dramaturgie als auch seinem eigenen Inszenierungspotenzial. Ein ästhetischer Mehrwert stellt sich (..) nicht ein." Eigentlich sei der Abend "nicht lang". Dennoch wirke er "unschön länglich."