Das beste Orchester der UdSSR kommt aus Bayern

von Willibald Spatz

Ingolstadt, 16. November 2016. Es gibt Dinge, von denen man nichts weiß, obwohl sie in der unmittelbaren Nähe existieren. Und plötzlich erfährt man von ihnen, und sie sind eine kurze Zeitlang unheimlich wichtig. In Ingolstadt gibt es seit über 25 Jahren ein georgisches Kammerorchester, das über die Stadt hinaus bekannt ist. Aber kaum einer weiß, warum es einen solchen Klangkörper in Bayern gibt.

Die Tatsache allein ist eine Steilvorlage für ein Dokumentartheaterprojekt. Das Stadttheater Ingolstadt hat sich dafür mit dem Theaterkollektiv werkgruppe2 um die Regisseurin Julia Roesler und die Dramaturgin Silke Merzhäuser zusammengetan. Die haben sich auf dokumentarische Theaterprojekte mit Musikschwerpunkt spezialisiert und besitzen ebenfalls überregional einen guten Ruf.

die georgier2 560 c Jochen Klenk uIngolstädter Schauspieler spielen Ingolstädter Musiker aus Georgien © Jochen Klenk

Aus mehr als 20 Interviews mit ehemaligen und aktiven Mitgliedern haben sie einen Theatertext destilliert, der die Geschichte des Orchesters nachzuzeichnen versucht. Gesprochen wird er von fünf Schauspielern, die sich im Lauf der Vorstellung zu klar umrissenen Figuren entwickeln, obwohl ihre jeweiligen Sätze aus unterschiedlichen Interviews stammen. Da gibt es Ältere, die seit Beginn in Deutschland dabei waren und andere, die erst später dazu stießen.

Was bei allen anfangs befremdet, ist der Akzent, mit dem sie sprechen, weil sie deutsch sprechende Georgier nachahmen. Daran muss man sich gewöhnen. Er fällt bei den Jüngeren schwächer aus, weil sie ja früher im Leben deutsch gelernt haben. Natürlich befinden sich auch echte Musiker auf der Bühne, die eigentlich der Zuschauerraum des Festsaals ist, gewöhnlich die Spielstätte des Kammerorchesters. Wenn später einer der Musiker das Publikum anspricht, weiß man wenigstens, dass der Akzent einigermaßen authentisch ist.

Durch die ganze Welt nach Ingolstadt

Die Georgier waren einst das beste Orchester der Sowjetunion, sie tourten durch die ganze Welt. Und als die Sowjetunion aufhörte zu existieren, blieben sie einfach hängen in Deutschland. In Deutschland wiederum war Ingolstadt eine gute Wahl, um zu bleiben, weil es hier Audi gibt. Was heißt, dass zur Not Geld da ist, um Klassemusiker zu halten. Erzählt wird nun von den ersten Monaten im Hotel, vom Nachzug der Familien, von den ersten Eindrücken in der neuen Heimat.

Die thematischen Blöcke werden getrennt von Einlagen des Streichquintetts, alles Musiker, die bereits in den 60er oder 70er Jahren dem Orchester beitraten. Sie musizieren auf eine gelassen-gewitzte Art, dass auch einem Nicht-Ingolstädter schnell klar wird, weshalb man hier auf die Georgier so stolz ist. Die Geschichten selbst dürfen für sich stehen, sie werden nur dezent szenisch aufgepeppt. Zu Beginn steigen alle Beteiligten aus einer Seilbahngondel und schauen sich verloren die Umgebung an, grüßen vorsichtig einzelne Zuschauer.

die georgier5 560 c Jochen Klenk uLieder vom Ende des Kommunismus. V.l.n.r.: Sebastian Witt, Tamaz Lomidze, David Tsadaia
© Jochen Klenk

