Großes Pfui auf diese sexistische Gesellschaft!

von Annemarie Bierstedt 

Greifswald, 19. November 2016. Markus Voigt ächzt und stöhnt, jammert und klagt. Als Argan, der leidende Kranke von Molière, kriecht er auf der Bühne umher, fingert zittrig wie der Tod mit seinen schwarz behandschuhten Händen durch die Tablettenlöcher. Nach einem "Arzt, Arzt, Arzt!" schreit er. Oh, wie er sich grämt! In seinem schwarzen, mit einem Skelett bedruckten, hautengen Ganzkörperanzug wirkt er ja so schon grotesk. Aber Voigt spielt seine Rolle genial. Zum Glück kann er mit einem der vielen neonfarbenen Klistiere, die er sich in den Enddarm einführt, wenigstens abführen. Und das macht er auf der Bühne, das es nur so qualmt. "Oh!", jammert Voigt und fasst sich an das Hinterteil. Molière hätte seine wahre Freud gehabt mit dieser selbstmitleidigen Kreatur.

Sterilität und Kontrolle

Am Theater Vorpommern wird die 1673 uraufgeführte Komödie des französischen Dramatikers Molière von Dominik Günther inszeniert. Mit zeitgenössischem Bühnenbild, Kostümen und Multimediaprojektionen sowie Übersetzung von Simon Werle aus dem Jahre 2008 holt der Regisseur das Stück direkt in die Gegenwart. Mit Markus Voigt in der Titelrolle hat er einen Nerv getroffen. 

EingebildeteKranke2 560 Vincent Leifer uJan Bernhardt (Monsieur Purgon, Argans Arzt), Markus Voigt (Argan, der eingebildete Kranke)
© Vincent Leifer

Der Angstbesessene tyrannisiert seine Umgebung: Töchterchen Angelique soll wider Willen einen Arzt heiraten; Dienerin Toinette, von Anne Greis als keckes Frauenzimmer gespielt, ihm Darmspülungen verabreichen. Mit Unmengen an Desinfektionsmittel, Schutzanzug, Mundschutz und Gummihandschuhen schafft Greis einen klinisch-sterilen Raum – ironische Übertreibung für den gesellschaftlichen Wahn des 21. Jahrhunderts nach Sterilität und Kontrolle. Eingespielte, großflächige Lichtprojektionen von Bakterien konservieren Argans Angst auf der Bühne.

Für alles gibt es ein Pillchen

Aber nochmal zurück zu den Tablettenlöchern: Das Bühnenbild von Sandra Fox ist auf jeden Fall speziell: Die überdimensionale Pillenpackung (3 mal 3,5 Meter) präsentiert das unrealistische, realistische Krankenzimmer. Die "Tabletten", große weiße Kissen, können die Schauspieler nach Herzenslust versetzen oder in deren Löcher kriechen. Ständig stecken Notare und Ärzte ihre Köpfe hindurch. Argan nutzt die Löcher als Toilette. Das Bühnenbild überhöht und abstrahiert das Übel der Realität: Es versinnbildlicht die intendierte Kritik des Regisseurs am gesellschaftlichen Gesundheitswahn, belustigt sich darüber, dass Pharmaindustrie und Ärzte der verängstigten Gesellschaft das Geld aus der Tasche ziehen. Es gibt schließlich für alles ein Pillchen. Wissenschaft steht über der Natur, um mit dem Philosophen Montaigne zu kritisieren. Ein Nicht-Funktionieren in der gegenwärtigen Leistungsgesellschaft funktioniert halt nicht, möchte der Regisseur damit wohl vermitteln.

Manfred Ohnoutka und Marvin Rehbock stehen als Hausarzt Herr Diarrhoerius und dessen Sohn für ein verdammt gehässiges Ärztebild. Molières Monsieur Diafoirus in sarkastischem Humor in Herrn Diarrhoerius umzuwandeln, das war übrigens das Werk von Übersetzer Simon Werle. Rehbock wirbt wie ein Wackeldackel um Argans Tochter und dann geht's echt bis unter die Gürtellinie: Lustmolch Diarrhoerius Junior begrapscht Angeliques (Susanne Kreckel) Brüste, fasst ihr gar in den Schritt und an den Hintern. Es wird abgespritzt, Vater Diarrhoerius überreicht Angelique gar ein Kondom mit dem Sperma seines Sohnes. Großes Pfui auf diese patriarchalische, sexistische Gesellschaft! Theater scheint heute ohne sexuelle Anspielungen nicht mehr auskommen zu wollen. Was sagt das wohl über die gegenwärtige Gesellschaft aus? Kreckels fassungslose Blicke als Angelique sind jedenfalls markerschütternd.

EingebildeteKranke3 560 Vincent Leifer uJörg F. Krüger (Monsieur Fleurant, Apotheker / Notar), Markus Voigt (Argan, der eingebildete Kranke), Chiaretta Schörnig (Béline)  © Vincent Leifer

Jede Zelle ist voll gut drauf

Nun, Chiaretta Schöring als ihrem Ehemann nur nach dem Vermögen trachtende Béline, macht auch viel Spaß: Mit roten Gummihandschuhen und Leopardenstiefeln umflirtet sie die Männerwelt und freut sich über Argans erhofften Nicht-Tod: "Dieser dreckige alte Sack, mit Spucknapf und immer ein Klistier im Hintern". Der Fäkalhumor bleibt über das ganze Stück beständig und entlockte dem ausverkauften Saal zahlreiche Lacher. Schließlich können auch nur die dem Tod seinen Schrecken nehmen: "Toinette: Sterben Sie zur Probe. /Argan: Sich totstellen, ist das nicht gesundheitsschädlich?" Am Ende des gut zwei Stunden dauernden Klamauks wird alles gut: Argan erhält seine Darmspülung. Angelique kann ihren Geliebten Cléante heiraten.

Eine durchaus gelungene Inszenierung, die nicht nur mit einem sympathischen Argan und extrem überspitztem Humor punktet. Mit dem getanzten Youtube-Mantra Jede Zelle meines Körpers ist glücklich des Gurus Mosaro konnten die Zuschauer vielleicht auch noch etwas für ihre ganzheitliche Bewusstseinserweiterung tun.

 

Der eingebildete Kranke
von Molière
Übersetzung: Simon Werle
Inszenierung: Dominik Günther a. G., Bühne und Kostüme: Sandra Fox a. G., Dramaturgie: Hannes Hametner.
Mit: Markus Voigt, Chiaretta Schörnig, Susanne Kreckel, Lutz Jesse, Jan Bernhardt, Ronny Winter, Anne Greis, Manfred Ohnoutka, Marvin Rehbock, Jörg F. Krüger.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www.theater-vorpommern.de

 
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