Als die Rede ist von Liana Isakadze, die seinerzeit die Leiterin, Geigerin und Dirigentin des Orchesters war und die wesentlich für den Verbleib in Ingolstadt verantwortlich ist, treten alle Schauspieler mit Perücke und Zigarette auf. Das ist zunächst durchaus heiter, endet dann aber in einem Zerwürfnis. Den Höhepunkt erreicht die Stimmung schließlich, als von der alten Heimat Georgien geschwärmt wird. Die Musiker tanzen, und die Schauspieler gehen ins Publikum, trinken Wein mit den Gästen, essen Essiggurken und zeigen Fotos. Man denkt, dieses Tiflis ist auf jeden Fall demnächst eine Reise wert. Doch gleich danach geht es um den Krieg, der dort zwei Mal getobt hat, und den die Ingolstädter Georgier nur aus der Ferne mitbekamen und der ihnen vielleicht bewusst gemacht hat, dass die neue Heimat nun endgültig geworden ist.

Gekommen um zu bleiben

Am Schluss ist dann noch die Rede davon, wieviel Dankbarkeit sie für Audi und die Stadt fühlen trotz mancher Schwierigkeiten im Alltag oder dem Wunsch nach mehr Bezahlung und Anerkennung. Wichtig ist ihnen vor allem, dass sie immer gearbeitet haben.

Die Geschichten der Georgier machen einem auf sympathische Weise bewusst, dass neben einem Menschen leben, die sich zwischen zwei Welten eingerichtet haben. Der werkgruppe2 gelingt es, diese Menschen sehr ernst zu nehmen und deren Kunst besser schätzen zu lernen, ohne sich aufzudrängen. Das Stück wird irgendwann abgespielt sein, während das Kammerorchester noch jahrelang in Ingolstadt spielen und dann immer noch mit der Aura des Besonderen umgeben sein wird.

 

Die Georgier (UA)
Ein Orchester zwischen den Welten
von werkgruppe 2
Regie: Julia Roesler, Recherche: Julia Roesler/Silke Merzhäuser, Ausstattung: Charlotte Pistorius, Musikalische Leitung: Nika Shamugia, Dramaturgie: Silke Merzhäuser/Rebecca Reuter
Mit: Ingrid Cannonier, Katrin Wunderlich, Jan Gebauer, Péter Polgár, Sebastian Witt, Streicherquintett des GKO: Lia Chkhartishvili; Victor Konjaev, Tamaz Lomidze, Vitali Sikarulidze, David Tsadaia
www.theater.ingolstadt.de

Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

 

Kritikenrundschau

Es gehe niemals um Einzelschicksale. "Dafür aber um einzelne Geschichten, Erlebnisse, Episoden. Sie passen mehr oder weniger zusammen, drücken die Pluralität der Standpunkte aus", schreibt Jesko Schulze-Reimpell vom Donaukurier (16.11.2016). "Die fünf Schauspieler machen ihre Sache grandios. Sie sind tief eingetaucht in den Charakter der Georgier, imitieren perfekt deren Ausländerdeutsch mit den harten Konsonanten und den fehlenden Artikeln."

Friedrich Kraft von der Augsburger Allgemeinen (16.11.2016) schreibt: "Dass die Theaterspielszenen (Regie Julia Roesler, Ausstattung Charlotte Pistorius) manchmal bemüht erscheinen und im Text gelegentlich Klischees bedient werden, bleibt nebensächlich." Hauptsache sei die Hommage für die Georgier, "denen, obwohl in aktueller Formation nicht auf der Bühne, eindeutig der Jubel des Premierenpublikums galt. Dem Stadttheater gebührt ein Kompliment für diese Spielplan-Idee".

"Das Tolle an dem Stück ist, dass es die spezifisch märchenhafte Geschichte des Orchesters erzählt, aber auch viel über das Europa der letzten 25 Jahre", schreibt Egbert Tholl von der Süddeutschen Zeitung (18.11.2016). "Dabei mag es eine Gratwanderung sein, die drei Schauspieler und die zwei Schauspielerinnen so sprechen zu lassen, wie es Menschen halt tun, die von weit her kommen. Aber es geht auf, es ist sicherlich auch sehr lustig, Lebensweisheit aus dem Osten, fröhlich und kugelaugenrund, und so menschlich schön. Und auch dies ist die Aufführung: ein prima Konzert."

 
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